Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1901)
- Date
- 1901-01-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449155--52526-2503075- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
173 dem Norden kommenden Kriegsnachrichten sind sehr beunruhigend. Beständig vaffiren Truppen durch Kaifung-fi. Jedermann ist sehr beunruhigt, und die Regierung wankt in ihren Entschlüßen. Gegenwärtig kann weder eine Synagoge errichtet werden, noch können wir unsere Wohnungen auf längere Zeit verlassen. Daher ziehen wir es vor. Ihnen diesen Brief zu schreiben. Warten Sie nicht auf uns, wenn wichtige Geschäfte Sie nach Shanghai rufen sollen. Gehen Sie uns voraus, und wenn Sie unsere Brüder in der Religion Israels; sehen, so sagen Sie ihnen, daß wir es für besser finden, zu warten, bis daü Land sich beruhigt haben wird. Wir | werden uns dann gewiß nach Shanghai in Bewegung setzen, um mit ihnen über alles persönlich uns zu unterhalten. Die Lage der Svnagoge ist dieselbe wie früher, aber unser Volk ist zu sehr zerstreut. Zum Schluß wünschen wir Ihnen eine glückliche Reise." Darauf hat die Gesellschaft durch denselben zuverlässigen Boten an die Juden von Kai-fung-fi folgenden voin 17. November datirten Brief gerichtet: „An unsere Glaubensgenossen in Kai-fung-fi! Wir haben Euch vor einigen Monaten einen von den Mitgliedern unserer Gemeinde Unterzeichneten hebräischen Brief nebst einer chinesischen Uebersetzung desselben geschrieben. Brief und Uebersetzung sind aber verloren gegangen. Als wir davon erfuhren, sandten wir Euch eine Abschrift des Briefes, und der Bote, dem wir das Schreiben anvertraut haben, kehrte vor zwei Wochen zurück und brachte einen an ihn adressirten Brief, in dem einige Mitglieder Euerer Gemeinde ihn bitten, zu uns zu gehen und uns zu sagen, daß sie, sobald die in einem Theil des Landes herrschenden Un- ' ruhen etwas nachgelassen haben werden, zu uns kommen wollen, um uns zu sehen. Ihr könnt Euch kaum denken. >vie uns diese Nachricht erfreut hat. Wir schreiben Euch diesen Brief, um Euch zu melden, daß sich hier eine Gesellschaft gebildet hat zu dem Zweck, die Religion unserer Ahnen und Eurer Gemeinde neu zu beleben. Die Mitglieder dieser Gesellschaft warten ungeduldig auf; die Ankunft einiger Mitglieder Eurer Gemeinde, um! mit ihnen die geeignetsten Mittel zu besprechen, das er-! wähnte Ziel zu erreichen. Um die kostbare Zeit nicht zu; verlieren, bitten wir Euch nochmals, sofort und ohne j Ende der Eisenbahnverbindung, wurden sie etwas heiterer. — Hier wurden alle Sehenswürdigkeiten besichtigt. Karl, der in Prag das Gymnasium besucht und große Platzkenntniß besaß, machte den Führer. In erster Reihe war es die Judenstadt, wohin die Freunde ihre Schritte lenkten. Die altehrwürdige Altueufynagoge, der alte Friedhof mit seinen alten Grabsteinei: fesselie in hohem Grade das Interesse des fremden Doktors. Er wurde nicht müde, Notizen und Zeichnungen in sein Taschenbuch einzutragen, weil er wußte, daß er mit diesem Ergebniß seiner Reise der Tante Hanna eine Freude bereite. In Prag wurden auch Einkäufe in größerem Maßstabe auoaefübrt, um den Theuren zu Hause eine Freude zu bereiten, und für Rabbiner's Anna, welche sich so klug und taktvoll bewiesen, wurden von den Beiden dir kostbarsten Geschenke ausgewählt. Bon Prag aus mußten Postpferde genommen werden, und Karl hatte während der langen Fahrt Zeit genug, seinen Gefährten auf die einzelnen Schönheiten seines Vaterlandes aufmerksam zu machen. „Ja," rief er begeistert aus, „der Dichter sagt ganz richtig: Der Sesterrcicher hat ein Vaterland, und liebt co, und hat auch ITrfach’ es zu lieben!" So waren sie in's Städtchen gekommen, woselbst die ungewöhnliche Ankunft einer Extrapost geradezu Aufseben erregte. Lndivig mußte mit nicht zu bewältigender Heiterkeit eingestehen, daß es nicht erst des geräuschvollen Einzuges eines Kindlichen Heeres, wie damals bedürfe, um eine große Anzahl neugieriger Gaffer hinaus aus den engen Stuben auf den Marktplatz zu locken. Ein einfaches Posthorn, mit seiner bekannten alten Melodie, brachte dies arich zu Stande. Der Wagen fuhr vor das Haus des Vorstehers Hermann, wo eben die Mädchen beschäftigt waren, die umfassendsten Vorbereitungen zum nahen Peßachfeste sowohl, als zur Ankunft der lieben Gäste zu treffen. So kam es, daß die erste Person, die Ludwig aus dem Hause entgegentrat, nicht das geliebte Mädchen war, sondern der Hausherr selber, den er früher in Folge dessen abnormen Gemüthszustandes nicht zu sehen be- Mit dem alten Hermann >var eine merkwürdige Veränderung vorgegangen. Von in die Grube fahren, mit oder ohne Kummer, war bei ihm keine Rede mehr. Seit er die Nachricht von der Errettung des so schmerzlich betrauerten Sohnes erhalten, hatte sich frische Lebenslust und Lebenskraft eingestellt. Sein Buchhalter und die anderen Angestellten waren unversehrt aus dem Kriege zurückgekehrt mnd hatten ihre früheren Plätze im Geschäfte eingenommen. Dieses selbst florirte wie ehedem, bevor der Krieg Handel und Wandel lahm gelegt hatte, und jetzt sollte der Erbe seines Namens und Vermögens heimkommen, den den mindesten Aufschub zwei bis drei Männer Eurer Gemeinde nach Shanghai zu senden, um sofort Schritte zu Eurer Befreiung von Eurer gegenwärtigen Unkenntniß unserer Religion unternehmen zu können." Feuilleton. 17j kommen hatte. »ersöhnte Weinde. Von Babettc Fried. Reich an ernsten Erinnerungen war diese Reise den beiden Soldaten. Erst als sie Prag erreichten, das