Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1901)
- Date
- 1901-02-07
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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26» Andere kleine Schriften, von welchen eine ganze Anzahl während der furchtbaren Judenhetze in Südrußland im Jahre 1882 von Rülf in die Welt geschickt wurden, kommen weniger in Betracht. Von den Vorträgen RUlf's seien hier erwähnt: „Schleiermackier als Neligionsvirtuos." „Leffing als Held der Aufklärung." „Was wir sollen und wollen." Vortrag, gehalten bei Eröffnung des „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur" zu Memel. „Zur Geschichte der Juden in Memel." (Abgedruckt im ersten Bericht der israelitischen Religionsschule zu Memel, 1900.) Seiner Thätigkeit als Chef-Redakteur des „Memeler Dampfboot" sei hier nur beiläufig erwähnt. Was Rülf in dieser feiner Stellung zur Unterdrückung und Bekämpfung des Antisemitismus gethan, verdient alle Achtung und volle Anerkennung seiner Glaubensbrüder. Den Eck- und Schlußstein seiner schriftstellerischen Thätigkeit aber bildet sein großes Hauptwerk über „Metaphysik," ein Werk, das von der philosophischen Welt als geradezu „epochemachend" bezeichnet wird. Schon seine Promotionsschrift 1864, ..Qua fundamenta metaphysices prorsns novae ponere conatus estT“ wie ist die Metaphysik auf neuen Grundlagen aul ubauen?" — deutet auf dieses große Werk hin. — In der Haft und dem Drang aller der Anforderungen seines so ausgebreiteten Wirkungskreises konnte bei Rülf dieser Gedanke nur sehr allmählich zum Svsteme ausreifen. Erst im Jahre 1884 ging Rülf an die Arbeit dieses seines Hauptwerkes, und im Jahre 1888 erschienen die ersten beiden Bände des auf fünf Bände berechneten Werkes. Das System ist in folgende Tbeile gegliedert: Wiffenschaft des Weltgedankens, Wissenschaft der Gedankenwelt, Wiffenschaft der Krafteinbeit, Wiffenschaft der Geisteseinheit, Wiffenschaft der Gotteseinheit. Der Wunsch, seinen Lebensabend in der Nähe ner Kinder zu verbringen, veranlaßte Dr. Rülf noch 68. Lebensjahre, den Wohnort zu wechseln und von mel nach Bonn am Rhein Lberzusiedeln. Seitdem er dort ganz philosophischer Muße hingegeben, um philosophisches Hauptwerk (Metaphysik) der Voloung nahe zu bringen. Möge er in ungeschwächter Kraft noch recht lange der Wiffenschaft und seinen Mitmenschen erhalten bleiben. Emil Benjamin. Marburg, 4. Febr. Die „Heff. Landesztg." hat dem Reichstagsabgeodneten des hiesigen Wahlkreises, Dr. Böckel, einen bösen Streich gespielt. In einer ihrer jüngsten Sonntagsnummern bringt sie einen Artikel, in dem sie Dr. Böckel vorhält, daß er als antisemitischer Abgeordneter mit dem jüdischen Parlamentsjournalisten Dr. Hamburger (der einige Zeit den Reichstag nicht besuchen durfte) in geschäftlicher Verbindung stehe, indem er gegen Entgelt dem genannten Journalisten Berichte aus den Kommissionssitzungen geliefert habe. Die „Heff. Landeszeitung" bezeichnet dieses Verfahren, angewandt von einem antisemitischen Abgeordneten, als politisch charakterlos und fordert Böckel auf, da er unmöglich im Sinne seiner Wähler gehandelt haben könne, sein Mandat niederzulegen. Daß das genannte Blatt seiner Sache sicher ist, beweist wohl der Umstand, daß es Böckel seine Spalten zur Aufnahme einer Rechtfertigung überlasten will. Bis jetzt ist eine solche noch nicht erfolgt. O e st er r. - Ungar. Monarchie. Wien, Ende Jan. Die Wahlen in Oesterreich sind nunmehr beendet. Das Gesammtresultat ist aber keineswegs so erfreulich, als man nach den Jubelartikeln der österreichischen Blätter hätte annehmen dürfen. Zwar haben die christlich-sozialen elf Sitze und viele Stimmen verloren, dafür aber haben die Deutschradikalen und die deutsche Volkspartei viele Sitze gewonnen. Die drei Parteien haben zusammen 88 Abgeordnete gewählt, denen der Antisemitismus ein Hauptpunkt ihres Programms ist. Die katholische Volkspartei, die 23 Abgeordnete zählt, wird dies Programm gern unterstützen, und von den Jungczechen ist auch mindestens die Hälfte antisemitisch. Wenn nun auch der Führer der Deutschradikalen mit seinem Jubelruf: „Nunmehr kann die Judenfrage endlich gelöst werden," weit über das Ziel hinausgeschoffen hat, so muß man doch befürchten, daß die Juden in Oesterreich ernsten Tagen entgegensetzen. Leider sind sie nicht ganz ohne Schuld an diesem Wahlausgang. Sie haben in Böhmen und Mähren Deutschradikale gegen Sozialdemokraten gewählt und sind in Galizien zum Theil unter Führung der Rabbiner und Gemeindevorsteher an die Wahlurne gegangen, um polnischen Antisemiten ihre Stimmen gegen jüdische Kandidaten zu geben. Solche Fehler müssen sich bitter rächen. Frankreich. Paris«, ZI. Jan. Bei der Berathung des Gesetzes über die geistlichen Orden hat es der antisemitische Abgeordnete Lasies für angemessen gehalten, auch die „Alliance israelite" in den Kreis seiner Betrachtungen zu ziehen. Zuerst hat er eine Rede Zadoc Kahn's in ganz entstellter Form wiedergegeben, dann hat der saubere Herr Abgeordnete der „Alliance isr." vorgeworfen, sie habe den galizischen Juden gerathen, sich des Nationalreichthums und des gesammten Staates zu bemächtigen, und dabei habe sie ihnen ihre Unterstützung und ihren Beistand versprochen. Lasies hat sich nicht gescheut, solchen Blödsinn auf der Tribüne der Deputirtenkammer zu sprechen! Daraufhin hat sich Zadoc Kahn veranlaßt gesehen, einen Brief an den Kammerpräsidenten Dcschanel zu richten, in dem er die Verleumdungen des Abgeordneten Lasies zurückweist,