Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1901)
- Date
- 1901-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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124 es, welcher der Liebe für würdig befunden ward. Versteckt lag ich unter dem Schatten der Aegypter, und kaum, daß eine kurze Weile verstrichen, Hab' ich mich mit schönen Tugenden wie die Rose geschmückt." Die Weisen wollen damit sagen, daß wir bei dem eben befreiten Israel dasselbe Wunder unerwarteter Entfaltung wie bei einem Baume im Frühlinge erlebt haben. Möglich wurde dies nur dadurch, daß es dort, wohin auch das boshafteste Auge des Spähers nicht zu dringen vermag, ein gesundes, kräftiges Leben sich zu erhalten wußte. Aus diesem Grunde verherrlicht das Lied des Psalmisten den Frommen: a'v '3vo bv b',m po n *w b'tv xb r6jn wa p r® indem es ihm den Baum zum Sinnbilde setzt, der an Wasserbächen gepflanzt, der daher seine Frucht stets zur Zeit reift und besten Blätterschmuck nimmer welkt. Andere Bäume sind in ihrem Gedeihen von der Gunst der Witterung abhängig. Wenn diese ihm zuwider, so ist das Verhängniß unabwendbar. Der Baum an Wasserbächen aber versagt seinen Ertrag auch bei allgemeiner Dürre nicht. In seinen Wurzeltrieben liegt seine große Ueberlegenheit. Erfrischung und Säfte aus der Tiefe ziehend, kann er unabhängig von dem Weltlauf stets zu herrlicher Entfaltung gelangen. Diese Wahrheit hat mehr als einmal für uns im Verlaufe der Geschichte weittragende Bedeutung erlangt. War es etwa nur Zufall, daß das Werk der Wiedererneuerung des jüdischen Volkes unter Cyrus gerade unter den Händen eines Serubabel, der ein Enkel des so sehr geprüften Königs von Judäa und unter Joschua, dem Sohne des Jojadoh, der ein Nachkomme des berühmten Hohenpriesters Ehilkia, gelang? Es bewährte sich hierbei eben die alte Wahrheit, daß ein kräftiger Stamm sich nur auf gesunden, in der Tiefe des Erdreiches sich ausbreitenden Wurzeln zu erheben vermag. Von dieser Erkenntniß ausgehend, hat auch Esra sein Rettungswerk damit begonnen, daß er zunächst alle faulen Triebe vom jüdischen Stamme loslöste und die Familien in ihrer fleckenlosen Reinheit wieder herstellte. Das ist es auch, was unsere Weisen lehren: (Kind. 69) n*p: rb'aa ww lyteso xmyr.by xb. „Esra verließ nicht eher Babylonien, bis er die jüdischen Geschlechter wie feines Mehl von aller Schlacke gesäubert hatte." Wußte er doch nur zu gut, daß mit jenen Elementen, die nicht tief in der jüdischen Vergangenheit wurzelten, nichts anzufangen war. Erwägt man dies, so braucht es nicht Wunder zu nehmen, daß die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts begonnene Reformbewegung heute dermaßen abgethan erscheint, daß sie bei ihren Anhängern selbst zum Gespötte geworden. Weil sie in der jüdischen Vergangenheit keine Wurzeln hatte, konnte sie für die Gegenwart zu keinem kräftigen ausdauernden Stamme sich auswachsen. Es liegt ein tiefer Sinn in dem Worte Jochanon b. Sakkais, der seines Jüngers Josua b. Chananjas Lob dadurch verkündet, daß er npx seine Eltern glücklich preist. Er wollte damit sagen, daß ihm ein großer Mann ohne große Ueberlieferungen kaum denkbar erscheint. Leider ist das heutige Judenthum dieser Denkweise weiter denn je entfremdet. In einseitiger Werthschätzung blos äußerlichen Besitzes, ist ihm der Maßstab für alle höheren geistigen Werthe, scheint es, völlig abhanden gekommen. Nicht, daß der Besitz hier etwa in dem Sinne geschmäht werden sollte, wie wenn der Fuchs die Trauben, die er nicht erreichen kann, sauer schilt. Auch der Reichthum hat einen großen Werth, den ganz besonders diejenigen zu würdigen wissen, die seiner entbehren müssen. Nur gehört zum Reichthum mehr. Man ist es nie durch die Anhäufung nur einer Art Besitzthums. Um als reich zu gelten, müssen einem viele Arten von Besitzthümern zu Gebote stehen. Auch Geistes-, auch moralische Kraft, wie das Beispiel unserer Vorfahren in Aegypten lehrt, ist ein solches ja ein viel höherer Besitz. Nur in ihrer Vereinigung liegt auch die Bürgschaft der Dauer. Das ist es gerade, was seinen eigentlichen Werth ausmacht. Es fragte einst ein Araber einen Weisen: „Was ist höher zu schätzen, Reichthum oder Erkenntniß?" „Die Erkenntniß," entgegnete jener. Darauf versetzte der Fragesteller: „Woher mag alsdann nur kommen, daß man wohl die Weisen an der Thüre der Reichen, die Reichen jedoch nie an der Thüre der Weisen hat stehen gesehen?" — Schlagfertig gab jener zurück: „Weil eben die Weisen den Werth des Reichthums, die Reichen jedoch nicht den der Weisheit zu schätzen wissen." Es ist eine solch einseitige Ueberschätzung blos äußerlichen Besitzes bei uns Juden etwas ganz Unerhörtes. Selbst im tiefen Elend des Ghetto wußte sich der Jude vor den Niederungen gemeinen Pöbelthums zu wehren. Unter noch so drückender Enge der Verhältnisse verstand er es, sich noch einigermaßen den Anstrich edler Vornehmheit zu wahren. In diesem Sinne wollen unsere Weisen auf Israel das Bild der Rose unter Dornen angewendet sehen, wenn sie lehren: mi ypa np'b xm nxa ntin nn e^ninn pa n nÄW na bx->2" 12 rrnn h Saa pi nmx naa rpm nxa ri'Mö anaix i^xi a’aa ur an1? aneix bx niaixn pa anayipa nantso nn mtro‘n: ibxi nwx a'tppaa 'hx'< poi wn an*? crnnn pa Auch unter Dornen gepflanzt, vom Nordwind gestoßen, vom Südwind angeweht, bald hier, bald dort geritzt, weiß die Rose ihre Reine und Zartheit zu behaupten. So hielt es auch Israel. Trotzdem unter die Völker verpflanzt, die einen bald Tribute, die anderen Geleitsgelder, diese Kopf- und jene wieder Schutzgelder ihm auferlegt hatten, — immer hat es sich dennoch seine edle Gesittung und Reinheit bewährt.