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Der Israelit · 1901-01-17 · Heft 5 (17.1.1901) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 5 (17.1.1901)
Date
1901-01-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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42« Jahrgang. Erste Aeikage zu M 5 des „Israelit". Leitender Artikel. Stamm unü Wurzel. Veirachiung zu ntsnß. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink, LZ i e u. An dem Frühstückstische eines herrlich gelegenen Schlosses saß eine erlesene Gesellschaft hervorragender Staatsmänner beisammen. Sie tauschten in trautem Zwiegespräche ihre Erlebnisse auf der letzten Jagdpartie aus. Nun ist aber bekanntlich die Eitelkeit dieser Menschen längst nicht damit, daß sie die Völker regieren, befriedigt. Sie geizen ohne Ausnahme nach dem Ruhme, auch als deren Beglücker zu gelten. Kaum daß sie es gemerkt, und man stand mitten in den tiefsinnigsten Erörterungen über die Frage: auf welche Weise das Glück der Völker am sichersten zu erreichen wäre? Einer der ältesten am Tische ließ sich daraufhin also vernehmen: „Für einen möglichst allgemeinen Wohlstand müsse man vor allem Sorge tragen. Haben wir es erst dahin gebracht, daß bis zum letzten Arbeiter herab Jeder am Feiertage mindestens ein Huhn im Topfe habe, so wäre damit die Hauptsache erledigt." Ein anderer wieder meinte: „So reich wäre selten ein Land, um Jedem ein solches Maß von Lebensgenuß zu bieten. Das würde außerdem zu Maßregeln führen, welche die oberen Stände zu sehr belästigten. Diese bei guter Laune zu erhalten, wäre aber für den Staat am allerwichtigsten; denn sie befänden sich in den hohen Stellungen und sind mit der Leitung des Staates betraut. Daher müsse man den Bestrebungen, die auf eine Veredelung der Kultur abzielen, besondere Fürsorge zuwenden." Kaum hatte dieser geendet, als ein Dritter ihm in's Wort fiel, indem er rief: „Ja, ja, so ist es! Auf dem breiten Wohlstände der Massen muß sich das Genußleben zu einer verfeinerten Kultur erheben. Wo beide Richtungen sich harmonisch durchdringen, da gibt es eine woblthuende Klangfülle, wie wenn über den vollen getragenen Tönen der Baßgeige die Hellen Weisen einer lustigen Fidel erklingen. Wie lautete doch nur die Formel aller Staatsweisheit im alten Rom:? Brot und Spiele! — Die kein Brod haben schreien zunächst danach, um dann später auch Spiel und Kurzweil zu verlangen." Da ließ sich Plötzlich einer der Jüngsten an der Tafelrunde vernehmen. Die Anderen betrachteten ihn als einen, der eigentlich nicht zur Zunft der Erlesenen gehöre und schenkten seinen Worten daher kaum Gehör. — „Ein müßiges Spiel ist es," meinte er, „in dem wir unseren Scharfsinn erschöpfen. Die Zeit zu vertreiben, dünkt mir eine Aufgabe, die wir schon unseren Völkern ruhig überlassen dürfen. Die unserige scheint mir gerade am entgegengesetzten Ende zu liegen. Sie sollte meines Erachtens dahin gehen, daß wir unfern Völkern eine von der Flucht der Zeiten nicht anzutastende Dauer verleihen." Das Gespräch stockte einen Augenblick. Die hohen Herren von der Diplomatie schauten Alle so verdutzt drein, als müßten sie alle Kraft des Geistes aufbieten, um den Eindruck der soeben vernommenen, ihnen thöricht dünkenden Meinung zu verwinden. Der gastliche Hausherr machte der peinlichen Lage dadurch ein Ende, daß er die Gesellschaft zu einem Spaziergang in das naheliegende Gehölz einlud. Ein heller, feierlicher Winter lag über die Landschaft ausgebreitet. So ganz unerwartet war er mit den rauhen, scharfen Stürmen der letzten Tage hereingebrochen. Der Weg führte zunächst durch den wohlgepflegten Schloßgarten. Die Gärtner waren hier um die zarten Pflanzen beschäftigt, welche wegen der plötzlich ausgebrochenen Kälte wie von einer runzeligen, vielfach geborstenen Haut überzogen schienen. Sie wurden sorgfältig vom Schnee befreit und alsdann unter das schützende Dach des Treibhauses gebracht. „Wie herrlich mag sich doch der Frühling in ihrem prächtigen Blüthenflor gespiegelt haben." bemerkte im Vorbeigehen der Neuling zu den greisen Herren, — „doch wie wenige ihrer werden den Winter überleben!" Jene aber rümpften nur mit der Nase, als wollten sie solcher Maßen auf kürzestem Wege Verachtung und Ueberlegenheit zu gleicher Zeit zum Ausdruck bringen und schritten ruhig weiter. Man war bald im Gehölze angelangt. Die Bäume starrten vor Frost. Zwei Holzfäller waren damit beschäftigt, einen etwa mannshohen Baumstamm, dessen Krone längst gebrochen war, abzusägen. Aber rings herum waren bereits aus seinen Wurzeln junge Stämmchen zu einer stattlichen Höhe aufgeschossen. „Wessen Dasein ist schöner verlaufen?" fragte der junge Staatsmann, „das jener Zierpflänzlein, die der erste Frost geknickt, oder das eines solchen BaumeS, der schon gebrochen -- einer Reihe von jungen, kräftigen Sprossen noch das Leben gab, die seinen Namen in wer weiß welche Zeitfernen hinaustragen werden?" Verblüfft schauten die alten zünftigen Herren einander an und schüttelten schweigend das Haupt.

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