Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1901)
- Date
- 1901-01-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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169 schild geboren und siedelte mit dem Vater schon als junger Mann, vor fünfundfünzig Jahren, nach Frankfurt über. Er hatte drei Brüder, zwei ältere: Mayer Karl und Adolf und einen jüngeren: Alexander, der bereits zu Beginn der 60er Jahre starb. Baron Adolf, der sich in Frankreich ansäsiig machte, starb im vorigen Jahre in Paris. Mit Mayer Karl trat Willy im Jahre 1855 an die Spitze des hiesigen Bankhauses. Als Baron Mayer Karl am 16. Oktober 1886 aus dem Leben schied, ging auf Baron Willy die alleinige Leitung des Frankfurter Stammbankhauses über, die er bis zu seinem Todie mit vorbildlicher Gewissenhaftigkeit führte. In der Öffentlichkeit ist Baron Willy nicht sehr hervorgetreten, ungleich seinem Bruder Mayer Karl, der bekanntlich nicht nur als Kunstsammler u. als Mittelpunkt eines geselligen Zirkels, sondern auch politisch von sich reden machte. Mayer Karl war der erste Reichstagsabgeordnete kür Frankfurt a. M. und wurde, als er bei der zweiten Wahl gegen den Demokraten Sonnemann unterlag, in das preußische Herrenhaus berufen. Baron Willy dagegen trat eigentlich nur in seiner Eigenschaft als österreichischer Generalkonsul den offiziellen Kreisen nahe. Der fromme Sinn, den Baron Willy hegte und bethätigte, und der den Grundzug seines Charakters bildete, fand in weltlichen Dingen seine Ergänzung in einem Gerechtigkeitsgefühl, von dem die Geschäftsfreunde und die Angestellten manch' rühmliches Beispiel zu bekunden wissen. Schlicht und unscheinbar, wie der alte Herr in seiner äußeren Erscheinung, war auch seine persönliche Lebensführung. Im Schoße der Familie suchte er sein stilles Behagen, und nur selten verließ er Frankfurt, seit ihm in den vorgerückten Jahren die früher gern unternommenen Reisen in die Schweiz beschwerlicher fielen. Seine Gattin, Freifrau Mathilde, eine geborene Freiin von Rothschild, war ihm seit dem 21. November 1849 vermählt; vor Jahr und Tag feierte das Ehepaar in der Stille die goldene Hochzeit. Zwei Töchter, Adelheid und Minna, sind seit den Jahren 1877 und 1878 verheirathet, die erste mit dem Pariser Baron Edmund von Rothschild, die zweite mit dem Frankfurter Bankier Max B. H. Goldschmidt. Eine dritte Tochter, Georgine Sarah von Rothschild, starb im Alter von 16 Jahren in Wiesbaden. Zur Erinnerung stiftete im Jahre 1870 der Vater die Georgine Sarah von Rothschild-Stiftung für erkrankte fremde Israeliten, Röderbergweg 27. Außer dem Hause an der Bockenheimer Landstraße mit dem weitläufigen Park bewohnte die Familie vorzugsweise die Grüneburg, das große Besitzthum am Nordrand der Stadt; ferner gehört dem Baron Willy das Rothschild'sche Haus an der Zeil, das Landschloß bei Königstein und die Besitzung im Hemsbach. Auf diesen beiden Villen nahm man abwechselnd den Sommeraufenthalt. Baron Willy ist, seiner stillen, fast schüchternen Art nach Außen, geschäftlich wenig hervorgetreten. Desto eifriger und mit unermüdlichem Fleiß trug er die ganze Last der internen Arbeit viele Jahre hindurch ganz allein, erst eine Erkrankung hatte ihn vor etwa einem Jahrzehnt zu dem Entschluß gebracht, durch Prokuraertheilung sich Erleichterung zu verschaffen. Mit Baron Willy verliert das Haus den letzten Chef des hiesigen Zweiges der Familie Rothschild. Ob und welche Bestimmungen über die Fortführung des Frankfurter Hauses getroffen sind, darüber ist bisher nichts bekannt. Man glaubt indeß annehmen zu dürfen, daß die Häuser Rothschild in London, Paris und Wien Werth darauf legen werden, das altehrwürdige Frankfurter Stammhaus aufrecht zu halten, aus dem sie zu der jetzigen Finanzmacht von Weltruf emporgewachsen sind. Unter der Führung von Baron Willy hatte das Frankfurter Haus trotz einer gewissen Zurückhaltung seinen hohen Rang auch in den großen Finanzirungsgeschäften behauptet, und für den Geldmarkt waren seine reichen Mittel stets von weitgehender Bedeutung. Von öffentlichen Aemtern bekleidete Baron Willy nur wenige; er gehörte dem Centralausschuß der Reichsbank an, dem Verwaltungsrath der Pfälzischen Eisenbahnen, dem der Preußischen Central-Bodenkredit-Aktiengesellschaft und dem der Maschinenbaugesellschaft Karlsruhe. In der Finanzgeschichte des Hauses Rothschild, die für Frankfurt vielleicht mit seinem Hinscheiden abschließt, wird auch Baron Willy von Rothschild eine ehrenvolle Stellung finden. Ueber die Lebensgewohnheiten des Verstorbenen erhalten wir von gut unterrichteter Seite noch folgende Mittheilungen: „Baron Willy hat es hier in Frankfurt nie versäumt. rem üblichen Morgengottesdienst beizuwohnen , der im Sommer um 6 Uhr. im Winter um 7 Uhr beginnt. Zu diesem Zweck hatte er jeden Morgen den Weg von seinem Wohnsitz, der Grüneburg. nach dem v. Rothschild'schen Sitz an der Bockenheimer Landstraße zurückzulegen, in dessen Garten sich eine von seinem Onkel Anselm erbaute Synagoge befindet. Kein Wetter hielt ihn von dem Besuch des Gottesdienstes ab; am Samstag und an hohen Festtagen ging er zu Fuß, wie der jüdische Ritus es verlangt. Nach seiner Rückkehr nahm er sein sehr frugales Frühstück ein, das in Kaffee und „Wafferweck" bestand. Alsdann wurde ihm die geschäftliche Korrespondenz gebracht. Er öffnete sie selbst und traf sofort die nöthigen Dispositionen. Zwischen 10 und 11 Uhr fuhr er mit seinem bekannten Einspänner in sein Bureau in der Fahrgasse, wo er bis Mittags nach 1 Uhr verblieb. Hier leitete er nicht nur die großen geschäftlichen Transaktionen und weittragenden Abschlüsse des WelthauseS, sondern prüfte alle geschäftlichen Vorkommnisse im Großen, wie in den kleinsten