Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-01-21 · Heft 6 (21.1.1901) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 6 (21.1.1901)
Date
1901-01-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449153--52480-2503027
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

129 K e u i l l e L o n ersöhnte Weinde. 151 Bon Babette ^yriev. „Ihre Briefe sind eben im Wirrsal des Krieges verloren gegangen. Der „rauhe Kriegsbesen" hat sie irgendwohin gefegt, von wo sie vermuthlich niemals zum Vorschein kommen werden. Doch heute werden Sie noch einmal schreiben, und diesen Brief nehme ich selber zur Besorgung mit. Hoffentlich werden ihn jetzt nach Friedensschluß die lieben Ihren erhalten. Und nun noch eine Frage an Sie: Warum hat sich die junge Dame, welche vorhin neben Ihrem Bette stand, bei meiner Annäherung so schleunigst entfernt?" „Dies ist mir selber ein Räthsel, das ich mir nicht zu erklären vermag." „Ich wohl, wenn es dieselbe ist, die ich vermuthe. Wie heißt sie denn, diese Dame?" „O, eigentlich sollte sie heißen: Der Engel der Barmherzigkeit und Güte, diese unermüdliche Pflegerin, diese treue, goldige Seele," rief begeistert der bleiche junge Mann und suchte sich von seinem Schmerzenslager zu erheben, während sein Gesicht wundersam erröthete, was ihm eine auffallende Ähnlichkeit mit seiner Schwester Rosa verlieh. „Ruhig liegen bleiben, junger Mann!" sagte strenge der Doktor, „sonst muß ich Sie sofort verlassen. — Daß ein jedes Mädchen ein Engel der Barmherzigkeit ist, welches sich freiwillig zum Krankendienst hergibt, das weiß ich als Arzt besser, als Sie zu erkennen. Doch jeder Engel hat noch einen speziellen Namen; wie lautet denn der Name dieses Engels?" Den Familiennamen kenne ich nicht. Es ist hier eingeführt, daß alle Pflegerinnen, gleichviel, ob sie Nonnen oder weltlich sind, Schwester und mit dem Vornamen angeredet werden. Der ihre lautet: Schwester Deborah." „Ich wußte dies," murmelte mit innerer Befriedigung der junge Doktor. „Sie ist aueb eine Glaubensschwester von uns," fuhr der Soldat fort, „dies verräth mir nicht so ihr Name, denn hier zu Lande führen auch viele nichtjüdischen Frauen altbiblische Namen, was bei uns in Böhmen nicht vorkommt, als vielmehr der Umstand, daß an ihrem Halse statt eines Kreuzes, wie die anderen es tragen, ein Geschmeide funkelt, welches das Bild unseres Gesetzgebers Moses mit einer hebräischen Aufschrift trägt. Sie hatte es auch einmal abgenommen, um es mir zu Zeigen, und bemerkte dabei, daß sie es als Andenken aus sehr lieber Hand erhalten." „Bon mir," bemerkte lächelnd der Andere. Und wieder wäre der Kranke erregt aufgesprungen, wenn ihn nicht die starke Hand des Arztes zurückgehalten hätte. „Sie müssen lernen, sich ruhig zu verhalten, Freund, wenn Sie genesen wollen. Ich sehe schon, Sie sind ein ungeberdiger Patient. Wenn eine so leichte Schußwunde am Fuße, wie die Ihre war, Sie so ungewöhnlich lange an's Lager fesselt, dann waren gewiß öftere Aufregungen und Ihr den Anordnungen der Aerzte bewiesener Ungehorsam Schuld an der Verzögerung Ihrer Heilung. Doch jetzt muß es anders werden! Roch heute setze ich mich mit Ihrer bisherigen Pflegerin, die, wie ich sehe, großen Einfluß auf Sie übt, in Verbindung: wir bürgen für Sie, der Sie ja noch immer ein Gefangener sind, und nehmen Sie zu uns nach Breslau, wo Sie im Hause meiner Tante, welche gleichzeitig die der Schwester Debora ist, hoffentlich eher gesunden werden, als hier in dieser Spitalluft und dieser grausigen Umgebung. Dann aber müßten Sie mich als Arzt und Schwester Debora als Krankenpflegerin annebmen. Könnten Sie sich wohl dazu entschließen?" Der Kranke faßte die Hand des Doktors, ohne daß es dieser wehren konnte und führte sie mit dem Ausdrucke tiefster Dankbarkeit an seine Lippen. „Wie komme ich armer, kranker Gefangener zu dieser unverdienten Güte?" „Es soll dies nur eine geringe Abschlagszahlung sein für die Gastfreundschaft, welche ich, der Feind, in Ihrem Elternhause genossen habe." Nach kurzem Bemühen gelang es Goldenkron, die vor ihm geflohene Dora aufzufinden. Sie war in ein? Ecke des weitläufigen Parkes geflüchtet, und dort in freier Natur wollte sie die Ankunft des Jugendfreundes erwarten, von dem sie annahm, daß er um ihretwillen hierher gekommen. Hier im Schatten der alten Bäume hatte sie den Muth, ibm entgegenzutreten, der sie in dem überfüllten Krankensaale, unter den Augen des fremden Soldaten verlassen hatte. Daß Ludwig nur um dessentwillen hierhergekommen, das konnte Dora nicht wissen, da sie keine Ahnung von den Beziehungen hatte, welche zwischen diesen beiden Männern bestanden. Gut gelaunt, wie der Doktor über das Auffinden des so lange gesuchten Bruders seiner Geliebten geworden, machte es ihm Spaß. Dora gegenüber das Lesen ihres Tagebuches und die innere Befriedigung, welche ihm der Inhalt desselben verursachte, zu verschweigen, und sich ihr gegenüber als der erklärte, verliebte Bräutigam aufzuspielen. Ganz straflos sollte sie nicht davon kommen, die ihn so ohne weiteres verschmäht hatte, ihn, der von schönen Frauen vergötterte Ludwig Goldenkron. Aber Debora war keines jener gewöhnlichen Mädchen, bei denen ein solches Verfahren angebracht war. Ihr war jeder Hinterweg fremd, sie kannte keine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.