Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1901)
- Date
- 1901-02-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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369 sen. Geben ist nicht nur seliger, sondern es ist auch unerläßlicher als Nehmen. Der Klaffen- und Rassenhaß wird von der Erde verschwunden sein in dem Augenblick, in dem diese Eigenthümlichkeit des jüdischen Kapitals Gemeingut der Menschheit geworden sein wird. Alle Armuth würde ihr Ende in dem Augenblick erreichen, in dem alle Begüterten zehn Prozent ihrer Habe und ihres Erwerbes dem weniger Bemittelten zuwendeten, wie es das Gesetz Gottes uns vorschreibt. Und während sich heute die glücklichen Besitzenden und unglücklichen Enterbten wie zwei feindliche Lager gegenüberstehen, still grollend ihre Kräfte messen und den günstigen Augenblick abwarten, um sich gegenseitig zu zerfleischen, würde die Beherzigung und Berwirklichung der Botschaft, welche Paraschath Schekalim alljährlich auf's Neue bringt, die erbitterten Kämpfer in versöhnte Brüder, in Kinder eines Vaters umwandeln. Die gähnende soziale Kluft wäre geschloffen, die heute zwischen Reich und Arm gähnt. Der Reiche würde nicht mehr und der Arme nicht weniger gelten. Jeder leistete seinen Beitrag, wie beträchtlich oder wie geringfügig er auch sei. Nicht die Größe und nicht die Winzigkeit des Beitrages entschiede über Rang und Stellung in der menschlichen Gesellschaft, sondern die Leistung an und für sich. „Wenn der Reiche und der Arme vollkommen jeder das Seine, sein Ganzes leistet, so wiegen vor Gott und seinem Heiligthum gegenüber, Hunderte und Tausende der Reichen nicht mehr, als die Einer und Zehner der Armen, und die Einer und Zehner der Armen sind ganz gleich den Hunderten und Tausenden der Reichen. Der Reiche kann nicht mehr und der Arme soll nicht weniger als die Hälfte eines Schekeln leisten. Gott und das Heiligthum wägen nicht die absolute, sondern die relative Größe der Leistung, schätzen sie im Verhältniß zu dem Vermögen und der Fähigkeit des Leistenden. Jeder, der die volle Kraft des ihm an Fähigkeit und Vermögen Verliehenen im Dienste Gottes, in Förderung Seines Heiligthums verwendet, der hat damit seine rratra als sein „Symbolum" auf Gottes Altar gelegt." (Hirsch's Pent. Comment. zu 2. B. M., 30, 16.) Das ist die Großmacht, oder richtiger die Großthat des jüdischen Kapitals. Wo sie begriffen, beherzigt und verwirklicht wird, hebt sie das Haupt der von ihr Erfüllten und läßt sie leichten Herzens den Haß und Neid des großen Trosses dafür ertragen. Das Recht und die Liebe werden sich stärker, als Willkür und Haß erweisen. Wenn aber in unseren Reihen die Wahrheit der Schekalim^Lehre verkannt werden sollte, wenn wir nehmen, erwerben und genießen möchten, ohne den Einsatz durch unsere Gaben zu leisten, so werden wir allenthalben auf Enttäuschung und Zurückweisung stoßen. Halten wir aber fest an dem alten, jüdischen Privilegium, zu Geben und zu Leisten, so mögen wir den Einsatz unseres Gebens und Leistens, unseres Wirkens und Strebens, wie auch Menschen darüber denken mögen, ruhig Gott anheim stellen. Gottes Liebe nimmt unsere reinen, vollen Leistungen, wie hälftig und ungenügend sie auch Menschen erscheinen mögen, als Sühne und Löse unseres Daseins entgegen und läßt den Saatkeim nicht verloren gehen, den wir in den Schoß der Zeiten streuen, läßt ihn ausgehen und Früchte tragen, an welchen sich einst noch die ganze Menschheit laben wird, die heute noch über diese eigene National - Oekonomie der jüdischen Schekel-Lehre lächelt! wmPBi iss!? *n *jbS piinS ’ja1? rrm Zeitungsnachrichten und Eorrefpondenzen. Deutschland. Berlin, 7. Febr. (Reichstag.) Nach einer fast siebenstündigen Sitzung hat der Reichstag heute vom Etat der Reichsjustizverwaltung wenigstens den Titel „Staatssekretär" angenommen und damit die allgemeine Debatte über die verschiedenen Rechtsbeschwerden, die sich an diesen Titel anzuknüpfen pflegen, zu Ende geführt. Es war in der Hauptsache wieder eine Debatte um den Konitzer Mord, in der zwar sachlich nichts Neues zu Tage gefördert werden konnte, die aber den Antisemiten für ihre Agitationsreden herhalten muß. Der Staatssekretär des Reichsjustizamt, Nieberding, hat zwar gestern gemahnt, nicht durch solche unfruchtbare Diskussionen die Erregung im Lande zu steigern, aber darauf kommt es den Antisemiten ja gerade an und so haben sie immer von Neuem wieder die alten Beschuldigungen in aller Breite wiederholt. Sie befolgen das System, die Behauptungen, welche sie einmal aufgestellt haben, immer von Neuem zu wiederholen, unbekümmert um alle thatsächlichen Gegenfeststellungen, und mit dieser Wiederholung vermeinen sie dann den Beweis geführt zu haben. Es ist schwer, mit ibnen zu streiten, weil sie die blödsinnigsten Ammenmärchen als erwiesene Wahrheit hinnehmen. Heute sprachen von ihnen Liebermann von Sonnenberg, Werner und Bindewald. Alle sprachen wieder die gleichen Verdächtigungen gegen die Behörden aus: daß sie die Spuren gegen die Juden nicht verfolgt hätten, eine Behauptung, die den Thatsachen direkt widerspricht. Während es notorisch ist, daß ein antisemitischer Untersuchungsausschuß wochenlang in Könitz sein hetzerisches Unwesen getrieben hat, behauptet Liebermann von Sonnenberg, ein „jüdisches Verwirrungskomitee" habe in Könitz gewirkt. Der Ehrenwerthe behauptete auch kaltblütig, die Juden hätten selbst die Tumulte gegen sich provozirt, um damit Stimmung für sich zu machen, und ganz ernsthaft fügte er hinzu, daß die Tumulte gar nicht so erheblich gewesen seien. Ein Mann, der solches Zeug dem Reichstage zu bieten