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Der Israelit · 1901-02-04 · Heft 10 (4.2.1901) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 10 (4.2.1901)
Date
1901-02-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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230 und Judengassen, die Judengesetze mit ihrem Hohn und Spott gegen die ersten, ältesten Priester der Menschenliebe, sie sind geschwunden, die Abzeichen, Beschränkungen und Verkümmerungen jeder Art, sie sind geschwunden vor dem Geist der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit und Gottebenbildlichkeit, der alle Fugen auch des jüdischen Lebens durchfluthet. Vor diesem Geist ist der zopfige, zünftige Wahn zerstoben, der die Juden von Handwerk und Grundbesitz, von jedem redlichen Geschäft und Gewerbe ausschloß. Sie ringen gemeinsam mit ihren nichtjüdischen Mitbürgern um alle Güter des Lebens, Kunst und Wissenschaft, Handel und Industrie; Stadt und Land stehen ihnen wie jedem Andern zur Entfaltung ihrer Kräfte offen, welch' eine ungeahnte herrliche Zeit! Vor diesem entzückten Blicke schwinden die Schäden und Mängel, die unserer Zeit noch anhaften, sowie die Wünsche und Hoffnungen, die auch in unserer Zeit noch der Erfüllung harren. Das noch zu Erhoffende steht in keinem Verhältniß zu dem bereits Erreichten. Mit jauchzendem Entzücken müßte ein Blick auf die Vergangenheit das schwellende Herz bei dem Gedanken an die Zukunft erfüllen, wenn dieses lichte Bild nicht auch seine tiefen Schatten hätte! Haben mit den Erfolgen, den Fortschritten und Triumphen, die das Jahrhundert der Judenheit gebracht hat, auch die Entwickelung, die Siege, die Erkenntniß und Anerkenntniß des Judenthums bei seinen eigenen Kindern Schritt gehalten? Ist das Judenthum in unseren Reihen heimischer geworden, als es zur Zeit der Großväter war? Oder hat das Judenthum an Kraft in demselben Maße an Einfluß verloren, in dem die Judenheit an Macht und Ansehen gewonnen hat, und verdienen die Fortschritte der Judenheit in Wirklichkeit diesen Namen, wenn Hand in Hand mit ihnen ihr Judenthum sich mehr und mehr verflüchtet? Dürfen wir uns der Fortschritte der Judenheit freuen, wenn sie die Rückschritte des Judenthums zur Folge haben? Kann uns der Umstand, daß Juden als angesehene Kaufleute, ehrenvolle Beamte, gefeierte Künstler und Gelehrte gelten, dafür entschädigen, daß diese Kaufleute. Beamte, Künstler und Gelehrte aufgehört haben, Juden in des Wortes voller Bedeutung zu sein? Diese Fragen sind so sehr geeignet, die Freude mit dem Fortschritt unserer Zeit zu trüben, daß Kurzsichtige unter uns der Zeit und ihren Fortschritten in der That abhold sind. Aber es ist in Wirklichkeit doch nur kurzsichtige Einseitigkeit, die so urtheilen kann. Sie übersieht, daß die Zurücksetzung, das Ghetto und seine Ausgeburten, für die Verwirklichung des Judenthums eben so die ernstesten Gefahren in sich trugen, als die lichte, freie Gegenwart. Diese Gefahren haben wir überwunden und haben ihre Prüfung glänzend bestanden. Aber wir haben auch eine lange Schule mit tausendjährigem Leid und Jammer durchzumachen gehabt, bis wir so weit waren. Die Besserstellung und menschenwürdige Behandlung der Judenheit lag nicht in unserer Hand, sie ist vom Vater der Menschheit den Staaten, Völkern und Fürsten überantwortet, unter die uns Seine erziehende Waltung gewiesen hat. Und dennoch ist uns das Morgenroth einer besseren Zeit aufgegangen, als die Stunde kam, die Gottes Weltplan dafür geeignet hielt. — Die Verbreitung, Vertiefung und Verwirklichung der hehren Wahrheiten des Judenthums hat Gott ausschließlich in unsere Hand gelegt. Wenn wir die freiere bessere Zeit dazu verwenden, mit doppeltem Ernst und dreifacher Hingebung dieser Aufgabe gerecht zu werden, dann wird unserer politischen Gleichstellung auch die soziale folgen und aus ihr werden alle herrlichen Segnungen erblühen, die uns und mit uns der gesummten Menschheit zum Heile gereichen. Mit zahllosen Fäden hat Gottes liebende Allmacht unser Geschick an die Erfüllung oder Nichterfüllung dieses unseres Lebensberufes geknüpft. Die Wolken, die sich am Ende des Jahrhunderts über unseren Häuptern an fast allen Orten unserer Zerstreuung zusammenzogen, haben auch die Gleichgiltigen und Leichtsinnigen so nachdrücklich auf diesen Zusammenhang hingewiesen, daß das Bewußtsein davon täglich weitere Kreise ergreift. Mag auch der rechte Weg der Rückkehr zu unserer jüdischen Pflicht, zu unserem welthistorischen Berufe, in vielen Fällen nicht erkannt und eingeschlagen worden sein, die allgemeine Signatur zeigt doch eine ganz entschiedene Wendung zum Besseren auch nach dieser Seite hin. Wenn diese Wendung nicht auf halbem Wege stehen bleibt, wenn sie in die richtigen Geleise geleitet wird, wer vermöchte dann die Triumphe auch nur ahnend anzudeuten, die Hand in Hand mit der Judenheit auch das neue Jahrhundert zu verzeichnen haben wird? So trostlos es auch in vielen großen Kreisen der jüdischen Diaspora mit ihrem Judenthum bestellt sein mag, es hat schon trostlosere Zeiten für unsere heilige jüdische Sache gegeben, welchen dennoch ein ungeahnter Aufschwung zum dauernden Guten gefolgt ist. Was wir thun können, um, nachdem unser Exil, das der Judenheit, sich heiterer gestaltet hat, nun auch das Exil des Judenthums, das der Gottesherrlichkeit, des n£: abzukürzen und ihr die einstige Erlösung, den verheißenen Erlöser zu bringen? Diese Frage ist alt und ebenso die darauf ertheilte Antwort. Einem der größten jüdischen Weisen, Rabbi Jehoschua ben Levi, hat die Frage nach seinem Erscheinen der Erlöser selber beantwortet. Er sagte ihm. er werde heute noch kommen. Heute? „Heute, wenn Ihr der Stimme Gottes gehorcht." (Talmud Sanhedrin Fol. 98.) An diese Klausel ist und bleibt das Erscheinen des Erlösers, der uns die voll; Erlösung bringen wird, für alle Zeit geknüpft. Sie ist also in unsere Hand gelegt. Jeder kann dazu beitragen, Jeder trägt dazu bei, unser

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