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Der Israelit · 1901-01-31 · Heft 9 (31.1.1901) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 9 (31.1.1901)
Date
1901-01-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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189 Schon lange vor Eröffnung der Versammlung - waren Saal und Vorraum gefüllt, Kopf an Kopf j standen die herbeigeströmten Menschen, und selbst die im Saale befindliche Bühne war dicht gefüllt. In einer sozialdemokratischen Versammlung hätte die beaufsichtigende Polizei eine derartige Menschenansammlung schwerlich geduldet. Herr Pastor Krösel beschäftigte sich in seinem vierstündigen Vortrage nur wenig mit der Konitzer Affäre, sehr deutlich betonte er jedoch, daß Juden die Mörder sein könnten, und zwar führte er als Beweis für seine Behauptung an, der Logengarten, in welchem das Beinkleid Winters gefunden worden ist, liege dicht an der Synagoge, von dort aus sei der Fund über den Zaun des Logengartens geworfen worden. Interessant war ferner die Behauptung des Herrn Pastor, die Kleidungsstücke wären jetzt an die Oeffentlichkeit gebracht worden zum Beweise, daß sie in der Synagoge nicht verbrannt worden seien. Nach diesen einleitenden Darlegungen ging Herr Krösel zu dem eigentlichen wissenschaftlichen Thema über. Doch leider — von Wissenschaft war wenig zu hören. Der ganze langathmige Vortrag war nichts weiter als eine Wiederholung der in der antisemitischen Litteratur angeführten Erzählungen von angeblichen Ritualmorden, die im Lichte wirklicher Wissenschaft unl) wahrer Geschichte schon seit langem als alles andere, nur nicht als „Ritualmorde" erkannt worden sind. Der Theologe Prof. Strack, dessen Verdienste um die Erschließung der talmudischen Wissenschaft unbestreitbar sind, weiß nach Pastor Krösel garnichts, er — Krösel — ist aber der Forscher und Kenner der talmudischen Geheimschriften. Wie aufreizend der „wissenschaftliche" Vortrag zu wirken geeignet war, beweisen einzelne charakteristische Vorkommnisse in der Pyritzer Versammlung. Der Herr Pastor leistete sich den Scherz, einige anwesende Juden entfernen zu lassen. Dies gab das Signal zu allgemeinem Tumult. „Juden raus" erscholl es, und vereinzelt wurden auch Rufe: „Schlagt die Juden todt" gehört. Nicht nur die Juden wurden verhöhnt und insultirt, auch Christen, die von der Menge für Juden gehalten wurden, waren gleicher Behandlung ausgesetzt. Herr Pastor Krösel befolgte übrigens die bemerkenswerthe Taktik, eine weitere Kritik seines Vortrages von vornherein dadurch unmöglich zu machen, daß er das Schreiben von Notizen verbot. Er ersuchte die Zuhörer. Jeden, der während der Versammlung Notizen mache, hinauszuwerfen. Eine Debatte konnte nach dem Vortrage nicht stattfinden. Angesichts der erregten Stimmung der Zuhörer wären gegnerische Ausführungen auch eher schädlich wie nützlich gewesen. Für die persönliche Sicherheit des Gegenredners hätte Niemand Garantie übernehmen können. Pastor Krösel stellte zum Schluß noch einen weiteren Vortrag über den Talmud in Aussicht. Im Talmud wird nach Pastor Krösel der Menschenmord gelehrt. Nach dieser Ankündigung darf man von dem neuen Vortrage sehr viel erwar: n. Wie lange gedenkt Herr Pastor Krösel diese ..wi'.^nschaftliche" Thätigkeit noch fortzusetzen? In eiu:m jiüljeten Vortrage hatte er versprochen, in Stettin und eventuell in Berlin denselben „ivissenschaftlichen" Vortrag halten. Weßhalb führt er diesen angekündigten Plan nicht aus? Wenn er seiner wissenschaftlichen Resultate so sicher ist, hat er ja keinen Grund, Gegner zu fürchten, er hat sie früher ausdrücklich herausgefordert. In größeren Orten wird er gewiß Männer finden, welche diese Art von „Wissenschaft" näher beleuchten würden. Berlin, 29. Jan. Aus Anlaß der Wiederkehr des einundzwanzigsten Gründungstages beging der „Synagogen-Verein Beth Zion" in vergangener Woche in den Räumen des Berliner Handwerkervereins ein würdiges Fest, zu dem sich eine überaus reiche Zahl von Mitgliedern, Gönnern und Freunden eingefunden hatten. Ein Ehrentag, ein Tag der Freude und der Befriedigung für den Verein war es, denn segensreich und erhaben war die Periode, die mit diesem Feste ihren Abschluß fand. Ein Rückblick auf das Wirken und Schaffen des Beth Zions zu thun, erübrigt sich; denn einzig und allein schon das Erreichte und das Ansehen, das der Verein genießt, liefern den sichersten Beweis für all das Gute und Hohe, was derselbe auf seinem Wege gezeitigt hat. Der bewährte Vorsitzende, Herr Heymannsohn, beleuchtete in seiner trefflichen Begrüßungsrede die Ideale und Ziele, denen der Verein stets treu zu bleiben und gerecht zu werden bemüht war, dankte dann seinen Mitarbeitern für ihre rege Antheilnahme und Hilfsbereitschaft und zollte hierauf dem Herrn Rabb. Höxter, dessen Jubiläum seiner zehnjährigen Thätigkeit in der Gemeinde zugleich mit dem Stiftungsfeste offiziell begangen wurde, herzliche Worte der Anerkennung und Verehrung. Er hob hervor, wie gerade seit dem Eintritte dieses Mannes als Seelenhirte in die Gemeinde dieselbe einen so sichtbaren Aufschwung genommen habe, wie sich die Geschicke des Vereins so zu seinen Gunsten gewendet haben und wie besonders auch die Heranwachsende Jugend unter seiner bewährten Leitung als Träger der Zukunft herangebildet und wohl ausgerüstet würden. Mit dem Wunsche, daß es der Gemeinde vergönnt fein möge, ihn noch recht, recht viele Jahre in Kraft und Gesundheit als Führer und Verather an der Spitze zu sehen, schloß der Vorsitzende seine so herzlichen Ausführungen, worauf alsdann Herr Rabbiner Höxter das Podium bestieg, um die Festrede, die den Glanzpunkt des würdigen Festes bildete, zu halten. Ausgehend von den Worten: „Lieblich, wie der Mond, hellstrahlend wie die Sonne, jedoch furchtbar, wie gewappnete Macht," verstand er es trefflich, dieselben in Beziehung zu den hehren Bestrebungen Beth Zions zu bringen, der streng traditionell dem al-

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