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Der Israelit · 1901-02-04 · Heft 10 (4.2.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 10 (4.2.1901)
Date
1901-02-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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235 Consistorium von selbst seinen übereilten Schritt gegen Sie einsehen und jedenfalls ist Ihnen der Weg zu Ihrer Rechtfertigung unbenommen. Im Dorfe weiß zur Zeit Niemand was von der Geschichte, nicht einmal der Holzmann, dagegen möchte ich meinen Kopf verwetten. Wir haben also Zeit, einmal darüber zu schlafen und einige Tage die Situation ruhig zu überlegen. Inzwischen legen Sie sich im Kopfe Ihre Rechtfertigung zurecht; wenn Sie dieselbe zu Papier gebracht haben, wollen wir sie miteinander durchgehen und dann in acht Tagen zur Post geben. Haben Sie das Buch zur Hand, in welchem Sie die Einkünfte für die Waisen notirt haben und auch das Sparkastenbüchelchen, in welchem die 76 Gulden eingetragen sind?" „Ich habe beides hier in der Tasche; seht es Euch nur an, es ist Alles in Ordnung." „Geben Sie mir die zwei Büchelchen mit nach Hause, da kann ich mir Alles mit mehr Ruhe durchsetzen. Morgen muß ick über Land und gehe schon früh fort, ob ich Abends wieder hier bin, weiß ich selber noch nicht, aber jedenfalls bin ich übermorgen zurück, dann wollen wir die Sache gründlich durchsprechen und unseren Entschluß fasten. So viel kann ich Ihnen aber jetzt schon sagen, ich habe eine Ahnung, ja, ich darf sagen, die Gewißheit, die Sache muß einen guten Ausgang nehmen. Wir haben einen großen Gesetzeslehrer Namens Rabenu Moscheh ben Maimon — wir nennen ihn nach den Anfangsbuchstaben seines und seines Vaters Namen kurz: Rambam — welcher sagt, daß von der Wohlthätigkeit, die Jemand an Andern übt, noch nie etwas Böses erfolgt sei. Eine so selbstlose, verdienstvolle Handlungsweise, wie Ihr sie da geübt habt, kann nicht mit einem so schwarzen Verdacht endigen. Euer gutes Recht wird sicher zu Tage treten und Ihr werdet statt Schande — Ehre und Anerkennung um so sicherer davon tragen, je weniger Ihr ja darnach gestrebt habt. Und nun guten Muthes, ehrwürdiger Herr, sobald ich frei bin, spreche ich wieder vor." Sichtlich beruhigt reichte der ehrwürdige Geistliche seinem jüdischen Freunde die Hand zum Abschiede. Er war von Allem, was in den letzten Stunden auf ihn eingestürmt war, so zerstreut, daß er den verhängnißvollen Brief noch immer in der Rechten hielt, die er dem Freund zum Handschlag hingehalten hatte. Bensew nahm den Uriasbrief aus der Hand des Pfarrers und sagte: „Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich den ganzen Wisch sofort verbrennen, das würde Sie ohne Zweifel mehr beruhigen, als wenn Sie ihn immer von neuem durchlesen. Da Sie das aber wahrscheinlich doch nicht thun, so will ich ihn wenigstens zu mir stecken und ihn zu den beiden Büchelchen legen, bis wir wieder zusammen kommen. Es ist bei mir viel besser aufgeboben, als bei Ihnen." Ohne die Zustimmung des Pfarrers abzuwarten, faltete er das Papier zusammen, steckte es in seine Tasche und verließ mit einem herzlichen Händedruck den Freund. Als Bensew in vorgerückter Nachtstunde nach Hause tarn, spielte ein verklärter Zug von Seelenfreude um seine harten, schart ausgeprägten Gestchtszüge. Hätten seine Leute nicht schon schlaftrunken sich gerade angeschickt, zur Ruhe zu gehen, so wäre ihnen das sicher nicht entgangen. „Ich habe durch den Besuch beim Pfarrer ganz vergessen. Euch zu sagen, daß ich morgen früh auf dem Vorsteher-Amt in Cassel sein muß. Hänge mir meinen Jomtof-Rock heraus und lege mir einen von Deinen guten Handkäsen zurecht. Brod will ich mir schon selber schneiden — und geht dann zu Gutem in's Bett. Bis Ihr aufsteht, bin ich, so Gott will, in Cassel. Ich komme womöglich morgen Abend wieder zurück, aber sicher ist es nicht, da ich nicht weiß, wie lange ich dort aufgehalten werde. Schlaft wohl und gesund!" Dann nahm er einen kleinen Handspiegel und Scheere, stutzte sich seinen Bart zurecht, und als er sicher war, daß Alle schliefen, nahm er das Sparkassenbüchlein und das Büchelchen, in welchem die Einnahmen und Ausgaben für die Waisen verzeichnet waren, prüfte Alles sorgfältig und seinem zufriedenen Blicke nach zu urtheilen, fand er Alles in bester Ordnung. Dann nahm er das Consistorialschreiben zur Hand, las es sorgfältig durch und prägte sich besonders die Unterschrift genau ein, sie lautete: Prälat Schellenberg. Inzwischen war es Mitternacht geworden; er zog seine besten Kleider an, steckte in die Brusttasche seines blauen Jomtofrockes die drei Dokumente, in die Hintertasche nahm er seine Tefillin und seinen bescheidenen Mundvorrath, dann ergriff er seinen derben Ziegenhainer, löschte das Licht aus, küßte zum Abschied die Mesuse und ging geraden Weges über Melsungen. Körte und Gurhagen nach Kassel, das er nach siebenstündigem Marsche Morgens um sieben Uhr erreichte. Der aufmerksame Leser hat Bensew's Absicht wohl schon errathen: er wollte direkt bei dem Consistorialpräsidenten zu Gunsten seines so schwer gekränkten Freundes vorstellig werden und für dessen Unschuld eintreten. Bei einer befreundeten Familie zu Gurhagen hatte er auf dem Wege sein Morgengebet verrichtet und Gott um seinen Beistand für das gute Werk angerufen, das er zu vollbringen im Begriffe war. Neu gestärkt setzte er seinen Weg fort, aber als er durch die Straßen der kurfürstlichen Residenz schritt, stellte sich ihm schon das erste Hinderniß entgegen: er wußte die Wohnung des Prälaten Schellenberg nicht. Wen er danach fragte, sah ihn groß an mit einem Blick, der staunend fragte: Was hat ein simpler Dorfjude bei dem höchsten kirchlichen Würdenträger des Landes zu suchen? Aus Uebermuth und Unwissenheit erhielt er dreimal verkehrten Bescheid, bis sich ein Brief-

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