Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1901)
- Date
- 1901-01-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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4». Jahrgang. Meikage zu Jfs 8 des „Israelit". Literarisches. In einer soeben erschienenen Broschüre mit dem IItun. Vogelfrei! Ein Blick auf das erste Jahr des zwanzigsten Jahrhunderts" (Verlag v. M. E v e n i u s in Brandenburg a. H.) unterzieht Rabbiner Dr. Ackermann die antisemitischen Vorgänge der Jahrhundert wende einer kritischen Betrachtung. Ausgehend von dein Fall Dreyfus, in ivelchcm das Judenthum als solches schuldlos ani Pranger gestanden habe, und von dem Polnaer Prozeß, der bewiesen habe, daß das Judenthum nicht einmal an den geheiligten Stätten der Justiz vor ungerechter Antastung sicher sei, kommt der Alitor auf die Konitzer Sache zu sprechen, deren einzelne Stadien er kritisch beleuchtet. Zwei Punkte hebt er besonders hervor: die Durchsuchung der Synagoge nach Spuren eines religiösen Mordes und die an Gerichtsstelle gepflogene Diskussion über den Schächtschnitt. Erstere empfand der Autor als Gotteslästerung. Er wirst die Frage auf, ob wohl auf eine solch' vage Verdächtigung hin, wie sie der Konitzer Synagogendurchsuchung zu Grunde lag, die Behörden gegebenenfalls auch zur Durchsuchung einer Kirche schreiten würden. Verfasser glaubt es verneinen zu müssen und schließt daraus, daß die Heiligthümer der Juden nicht den ihnen gebührenden Schutz genießen. Durch die Diskussion über den Schächtschnitt aber werde das Judenthum offiziell als eine Schule des Verbrechens hingestellt. Den Einwand, daß alle diese Maßnahmen nur der Entkräftung des gegen die Juden gerichteten Verdachtes dienen sollten, läßt Verfasser nicht gelten, denn einmal sei für die große Menge der Verdacht als solcher schon ausreichend, sobald er an Gerichtsstelle offizielle Berücksichtigung finde. Die Behörden hätten sich daher einer Verbreitung und Vertiefung des Verdachtes schuldig gemacht, ohne es zu wollen. Zudem mache das, wenn auch nur scheinbare Eingehen auf die lügenhaften antisemitischen Bezichtigungen, die Hetzer selbst immer sicherer und kühner, wie die Revolten in Könitz und anderen westpreußischen Orten bewiesen hätten. Der Autor fordert energisch, daß der auf Lüge basirte antisemitische Terrorismus in seiner ganzen Verderblichkeit erkannt und seine Helden entsprechend behandelt werden. 'Vorläufig aber sei das Judenthum vogelfrei! Mit einer interessanten Parallele, der er die Vorgänge in China zu Grunde legt, schließt der Verfasser seine höchst beachtensloerthen Ausführungen, deren Einzelheiten gewiß in weiten Kreisen lebhaftes Interesse erregen werden. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Gleiwist, 23. Jan. Am 20. d. M. ist hier einer der angesehensten Bürger des oberschlesischen Jndustriebezirkes, der langjährige Synagogenvorsteher und Stadtverordnete Herr Meyer Staub von einem unabsehbaren Trauergefolge zur letzten Ruhe geleitet worden. Die stimmungsvolle Grabrede hielt Herr Rabb. Dr. M ü n z. — Der hiesige israelitische Frauen-Verein hat sein diesjähriges Stiftungsfest in feierlicher Weise begangen. Der segensreich wirkende Verein zählt 360 Mitglieder. An Unterstützungen für Krankenpflege, Hilfsbedürftige, Handarbeitsunterricht u. dgl. sind im vergangenen Verwaltungsjahre 5005 Mk. 84 Pfg. verausgabt worden. München, 20. Jan. Der hiesige „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" hielt am 16. d. M. seinen zweiten Diskussionsabend ab. Herr Rabbiner Dr. K o h n - Ansbach hatte es in dankenswerther Weise übernommen, über das Thema: „Die Mystik im Judenthum" einen Vortrag zu halten. Einleitend warf Redner in geistvoller Weife und in knappen Zügen einen Gesammtblick auf die Bestrebungen und Erscheinungen unserer Zeit und aus die verschiedenen geistigen und culturellen Gebieten. In jedem Glauben sei die historische Begründung religions-philosophischer Grundsätze ein Erforderniß und ein werthvolles Object für die Förderung eines positiven Standpunktes. Für Diejenigen, welche am frisch sprudelnden Quell unserer Lehre stets neue Begeisterung für die höchsten Gottesgedanken und für die Sittlichkeitsideale schöpfen, bedarf es freilich der indirecten Mittel und Wege weniger, als fiir die zu keiner Zeit und nirgends fehlenden Irrenden, welche auf den rechten Weg zu leiten nicht blos eine verdienstvolle Handlung, sondern auch eine ernste Pflicht ist. Man hört heutzutage sehr viel über Mvstik reden, speziell die Mystik im Judenthum spielt - wie nicht erst nachgewiesen werden muß — eine große Rolle und erfährt natürlich viele Anfeindungen und zwar meistens von Seiten, deren Urtheil durch keinerlei Sachkenntniß getrübt ist. Die jüdische Mystik >var zu allen Zeiten frei von einem behaglichen Selbstgenügen, von jeglichem Zug in's gewöhnlich Sinnliche, wie solches die Mystik mancher anderen Bekenntnisse aufweist. Die jüdische Mystik war vielmehr — soweit ihre Anhänger und Vertreter nicht überhaupt den Boden des Judenthums verließen — immer eine solche, die in frommer Hingebung wahrhaft sittliche Impulse in sich