Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1901)
- Date
- 1901-01-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449146-2449155--52523-2503072- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWW 170 Details. Als juristischer Beirath stand ihm Herr Justizrath Dr. de Vary zur Seite, der fast täglich bei ihm war. Gegen 1'/, Uhr verließ er zu Fuß das Bureau, um sich nach seinem früheren Wohnhaus, Zeil 34, zu begeben. Das Haus hatte er in der ersten Zeit nach seiner Verheirathung bewohnt; seine drei Töchter wurden ihm hier geboren. Im Haus Zeil 34 empfing er oftmals Besuche von Fremden, Gelehrten und Künstlern. Von hier aus fuhr er zum Mittagstisch nach der Grüneburg. IDort hielt er sich aber höchstens zwei Stunden auf und begab sich wieder auf das Bureau, wo er mindestens bis 8 Uhr in anhaltender Geschäftsthätigkeit verblieb. Kein Brief kein Wechsel, überhaupt fast kein Schriftstück der Firma ging ohne seine Unterschrift hinaus, die Prokuristen, die er erst im späteren Lebensalter bestellte, zeichneten nur in seiner Abwes. nheit von Frankfurt. Von der Fahrgaffe begab sich Baron Willy Abends ausnahmslos regelmäßig noch in das Haus an der Zeil, wo er mit dem vor zwei Jahren verstorbenen Herrn Rabbiner Fromm, den er als wiffenschaftliche Autorität auf talmudischem Gebiet und als einen mit reichem universellen Wissen ausgestatteten Mann hochschätzte, Studium und wissenschaftlichen Forschungen oblag. Die Gerechtigkeits- und Wahrheitsliebe des Verstorbenen dürfte thatsächlich einzig in ihrer Art sein. Selbst in unbedeutenden Sachen galt ihm das Wort als Heiligthum, so gut als ein Schwur. Die Uebung der Wohlthätigkeit war für ihn nicht nur eine religiöse und soziale Pflicht, sie war ihm wirkliche Herzenssache. Unterließ er es doch nicht, die täglich einlaufenden Gesuche um Unterstützung, die ihm von seinem Almosenier vorgelegt wurden, selbst durchzusehen und sich üb.r die mehr oder minder große Bedürftigkeit der Gesuchsteller zu unterrichten. Seine Genügsamkeit und die Bescheidenheit, mit der er von den ihm in so hohem Maß zu Theil gewordenen Gütern des Lebens Gebrauch machte, dürfte ebenfalls unerreicht dastehen. Aeußere Ehren erstrebte er nicht, trotzdem wurde er wegen seines biederen Charakters, ieincs klaren präzisen Denkens, seiner scharfen Beurtheilungskraft von hohen Persönlichkeiten geehrt und geschätzt. Der jetzige König vo i England, der frühere Prinz von Wales, hat mehrfach in seiner Königsteiner Bllla Sommeraufenthalt genommen, die Kaiserin Friedrich war regelmäßiger Gast daselbst. Passionen, wie sie so st jeder reiche Mann mehr oder weniger hat, kannte er nicht. Fremd war ihm jegliche Genußsucht, mäßig sein ganzes Leben. Wiewohl er die Kunst schätzte und in seiner Jugend selbst der Malerei huldigte, war er im Mannesalter lediglich erfüllt von dem Gedanken, seinen Pflichten als Chef seines Welthauses bis aus das Kleinste nachzukommen, von seinen reichen Mitteln auch den Armen und Bedürftigen zukommen zu lassen und sein Wissen durch Studien zu verliefen. Er vermied es, in der breiten Oeff^ntlichkeit hervorzutrcten. Er hat peinlich darauf gesehen, daß die vielseitigen reichen Unterstützungen nicht in der Oeffentlichkeit bekannt wurden, in vielen Verzeichnissen figurirte er als anonymer Spender. Sein äußeres Auftreten gab ihm, nachdem er zum Manne herangereift war, das Ansehen eines würdigen Patriziers. Baron Willy wurde kaum von Jemandem anders als im schwarzen Gehrock und im Cylinder gesehen. Der Ei' druck, den er machte, war ein würdiger. Jeder erkannte in ihm sofort einen Mann von hoher Bedeutung. Durcbg istigt blickte sein Auge aus dem mit vollem Bart umrahmten Gesicht, liebenswürdig war sein Wesen allen Denen gegenüber, die Gelegenheit hatten, ihn näher kennen zu lernen. Er war ein Freund des treffe den schlagenden Witzes, besaß diese Gabe selbst in hohem Maße und wandte sie gern und oft an. Mit ihm erlöscht der „Typ der alten Rothschilds". Alles in Allem kann man von Baron Willy sagen, daß er der verkörperte Gentleman war und sicherlich wäre weniger Roth und weniger Mißstimmung unter den Minderbegüterten un's weniger Neid und Mißgunst unter den vom Schicksal nicht Begünstigten wenn die Reichen ein so tadelloses Leben führten, eine so offene Hand und so warmes Herz für ihre Nebemenichen hätten, wie es Baron Willy während seines ganzen langen Lebens vorbildlich gezeigt hat. Bis zuletzt übte er unermüdliche Tätigkeit. Am Abend vor seinem Todestag besorgte er noch die geschäftlichen Berichte und machte den Armen gemäß den Vorschlägen semes Almoseniers Zuwendungen. Er starb gleichsam in den „Sieten geschäftlicher und philantropischer Thätigkeit". Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Grauvenz, 27. Jan. (R a b b i n e r w a h l.) Der Vorstand und die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde wählten Herrn Landrabbiner Dr. L o e v y aus Birkenfeld in Oldenburg einstimmig zum Rabbiner der Synagogen-Gemeinde. Herr Dr. Loevy ist 1860 zu Ortelsburg (Ostpr.) geboren, besuchte das Kgl. Gymnasium zu Lyck und widmete sich auf der Berliner Universität und in der dortigen Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums philosophischen, theologischen und orientalischen Studien. Nachdem er 1884 die Doktorwürde und das Rabbinatsdiplom erworben hatte, wurde er noch in demselben Jahre einstimmig zum Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Göttingen gewählt, wo er bis 1890 amtirte. Seitdem wirkt er als Landrabbiner in Birkenfeld. Herr Dr. Loevy ist