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Der Israelit · 1901-01-31 · Heft 9 (31.1.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 9 (31.1.1901)
Date
1901-01-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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der Thora hoben den schlichten Mann, ohne daß er es wollte oder nur wußte, hoch über das Niveau seiner ganzen Umgebung, so daß Alle mit einer gewiffen Achtung und Ehrerbietung zu ihm ausblickten. Als er sich sein Häuschen baute, führten die Bauern des Ortes die Steine dazu herbei, ohne dafür eine Bezahlung anzunehmen. Bensew's spezieller Freund war der Herr Pfarrer. Dieser war ein alter, würdiger Herr; die verkörpert« Leutseligkeit und Biederkeit. Keiner von beiden ging am Hause des andern vorbei, ohne die Gelegenheit zu einem freundschaftlichen Gespräch zu benützen. Des Abends saßen die beiden Männer oft auf der hölzernen Bank vor dem Pfarrhause zusammen und besprachen die Tagesneuigkeiten, oder was sonst in der Gemeinde gerade auf der Tagesordnung stand. An einem heißen Julitage Anfangs der fünfziger Jahre war Bensew über Land gegangen und kam Abends von einem mehrstündigen Marsch ermüdet nach Hause. Sein Weg führte ihn an dem Pfarrhause vorbei, aber er hatte wenig Lust, sich jetzt daselbst aufzuhalten, obwohl er schon von ferne den Pfarrer auf seinem Lieblingsplätzchen sitzen sah. Aber wie erschrak er, als er näher kam und den verglasten, stieren Blick seines Freundes und dessen schmerzlichen Gesichtsausdruck gewahrte. In der Hand zitterte ein großer Bogen, ohne Zweifel ein amtliches Schriftstück, in das der Pfarrer so vertieft schien, daß er kaum auf den vorübergehenden Freund achtete. Betroffen eilte Bensew auf ihn zu. „Was gibt's, Sie sehen ja ganz verstört aus?" „Ah, Ihr seid's, Bensew, habt Ihr auch schon von der Sache gehört, man spricht wohl schon im ganzen Dorfe davon?" „Von was denn um Himmelswillen, ich komme von über Land und habe Niemanden vom Dorfe gesehen; ich weiß daher auch nicht, worüber man im Dorfe sprechen sollte." ^So, so, Ihr wißt noch nichts von meinem Unglück, da könnt Jhr's schwarz auf weiß lesen. Aber geht erst nach Hause, betet Euer Abendgebet, esset zu Nacht und kommt dann auf ein Stündchen hierher, dann will ich Euch alles erzählen und Euch um Rath fragen, ob und was da zu thun ist." „Zunächst rathe ich Ihnen, stecken Sie Ihre Pfeife an und blasen Sie mit den Rauchwolken alle Grillen und Sorgen weg. Wenn keine Krankheit und kein Todesfall in Ihrem Brief steht, so wollen wir schon sehen, wie wir mit dem vermeintlichen Unglück am besten fertig werden. Aber verlieren Sie nur den Kopf nicht, denn wir werden ihn jedenfalls gut gebrauchen können. Also, auf Wiedersehen!" Getrieben von Mitleid und Neugierde war Bensew in kurzer Zeit wieder zur Stelle. Der Herr Pfarrer hatte aber den Freundesrath mit der Pfeife nicht befolgt, was Bensew beunruhigte. Denn wenn seinem Freunde die Pfeife nicht schmeckte, dann war etwas nicht in Ordnung. „Da lest, und sagt selber, ob das nicht zum aus der Haut fahren ist!" „Als alter Fellhändler weiß ich, daß die Häute im Sommer viel leichter und weniger werth sind, als im Winter. Deßhalb ist es bei dieser Hitze keinesfalls rathsam, aus der Haut zu fahren; das hat noch lange Zeit, meinen Sie nicht, Herr Pfarrer?" Dieser reagirte auf diesen Witz nur mit einem träten Lächeln. „Da, leset diesen Wisch selber, Bensew, und Ihr werdet meine Lage begreifen." Bensew nahm den großen Kanzleibogen in die Hand und gab ihn, nachdem er kaum einen flüchtigen Blick darauf geworfen hatte, wieder zurück. „Sie vergessen, Herr Pfarrer, daß mir das Lesen und Schreiben nicht so leicht geht, wie Ihnen. Aber diese vcrtrakten Schnörkel von Amtswegen, die können auch einem anderen Arbeit machen. Sie haben mich so neugierig und ungeduldig gemacht, daß ich nicht die Ruhe habe, diese Schrift zu Ende zu lesen. Sagen Sie mir nur kurz, worum handelt es sich eigentlich?" „Ihr erinnert Euch noch der Geschichte mit der Familie des seligen Schreiners Dennler. Er ist jetzt zwei Jahre todt, seine Frau folgte ihm wenige Wochen später in die Ewigkeit nach und die drei kleinen Würmchen von Kindern, von welchen das älteste fünf Jahre alt war, standen verlassen und verwaist da. Ihr habt damals gerathen, man solle die Kinder in's Waisenhaus nach Cassel thun; ich war dagegen und bin es auch heute noch; die Gründe brauche ich jetzt nicht zu wiederholen. Die armen Waisen hatten nichts als das Häuschen, in dein sie wohnten, den großen Kartoffelacker, eine halbe Stunde von hier und den schönen Garten, der hier an den meinigen grenzt. Den Acker habe ich durch die Vormundschaft verpachten lassen, den Garten habe ich, da er mir so bequem liegt, gemeinschaftlich mit dem meinigen selber bearbeitet, habe das Obst und Gemüse in der Stadt verkaufen lassen und ein kleines Kapital anzulegen begonnen, das sich, bis die Kinder heranwachsen, vielleicht doch zu einigen hundert Gulden anhäufen kann, wenn der Vater der Waisen seinen Segen dazu gibt. Das alles wißt Ihr, auch daß ich für meine Arbeit in dem Garten niemals einen rothen Heller berechnet habe, daß ich über alles, was ich von den Erträgnissen gelöst, genau Buch geführt und den Ertrag mit jetzt schon 76 Gulden auf der Sparkasse für die armen Kinder angelegt habe. Ihr wißt auch, wie es mich beglückt hat, auf diese Weise ohne besondere Mühe meinerseits, den verlassenen Waisen zur Hand zu gehen, und jetzt, denkt Euch, schreibt mir das Konsistorium in Cassel, es sei ihm mitgetheilt worden, daß ich mich auf ungerechte Weise an dem Waisengut der Dennler'schen Kinder zu bereichern suche, und ertheilt

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