Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1901)
- Date
- 1901-01-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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176 ' barg. Mit der Selbsttödtung und Ascese — welche als Mittel zur Bekämpfung niedriger Leidenschaften ja auch nicht unbedingt zu verwerfen sind — hat die Mystik des Judenthums nichts gemein; im Gegentheil, ihre Anhänger stellten sich zu allen Zeiten als lebensfrohe Gemeinden dar. Wenn von unbestritten führenden Geistern, wie von Ben Asaia und Ben Somo, behauptet wird, sie hätten den Boden der Forschung verlassen. um sich in mystischen Speculationen zu ergehen, so kann doch unbedingt angenommen werden, daß die Erforschung und Aufhellung symbolischer Andeutungen, um Unkundige vor Irrungen zu bewahren, der wirkliche Zweck gewesen. Das Uebersinnliche sollte ost ein Gleichniß bilden für das Sinnliche. Was irgendwie geeignet ist, gegen Moral und Sittengesetze zu verstoßen, wurde stets aus der jüdischen Mystik ferngehalten. Nur solche Träger und Vertreter derselben, die sich auch immer als Helle Köpfe und starke Charaktere erwiesen, können behufs Beurtheilung jüdischer Mystik in Betracht kommen, nicht aber Narren oder schlechte Menschen. Ein Jacob Frank oder ein haben da^r aus der Erörterung auszuscheiden, denn, wie schon erwähnt, kann die Verkörperung jeglicher jüdischer Theorie nur in solchen Männern gesucht werden, die auch jederzeit treu und unentwegt auf dem Boden des Judenthums stehen geblieben sind. Der Umstand, daß die Sprache der heiligen Schrift für jedes Ding einen entsprechenden und prägnanten Ausdruck bietet, führte dazu, aus dem Zahlenwerth der Worte auch den Sinn derselben zu deuten, da ja die Zahl als Maß aller Dinge zu betrachten ist. Mit Unrecht wird dies so vielfach als Zahlenspielerei und Silbenstecherei bespöttelt und belächelt. Wenn die Zahl 12 in Zusammenhang gebracht wurde mit der 12theiligen Thätigkeit des menschlichen Körpers, mit den 12 Monaten des Jahres und den 12 Sternbildern, so mag die Gefahr astrologischer Spielereien wohl manchmal nahe gelegen haben; die Sittlichkeit der Religion schützte jedoch vor Ausschreitungen und es kann kein Beispiel dafür erbracht werden, daß jemals ein jüdisc^r Astrolog dem Fatalismus eines Wallenstein verfallen wäre. In Kürze erwähnt Redner Obadja Sovorna aus Bologna, der ein mäßiger Kenner jüdischer Litteratur, Kabala und Hagada lehrte und aus den fünf heiligen Büchern die Entwickelung der Seele darlegt; das erste behandle die Schöpfung, das zweite den niedergedrückten Zustand, das dritte die Reinigung, das vierte die Harmonie und das fünfte die Grenzen der Seele, so lange sie irdisch ist. Bekanntlich gab es zu verschiedenen Zeiten Bestrebungen, aus Romantik und Phantasie Spielarten neuer Religionen zu combiniren, wobei Redner nur an Fried von Schlegel und dessen Zeitgenossen erinnert. Dieselben machten Anlehen bei Moslemin und am Ganges, die jüdische Mystik bot ihnen jedoch nichts, was ihren Tendenzen zugesagt hat, weil sie eben in Uebersetzung, Ucberlieferung und Erläuterung stets an jüdischen und an keinen fremden Grundsätzen festhielt. Als einen Mystiker, der von heißer Sehnsucht nach Wahrheit erfüllt und von dem edlen Bestreben geleitet gewesen, uns hochstehende Autoritäten gegen Angriffe zu vertheidigen, nennt Redner den bekannten Moses b. Nachmann. In seiner berühmten Disputation mit dem Dominikanermönch wußte derselbe seine Sache so glänzend zu führen, daß der König mit Bewunderung sagte, er habe noch nie eine an sich ungerechte Sache so geistvoll vertheidigen hören. Kurze Erwähnung erfuhr noch Pio de Mirandola, der durch Einblick in die Kabala eine Stütze für das Christenthum suchte, den Pabst Pius VI. für diese — natürlich fruchtlose — Idee zu gewinnen wußte. Mit Genugtuung können wir Akt nehmen von der Aeußerung des gefeierten Humanisten und Rechtslehrers Reuchlin, der erklärte, daß weder der Talmud, noch die jüdische Mystik etwas Christenfeindliches enthielten. Als die zur Zeit lebenden wesentlichsten Vertreter jüdischer Mystik nennt Redner zum Schlüsse einen Theil unserer Brüder in Osteuropa. Wenn dieselben auch unsere Hilfe in der Form, wie sie geboten wird, zurückstoßen, so wäre es doch ein nie zu verantwortendes Unrecht, wenn wir sie ihrem Schicksal überlassen wollten. Wir sollten trachten, Mittel und Wege zu finden, um uns mit ihnen zu verständigen und uns gegenseitig näher zu bringen. Diese Aufgabe wäre des Schweißes der Edelsten werth, denn ihr Preis wäre nicht allein die Linderung und Hebung so vielen und unsäglichen materiellen Elends, sondern auch die allmähliche Gewinnung Hunderttausender von Brüdern für westeuropäischen Geist zu Nutzen und Frommen unserer heiligen Religion und des gesammten Judenthums. Nachdem die Versammlung dem Redner für seine vorzüglichen und geistvollen Ausführungen durch lebhaftesten Beifall gedankt, entwickelte sich eine sehr belebte und temperamentvolle Diskussion, an der fast nur berufene, erprobte Redner theilnahmen. Während sich Manche als ganz entschiedene Gegner jeglicher Mystik bekannten, führten Andere wieder aus, daß dieselbe für das Gemüth ein schätzbarer Faktor sei und sehr viel zur Erbauung und zur Erzielung einer stimmungsvollen Andacht beitragen könne. Einzelne wollten in solchen Gebetsandachtsstücken mystische Tendenzen erblicken, wo in Wirklichkeit nur allegorische oder symbolische Darstellungsformen gefunden werden können, wie in der Stelle der Keduscha: Kebodo mole Olom etc., ferner in den Sederstücken Echod mi jodea, Chad Gadja etc. Sehr treffend erinnert zum Schluß Herr Rabbiner Dr. Werner an das Gleichniß von dem Paradiese, in welches vier verschieden geartete jüdische Geister (Ben Asai, Ben Somo, Elischa B. Abujah und R. Akiba) eindrangen, um das zu suchen, wonach ihre Seelen verlangten. Der Erste ging hinein und starb,