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Der Israelit · 1901-01-28 · Heft 8 (28.1.1901) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 8 (28.1.1901)
Date
1901-01-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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168 Jugend für die Sache des Glaubens und des Gesetzes verloren schien. Bildung und Irreligiosität galten damals für gleichbedeutend, und welcher junge Mann wollte nicht aus so bequeme Art für gebildet gelten? Da kam der Dahingeschiedene nach Frankfurt und es erregte in allen Kreisen die höchste Verwunderung, daß ein junger Baron Rothschild, ein Sohn des Baron Carl von Rothschild, Chef des Hauses in Neapel, wo nicht einmal Juden wohnen durften, sich zur strengsten jüdischen Orthodoxie bekannte. Welchen Eindruck dieses mannhafte Verhalten des jungen, eleganten Freiherrn auf die öffentliche Meinung machte, welchen Einfluß dies auf die Entwickelung und Wiederbelebung des alten Judenthums hatte, wer wollte das heute ermessen? Wahrlich, wenn Baron Willy weiter nichts gethan hätte, als daß er zur Zeit des tiefsten Niederganges das Gewicht seiner Persönlichkeit in die Wagschale zu Gunsten der gesetzestreuen Sache geworfen hätte, er hätte genug gethan, um seinen Namen ewig leuchten zu lassen in der Geschiche der deutschen Judenheit. Aber er that mehr. Gleich nach seiner Ankunft in Frankfurt war es seine größte Sorge, sein schön damals nicht geringes Wissen in jüdischen Dingen fortzubilden und auf Empfehlung des Rabbi Samuel Bondi-Mainz und des Rabbi Hirsch Lehren aus Amsterdam, der damals gerade in Frankfurt anwesend war, bestellte er Rabbi Salomon Posen als seinen Lehrer, von da ab jede freie Stunde dem Studium des Talmud und der jüdischen Gesetzbücher widmend. Nach dem Heimgange von Rabbi Salomon Posen übernahm Rabbi Fromm, seither Rabbiner in Homburg v. d. H., die Stelle eines Rabbi bei dem Baron. Dieser war inzwischen zu einem bedeutenden Lamdon herangereift und die ihn besuchenden Rabbiner und Talmudgelehrten waren oft in hohem Grade erstaunt über das Bekius und Charifus, das der Baron in der gelehrten Unterhaltung mit ihnen zeigte. Als man später zur Gründung und Consolidirung der Israelitischen Religionsgesellschaft schritt, wirkte auch hier Baron Willy Rothschild in der hervorragendsten Weise mit. Daß sich derselbe bei jeder sich darbietenden Gelegenheit mit namhaften Beträgen betheiligte, bedarf wohl kaum der besonderen Erwähnung. Aber auch persönlich suchte er die Religionsgesellschaft zu fördern, wo es ihm nur möglich war. So besuchte er, als Rabbiner Dr. Sachs aus Berlin zur Probepredigt berufen war, diesen mit seinem Onkel Baron Amschel zusammen in seinem Hotel, um ihn zur Annahme der Stelle in Frankfurt zu bewegen, und als später Rabbiner Hirsch den Rabbinatsstuhl in Frankfurt inne hatte, unterhielt Baron Willy mit ihm seinen steten Verkehr, um sich über das Gedeihen der jungen Gesellschaft und deren Schule unterrichten zu lassen, indem er, wenn nöthig, helfend einsprang. Auch für die neu entstehenden Religionsgesellschaften der Umgegend zeigte der Baron das lebhafteste Interesse. Regelmäßig sich wiederholende größere Spenden, die bis zu seinem Tode fortgesetzt wurden, legten hiervon das beredtste Zeugniß ab. Der Begründer dieser Blätter erfreute sich bei dem Dahingeschiedenen einer großen Beliebtheit und der Baron ließ sich oftmals in längeren Unterredungen über wichtige jüdische Fragen, von Dr. Lehmann unterrichten. In diesen Unterhaltungen hatte Dr. Lehmann öfters Gelegenheit, die große Frömmigkeit des Entschlafenen zu bewundern. Für Alles wußte er in Bibel, Talmud und Midraschim Analogien zu finden: stets bemüht, sich zu belehren, lieh er das Gewand für seine auf reicher Erfahrung basirten tiefen Ideen von den Worten der heiligen Schrift und wirkte dabei ungemein anregend Allmählich wurde es auch in weiteren Kreisen bekannt welch' hohen Antheil der Baron an traditionelljüdischen Dingen nahm und so verging kein Tag, an dem nicht Hunderte von Bittgesuchen, sowohl von Privaten, wie von Anstalten, Gemeinden, Jeschiwaus etc. einliefen. Zur Erledigung dieser Briefe stellte er einen Almosenier an, der mit der Prüfung der Gesuche beauftragt, ihm täglich Vortrag über dieselben zu halten hatte. Hierbei wurde jedes Gesuch, wenn irgend thunlich, berücksichtigt, und es zeigte sich bei dieser Gelegenheit, wie beispiellos seine Liebe zur Thora, deren Studium er viele Stunden seines so vielbeschäftigten Tages widmete, gewesen. Wahrhaft rührend war seine Liebe zum Lande der Väter, welche Verdienste hat er sich um den Bau der Ar.mrnbäuser in der heiligen Stadt K'ra'TTi eruwrbesh mit welch' reichen Mitteln bedachte er das im Entstehen begriffene große jüdische Krankenhaus in Jerusalem! Wie tief wird der Jamder unserer armen Brüder in Palästina sein, wenn sie die Trauerkunde vernehmen! Wie manche Jeschiwah in Ungarn, in Galizien, in Rußland, wird sich plötzlich ihres Erhalters beraubt sehen. Wie mancher arme Vachur wird die monatlichen Zuschüsse schmerzlich vermissen, wie mancher Gelehrte auf seine alljährliche Badereise, deren Ermöglichung er der Munificenz des Barons verdankte, aufgeben müssen: es gab überhaupt keinen jüdisch-wohlthätigen Zweck, für den man nicht reichlich von ihm Spenden haben konnte. Und dieser Mann ist nicht mehr. Nur zweiundsiebzig Jahre lang war es der Welt, was es Israel, war es seiner Gemeinde, war es seiner Familie gegönnt, ihn zu besitzen:!kj’M »p xjrxr 71^2 "in bl) Morgen Vormittag zehn Uhr wird das Leichenbegängniß stattsinden und bereits sind aus allen Weltgegenden Freunde und Verwandte herbeigekommen., um dem so unendlich tief Betrauerten die letzte Ehre zu erweisen. Der „Frankfurter Zeitung entnehmen wir noch Folgendes: Baron Willy, wie er in der Familie und bei den Frankfurtern hieß, hat ein Alter von beinahe dreiundsiebzig Jahren erreicht. Er wurde am 16. Mai 1828 in Neapel als der dritte Sohn des Freih. Karl v. Roth-

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