Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1901)
- Date
- 1901-01-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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conftatirt der Bericht das Dringliche und Unaufschiebbare der Angelegenheit. Trotzdem liegen alle Anzeichen dafür vor, daß nichts dabei herauskommen wird. Bei aller Dialektik und Sophistik wird das Blindekuhspiel vor der Ungeheuerlichkeit Halt machen, die Niemand ausspricht, die aber auf jedem einigermaßen gewissenhaften Rabbiner wie ein Alp lastet: Ein Rabbinerverband läßt sich von einem Vorsitzenden leiten, der für seine Person biblische und rabbinische Satzungen skrupellos verletzt, der sans gene bei einer C2'b nppi die Trauung vollzieht, und ein solcher Verband will durch Einsetzung einer Prüfungskommission verhindern, daß der Rabbinerstand keine unwürdigen Elemente aufnimmt! Warum in die Ferne schweifen? Welche Zangengeburt von Leistung unter solchen Verhältnissen herauskommen kann, darüber mag der Antrag entscheiden, der füglich angenommen wurde: „daß je ein konservativer und ein liberales Mitglied des Verbandes beauftragt werden soll, dem nächsten Verbandstag die Liste für eine konservative und eine liberale Prüfungs-Kommission vorzuschlagen, und daß die Verbandsrabbiner bei der endgiltigen Einsetzung sich der Abstimmung enthalten können, auch keine Verantwortung für die Thätigkeit der Kommission aus dem anderen Lager übernehmen." Aus diesem Antrag mit seinen Cautelen, Vorbehalten und Fußangeln lugt aus jeder Falte ein ganzes Mandel Erisäpfel; die im Ernstfall schon in's Rollen kommen werden. Einstweilen freuen sich die Herren des Ausschusses des Heftpflasters, mit dem sie in Form dieses Antrages die tiefe Kluft überkleistert haben, um sich und andere zu bereden, ein Gegensatz zwischen den Rabbinern des Vorstandes existire gar nicht! Es wäre grausam, dieses kindliche Spiel zu stören; sie werden das früher oder später selber besorgen. Ueber die geschmackvolle Art, mit welcher zum Schluß über den „Judentag" referirt wurde, ist an dieser Stelle bereits berichtet worden. Die Bemerkungen dazu können um so leichter unterbleiben, als das bisherige vollkommen genügt, um die ominöse Bedeutung zu constatiren, der auch Verbandsrabbiner ausgesetzt scheinen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, im Jan. Die letzten Ereignisse in Könitz bezüglich der Auffindung der Kleider des ermordeten Winter lassen die Herren Antisemiten denn doch endlich erkennen, daß die Lüge vom jüdischen Ritualmorde sich hier absolut nicht mehr ausschlachten lasse. Aber weit entfernt davon, nun der Wahrheit die Ehre zu geben und zu bekennen, Blutritual und Ritualmord sind Hirngespinste, die nur in ihren Köpfen spuken, sucht man vielmehr flugs ein ander Märlein zu ersinnen und es gläubigen Hörern aufzutischen. So bringen verschiedene Blätter einen der hiesigen „Tägl. Rundschau" entlehnten Bericht, demzufolge diesmal zur Abwechslung in Wilna (Russisch-Polen), von wo man ein Dementi wohl nicht so rasch erbringen zu können glaubt, ein Mordversuch aus jüdischem Aberglauben gerichtlich verhandelt worden sein soll. Das Dienstmädchen des jüdischen Babiers Blondes sei mitten in einer Nacht im März vorigen Jahres durch eigenthümliche Schmerzen aus dem Schlafe geweckt worden, habe ihr Schlafzimmer voll betender Juden gesehen und ihr Dienstherr habe ihr durch Schnitte an Händen, Hals und Genick ein Quantum Blut abgezapft. Auf ihr Geschrei sei sie von herbeieilenden Christen befreit worden. In der dieser Tage stattgefundenen Verhandlung unter Ausschluß der Oeffentlichkeit — nur ein Vertreter der „Nowoje Wremja" habe Zutritt — sei Blondes zu 1 Jahr 4 Monaten schweren Kerkers und Ehrverlust verurtheilt worden, weil er nebst Genossen dem Mädchen die Schnitte beigebracht habe, nicht um sie zu tödten, sondern „zu einem besonderen Zwecke." Die ganze Erzählung klingt denn doch zu unwahrscheinlich und tendenziös, um ernst genommen zu werden, namentlich die Stellen von den zu Hilfe eilenden Christen, Ausschluß der Oeffentlichkeit, Strafmaß u. dgl. setzen, gelinde gesagt, eine Harmlosigkeit, Naivetät und Leichtgläubigkeit bei den Lesern voraus, die den Christen u. dgl. setzen, gelinde gesagt, eine Harmlosigkeit, Naivetät und Leichtgläubigkeit bei den Lesern voraus, die schon an Beleidigung grenzt. Das Dementi ist denn auch, trotz der antisemitischen Vorsichtsmaßregel: rasch erfolgt. Laut Mittheilung hiesiger und Wiener Blätter hatte die „Nowoje Wremia" gar keinen Zutritt zu den Verhandlungen; das judenfeindliche Hetzblatt hatte es seinen Lesern blos weißgemacht und die deutschen Antisemitenblätter nahmen keinen „Anstoß," der russischen Collegin blinden Glauben zu schenken. Natürlich war in dem ganzen Prozeß von einem Ritualmord keine Rede. Daß Blondes wegen Körperverletzung verurtheilt wurde, wird als ein Zugeständniß für die Antisemiten betrachtet und hofft man, daß derselbe, den man selbst in nichtjüdischen russischen Kreisen für unschuldig hält, in der Berufungsinstanz freigesprochen wird. L. Berlin, 17. Jan. Geh. Kommerzienrath Benjamin Liebermann ist gestern (Mittwoch) im Alter von 88 Jahren verstorben. Der Entschlafene, welcher Chef eines bedeutenden Berliner Fabrikunternehmens und Handelshauses war, erfreute sich der größten Werthschätzung, sowohl in Folge seines umfassenden kaufmännischen Wissens, wie seines gemeinnützigen Wirkens im öffentlichen Leben. Herr Liebermann war eine lange Reihe von Jahren Vicepräsident deS Aeltesten-Kollegiums der Berliner Kaufmannschaft.