Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1901)
- Date
- 1901-01-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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42. Jahrgang. IZeikaqe zu Jfs 6 des „Zsraekii". L c i t c $s 5 c x Artikel. Berliner Brief. Berlin, 20. Januar. Wer nach Symptomen für die Impotenz des deutschen Rabbinerverbandes verlegen sein sollte, dem sei hiermit die Lektüre des offiziösen Waschzettels empfohlen, in dem der Centralausschuß über seine jüngste Sitzung am 25. Dezember v. I. in den jüdischen Zeitungen berichtet und dabei seine bisherigen Leistungen urfn et orbi verkündet. In wie weit die „Leistungen" diesen Namen überhaupt verdienen, das wird jeder Unbefangene selbst so sicher constatiren können, daß mich die Gänsefüßchen reuen, mit welchen ich sie geschmückt habe. Wie gering muß man aber von der Urtheilsfähigkeit der jüdischen öffentlichen Meinung denken, ivenn man wirklich glaubt, sie ließe sich durch das raschelnde Feigenblätterwerk dieses Berichtes über die Blößen täuschen, die er verdecken soll! Sechs Punkte behandelt der Bericht über die Thätigkeit des geschäftssübrenden Vorstandes, die hier in aller Kürze Revue paffiren mögen. 1) Das erste, was dem Rabbiner-Verbande in Deutschland und seinem Ausschuß am Herzen liegt, sind natürlich das Judenthum, die Judenheit, ihre höchsten idealen Ziele und Interessen, und andere ähnliche schöne Sachen — so sollte man meinen. Weit gefehlt! Die Herren sind nüchterner und praktischer; was ihnen im Vordergrund alles Interesses steht, ist: „ihre Befreiung von der preußischen Kommunalsteuer!" Damit man jedoch nicht glaube, es sei eitel Krämergeist, der dieses Petitum und seine Rangirung an allererster Stelle veranlaßt hat, so wird daran erinnert, daß es sich lediglich darum bandle, „die Frage der Gleichstellung des Judenthums bei diesem Zipfel aufzurollen." Dem hausbackenen Menschenverstand muß diese Zipfelweisheit als Gipfel und Wipfel aller Bornirtheit, wenn nicht für etwas viel Schlinnneres erscheinen. Wenn die jüdischen Gemeinden ihren Rabbinern auch den Gefallen thun wollten,ihnen das auf's Wort zu glauben, wird ihnen das Abgeordnetenhaus, das Ministerium, oder welche politische Instanz auch immer, wirklich dieselbe Gutmütbigkeit entgegenbringen? Würden die Herren Rabbinen nickt viel leichter Glauben für ihre Wünschen finden, wenn sie z. B. sprächen: „Wir verlangen für Judentbum und Judenbeit vollständige Gleichberechtigung. Eine Consequenz dieser Gleichberechtigung ist unsere Befreiung von der Kommunalsteuer. Damit es aber über allen Zweifel erhaben bleibt, daß es dieses Motiv nicht ist, das uns zur Beschwerde treibt, so erklären wir hiermit einmüthig, daß wir für unsere Persoy.guf alle Zeit auf diese Befreiung verzichten." Viel staatsmännische Klugheit würde auch eine solche Fassung nicht verrathen, .aber so faustdick läge doch das Material zur Verdächtigung nicht da, aus welchem böswillige Menschen und Behörden aus dieser Art und Weise der Behandlung dem Rabbinerverband in Deutschland einen Strick drehen können. Diese Petition hätten die Rabbiner gewiß besser den Gemeinden oder dem Gemeindebund überlassen, mit dem sie ja, wie wir weiter sehen werden, so gute Fühlung haben. Item, die Herren haben anders beschlossen, sie haben es für besser gehalten, dieses Verlangen höchst eigenhändig zu erledigen und stellen den Gegenstand an die Spitze ihrer Leistungen. Was haben sie nun wirklich geleistet? Die meisten Vorstandsmitglieder, so erzählt der Bericht, waren der Ansicht, daß das preußische Abgeordnetenhaus in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung der Petition nicht günstg sei, und daß ein Gesuch an das Ministerium mehr Erfolg haben dürfe. Wegen eingetretenen Ministerwechsels und in Folge anderer dringenderer Aufgaben, sei die Angelegenheit verschoben worden. Diese Verschiebung wird hier als erste Leistung ausgeführt. Wenn die Herren ihre Petition weiter verschieben wollen, bis das Abgeordnetenhaus ihnen günstig zusammengesetzt erscheint, bis in Preußen kein Ministerwechsel mehr stattfindet, und bis sie keine dringendere Aufgaben mehr haben, dann schätzt man die Leistung dieser Verschiebung zu hoch ein, wenn man sie gleich null tarirt. Denn sie steht dann thatsächlich tief unter null, weil damit der Gegenstand ihrer Petition für alle Zeit tipn der Tagesordnung abgesetzt ist.- Die zweite Leistung ist die Behandlung der Frage der äußeren und inneren Stellung des Rabbiners zu den Gemeinden. Hier haben die Herren in ihrer Weisheit beschlossen, den Teufel bei seiner Großmutter zu verklagen, indem sie sich mit ihren Schmerzen über die Gemeinden zum Gemeindebund flüchteten. Dieser erklärte sich auch bereit, die Herren Rabbiner — wie man hier in Berlin sagt, zu bemuttern. Für die materielle Besserstellung erklärte er sich sogar bereit, seinen Einfluß einzusetzen, dagegen erklärte er klipp und klar, daß er nicht für Wünsche zu haben ist, die dahin zielen, bestehende Kultuseinrichtungen nur mit Zustimmung der Gemeinde Rabbiner zu ändern. Das ginge schon deßhalb nicht, weil er durchaus sicher ist, daß er bei der überwiegenden Mehrzahl der Gemeinden hierin schroffe Abweisung finden würde. Uebrigens will der Gemeindetag trotzdem die Frage auf die Tagesordnung des nächsten Gemeindetags setzen.