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Der Israelit · 1901-02-11 · Heft 12 (11.2.1901) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 12 (11.2.1901)
Date
1901-02-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Die Sünde des goldenen Kalbes hatte trostlos .beschämt die Häupter Israels zu Boden gesenkt und sie ihres Schmuckes vom Berge Horeb beraubt; der Tanz um das goldene Kalb kann es daher niemals sein, der die jüdischen Häupter mit Selbstbewußtsein erfüllt und sie wieder hoch aufrichtet. Was das jüdische Haupt erhebt, ist nicht Nehmen, Erwerben, Besitzen und Genießen, sondern: Geben, Leisten, Spenden und Helfen. Das ist der Zweck, dies das Geheimniß und die Macht des jüdischen Kapitals, die uns auch heute noch selbstbewußt das Haupt erheben läßt. Wie der Segen, welcher dem ersten Stammvater des jüdischen Volkes würde, nicht darin bestand, gesegnet zu werden, sondern anderen zum Segen zu gereichen — rvm 71212 — so ist auch in allen Zeiten, selbst der tiefsten Gesunkenheit seines Volkes, leistend, helfend, spendend, die Hochziele der Menschheit mit den von Gott beschiedenen Dritteln zu fördern, der höchste Segen, der uns himmelhoch über alle Miseren des Lebens hinweg hebt. — Die Forderung: „Wir sollen geben," ist in der heiligen Sprache durch ein Wort wrui wiedergegeben, das vorwärts und rückwärts gelesen, denselben Sinn gibt. Es ist damit auch äußerlich der Wahrheit Ausdruck verliehen, daß Leisten, Spenden und Geben, von welcher Seite auch betrachtet, immer diejenige Pflicht bleibt, welche das Haupt Israels zu heben die Kraft hat. Wohl wurde und wird auch außerhalb des jüdischen Kreises in hochherziger Weise für hohe Zwecke gesteuert und gespendet. Aber alle diese Leistungen beruhen auf den Regungen des Mitleides, der Menschenliebe, des Wohlthätigkeitssinnes und ähnlicher edler Impulse. Sie sind daher freiwillige edle Regungen des menschlichen Herzens und bleiben von diesen abhängig, wo und wann sie auch geübt werden, Akte der Gnade und des Erbarmens. Die Menschenliebe und ihre Regungen des Wohlthuns zum Gesetz erhoben zu haben, ist aber bis zum heutigen Tag noch ein Privilegium des Judenthums, das unabhängig von Sympathien und Antipathien zum Geizigen und zum Freigebigen. zum Reichen wie zum Armen im Namen des Gottesgesetzes spricht: urw sie müssen geben. Deßhalb bezeichnet der jüdische Sprachgebrauch die Wohlthätigkeit als einen Akt der Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit und hat für die Wohlthat, die wir üben und für die Gerechtigkeit, aus der sie fließt, ein und dieselbe Bezeichnung: Deßhalb erhebt die Leistung des Begüterten wohl denjenigen, der sie leistet, über alle Niederungen der Selbstsucht, des Eigennutzes und der Herzlosigkeit, aber sie hat keine Ueberhebung zur Folge. Mit seiner Gabe hat der Geber nur seine Pflicht erfüllt. Die landläufige auf den Regungen des Mitleides und Erbarmens basirte Wohlthätigkeit verletzt dagegen den Empfänger und läßt bei dem Spender nur allzuleicht das Bewußtsein der Ueberlegenheit lebendig werden. Der jüdische Spender leistet mit seiner Spende eine von Gott ihm auferlegte Steuer. Ein Steuerzahler hat aber keinen Anlaß, auf die Erfüllung seiner Steuerpflicht sich etwas zu gute zu thun, so wenig es für den Steuerempfänger etwas Beschämendes hat, den Steuerbetrug in Empfang zu nehmen. Diese Steuer zahlt der Jude für das Recht des Daseins, für das Glück, in Gottes Welt athmen zu dürfen. Es ist eine Welt, in der alles gibt und spendet und deren Bestand an diese fortgesetzten gegenseitigen Leistungen geknüpft ist. Wenn unsere Lehrer uns das Jnteressirte, Kleinliche und Ungerechte Desjenigen veranschaulichen wollen, der z. V. gegen das Gesetz Gottes Zins und Wucher nimmt, so führen sie uns, die ergreifende Harmonie i« Gottes Welthaushalt vor und sprechen: „Alle Geschöpfe Gottes leihen eines vom andern. Der Tag leiht von der Nacht und die Nacht vom Tage, und sie vrozessiren nicht über das Entliehene, wie es die Menschen thun. Der Mond entleiht Licht von den Sternen und die Sterne vom Mond, und wenn es Gott beliebt, zieht er das Licht ganz zurück. Das Tageslicht leiht von der Sonne und die Sonne vom Tageslicht. Die Weisheit leiht von der Vernunft und die Vernunft von der Weisheit. Die Gerechtigkeit leiht von der Liebe und die Liebe von der Gerechtigkeit. Der Himmel leiht von der Erde und die Erde vom Himmel. Die Thora (Theorie) leiht von den Mizwoth (Praxis) und die Mizwoth leihen von der Thora, alle Wesen leihen sich gegenseitig, zahlen und ergänzen sich gegenseitig und wenn ein Mensch aus Fleisch und Blut von seinem Genossen einmal etwas entlehnt, möchte ihn dieser durch Wucher und Zins zu Grunde richten!" iMidrasch Tanchume zu 2. B. M., Cap. 22, V. 24.) Wer nicht leisten und spenden will, hat sich damit selber in Gegensatz zu den Gesetzen gesetzt, welche in Gottes Welthaushalte gelten und geht an diesem Gegensatz zu Grunde. Wer gibt, leiht, hilft und spendet, hat damit seine Zugehörigkeit zu der großen Schaar der Gott dienenden Kräfte und Wesen bekundet, hat das Lösegeld entrichtet, an welches das Recht zu leben geknüpft ist. Der große Troß glaubt uns das Leben zu verkümmern, wenn er uns das Recht, zu erwerben und zu genießen, kurz, das Privilegium zu nehmen, schmälert. Aber so lange uns das Recht, die Pflicht, die Möglichkeit zu Geben und zu Leisten bleibt, ist uns die Quelle geöffnet, aus welcher unsere Lebenskraft fließt. Nur derjenige, auf den man zählen kann, wird in unseren Reihen gezählt. Zählen kann man aber nicht auf denjenigen, der jeden Augenblick gewillt ist, zu nehmen, sondern der immer und überall bereit steht, zu geben und zu leisten. Das ist das Geheimniß der jüdischen Kapitalmacht. Deßhalb haben Sterben u. Tod keine Macht über Diejenigen, die auf diese Weise ihr Daseinsrecht einlö-

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