Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1901)
- Date
- 1901-02-07
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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261 ZeitungSnachrichten und «orrefpondeuzctt. Deutschland. Berlin, 4. Febr. (Jüdische Arbeiterkolonie.) Am 1. August d. I. wird in Neu-Weißensee die erste jüdische Arbeiterkolonie auf deutschem Boden eröffnet werden. Die Grundstücke im Werthe von 15,000 Mark wurden von dem früheren Rittergutsbesitzer Ludwig Meyer dem „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund" zu Berlin schenkungsweise überlasten. Nun ist die zur Annahme der Meyer'schen Schenkung erforderliche königliche Genehmigung erfolgt, auch wurde die Errichtung der erwähnten Arbeiterkolonie nebst Asyl für arme Israeliten als ein „milde Stiftung" anerkannt und bestimmt, daß ein Schenkungsstempel nicht erhoben werden soll. Mit der Bauausführung wurde die Firma Lachmann u. Zauber-Berlin beauftragt, deren Offerte mit 114,344 Mark die niedrigste war. Zur Durführung des Planes trug nicht unwesentlich bei, daß die „Jewish Colonisation Assoziation" den Betrag von 160,000 Mark als Darlehen zur Verfügung stellte. Memel, 4. Febr. (Eine biographische Skizze.) Dr. N ü l f, der am 10. ds. Mts. sein siebzigstes Lebensjahr vollendet, ist ein Mann von so hervorragender Bedeutung, daß es nicht unangebracht erscheinen dürfte, bei dieser Gelegenheit den verehrlichen Lesern dieses Blattes, insbesondere seinen vielen Freunden und Verehrern, eine kurze Skizze seines Lebens zu geben. Rülf wurde geboren am 10. Februar 1831 in Rauisch-Holzhausen bei Marburg in Hesten, und erhielt den ersten Unterricht in der jüdischen Dorfschule. Rach dreijährigem Aufenthalte bei dem Kreisrabbiner Wetzlar in Gudenberg bei Castel in Hesten, entschloß Rülf sich, zum Lehrfache sich vorzubereiten. Schon nach etwa zweijährigem Studium bestand er das Lehrerexamen und wurde auch sofort als Hülfslehrer wieder nach Gudenberg zu seinem Talmudlehrer berufen. Von jetzt ab fing Rülf an, sich ernstlich für das rabbinische Studium vorzubereiten. Nach abermaligem dreijährigen Aufenthalte kündigte Rülf seine Stelle und verließ den Ort, um sich noch weiter für das Nniversitätsstudium vorzubereiten. In seiner Heimath war ihm dazu der katholische Pfarrer und der Kaplan, welch' letzterer noch als Domherr in Fulda lebt, behülflich. — Rach etwa einem Jahr bezog Rülf endlich die so nahe gelegene Universität Marburg, studirte aber zuerst nicht als Rabbiner, sondern als Mediziner. Fast ein Jahr hindurch hatte Rülf nur medizinische, das will sagen, vorerst nur naturwistenschaftliche Collegien gehört, ihm war aber schon von früher her durch Privatlectüre die Philosophie an's Herz gewachsen, und nach Rücksprache mit seinem dortigen Professor 8. Zeller, verließ er da§ Fach und widmete sich von jetzt ab ausschließlich dem jüdischen theologischen Studium, das ihm auch Gelegenheit gab, in das Studium der Religionsvhilosovhie immer tiefer einzudringen. Seinen Lebensunterhalt gewann er sich dadurch, daß er die bei der israelitischen Gemeinde freigewordene Lehrer stelle übernahm, beziehungsweise eine solche Schule daselbst erst errichtete. Ostern 1864 war er zur Universität gekommen. Im Dezember bestand er die Prüfung als Rabiner bei der dortigen Prüfungskommission, einer von der theologischen, philologischen und philosophischen Fakultät besonders abgezweigten Kommission für Bewerber um Rabbinerstellen im damaligen Kurfürstenthum Hessen. Er verblieb jedoch noch lehrend und lernend in Marburg bis Oktober 1869, war darauf bis April 1863 Lehrer und Prediger an einem Ort im Großherzogthum Hesten und von da bis November 1866 Religionslehrer in Mecklenburg-Schwerin. Während seines Aufenthaltes in Schwerin benutzte Rülf die Gelegenheit, um an der Landes-Universität Rostok zu promovieren. November 1866 trat Dr. Rülf seine Stelle in Memel an, woselbst er bis zum Frühjahr des Jahres 1898 in verschiedener gemeinnütziger Weise thütig und wirksam war. Als im Jahre 1867 der schwere Nothstand über Ostpreußen hereinbrach, wurde Rülf gleichfalls in das Hilfskomitee als Schriftführer berufen. Protektor aller Komitees war der damalige Kronprinz von Preußen, der nachmalige Kaiser Friedrich. Was indeß hier in Ostpreußen bloßer Nothstand war, das war drüben in Westrußland geradezu Hungersnoth, welche besonders die jüdische Bevölkerung schrecklich ergriffen hatte. Es bildete sich in Memel ein Komitee zur Unterstützung der russischen Juden in Westrustland, an dessen Spitze Rülf stand. Damit war Rülf gleichsam zum Anwälte der russischen Juden geworden und ist es geblieben bis zur Stunde, da er Memel verließ, ganz ebenso, wie ihn das Armenwesen der Stadt Memel bis zu seinem Scheiden von Memel beschäftigte. Diesen Bestrebungen verdankt ein großer Thei! seines Schriftthums seine Entstehung. Von seinen zahlreichen Schriften sind uns bisher folgende bekannt geworden: 1) „Zur Bertheidigung der Juden hier und überall." Mit besondere Rücksicht auf ihre Stellung und Beaufsichtigung in Kurhesten. Marburg, 1868. 2) „Meine Reise nach Kowno." Memel 1869. 3) Der Einhcitsgedanke." Als Fundamentalbegriff aller Religion und Wissenschaft, als Verständigungsbasis unter den Gebildeten aller Konfessionen und Nationen. Memel 1880. 4) „Drei Tage in Jüdisch-Rußland." Ein Kulturu. Sittenbild. Memel 1882. 6) „Aruchas bas Ammi." „Heilung Israels." Memel 1883. 6) „Die russischen Juden." Memel 1890.