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Der Israelit · 1901-01-17 · Heft 5 (17.1.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 5 (17.1.1901)
Date
1901-01-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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101 Feuilleton ersöhnte Weinde. 14] Von Babette Fried. Neuntes Kapitel. Goldenkron war müde geworden, doch kein Schlaf wollte sich auf feine brennenden Augenlieder senken. Zu viel hatten ihm die wenigen Seiten, die er in diesem Buche gelesen, enthüllt. Den ganzen Edelmuth seiner vermeintlichen Tante, die strenge Rechtlichkeit und Wahrheitsliebe des ihm zugedachten Mädchens, das ihm bisher verborgen gewesene traurige Ende seines Vaters, die Unwürdigkeit seiner Mutter. Doch durch all' dieses trat ihm als leuchtender Stern die Gewißheit hervor, daß seine Liebe zu der sanften Rosa ferner nicht sündhaft sei, daß er Hoffnung habe, sie sich zu erringen, und daß er der edlen Dora ihre Freiheit wieder geben konnte, nach der es sie so gelüstete. Dann nahm er das Buch wieder zur Hand, um es zu Ende zu lesen, vielleicht, daß es noch etwas enthielt, das ihm zu wissen nothwendig war. Unter einem etwas späteren Datum war wieder geschrieben: „Der Ausweg aus diesem Dilema ist gefunden. Das Vermögen der Tante soll und muß unverkürzt Ludwig bleiben, das ist sie ihm schuldig. Was kann denn er dafür, daß, nachdem sie ihn an Kindesstatt angenommen und ihm alle Rechte eines Kindes eingeräumt, dann im Hause ihrer Schwester noch ein verspätetes Kindchen zur Welt gekommen, welchem die gute Tante in ihrem übertriebenen Rechtsgefühl Rechte an ihr Vermögen zuweisen wollte. Mit der Erziehung, welche sie mir angedeihen ließ, hat sie jedoch diese vermeintlichen Rechtsansprüche vollauf beglichen. Jetzt ist es an mir, zu zeigen, daß ich etwas vermag, und nicht nur die verwöhnte Haustochter vorstellen kann. Jetzt gilt es, sich auf eigene Füße zu stellen, um auf diese Weise des mir zugedachten Vermögens entrathen zu können. Ich habe den Beruf als Krankenpflegerin erwählt. Jetzt ist die geeignete Zeit, sich zu diesem schönen, erhebenden Berufe vorzubereiten, denn ein Aufruf ist an alle starken und muthigen Töchter des Landes ergangen, damit sie sich zum freiwilligen Krankendienste in die Feldlazarethe melden, da es überall an geübten weiblichen Kräften fehle. Morgen schon werde ich der Tante meinen Entschluß bekannt geben und mich durch gar keine Abmahnung wankend machen lassen." Zwei Tage später. „Es hat einen harten Strauß gegeben, worin ich jedoch Siegerin geblieben. Ich habe mich als Pflegerin gemeldet, und bin nach kurzem Bedenken, das man gegen mich als Jüdin erhoben, ausgenommen worden. Ich brauchte mich nur als Dr. Goldenkron's Verwandte zu erklären und wurde sofort angenommen. Dieser Tage geht wieder ein SanitäKzug zum Kriegsschauplatz ab, dem ich zugetheilt werde." Das war die letzte Aufzeichnung in dem Buche. Die folgenden wenigen Blätter waren unbeschrieben. Goldenkron legte das Tagebuch auf das Nachttischchen, löschte die Lampe, um noch einige Stunden zu schlafen, bevor er früh sein Tagewerk beginnen sollte. Jetzt bereute er es nicht mehr, den Abend mit dem Lesen dieses Buches zugebracht zu haben. Als Goldenkron. gestärkt von kurzem, aber sanftem Schlafe, sein Lager verlassen und hinunter zur Tanle gekommen war, empfing ihn diese freundlich wie immer, jedoch mit einem ängstlich fragenden Blicke. Der junge Arzt küßte ihr artig die Hand und sagte mit einer bei ihm ungewöhnlichen Heiterkeit: „Sei guten Muthes, Tante, alles wird so schön werden, gerade wie in einem Lustspiele." „Du bast gelesen, Kind?" „Alles!" „Und wirst mich trotzdem lieb behalten, mein Junge?" „Erst recht, Tante," versicherte Ludwig, „denn seit ich erfahren, daß Du nicht meine wirkliche Tante bist, ist meine Verehrung für Dich bis in's Unendliche gestiegen." „Gott sei Dank!" hauchte die geängstigte Hanna. Am selben Tag noch erbat sich Ludwig einen kurzen Urlaub, den er sofort nach dessen Bewilligung antrat. — — Er hatte eine heilige Pflicht zu erfüllen, nämlich das Versprechen einzulösen, welches er beim Abschiede aus Böhmen seinen dortigen Gastfreunden gegeben. Die Gewißheit, daß es nur Eifersucht auf das Bild Dora's gewesen, welche der sonst so sanften Rosa jene verletzenden Worte eingegeben, hatten ihn milder gegen sie gestimmt. Die Dankbarkeit, die er ihr für die ihm gewährte vorzügliche Bewirthung schuldete, das Mitleid, welches er mit ihrer verlassenen Lage fühlte, hatten alsbald eine Aussprache herbeigesührt, welche mit vollständigster Versöhnung der jungen Leute endigte. Daß Ludwig bei dieser Gelegenheit es nicht unternommen hatte, von den Gefühlen zu sprechen, welche ihm das liebenswürdige Mädchen einflößte, kam daher, daß er sich für nicht frei hielt und sein biederer Charakter es nicht zugelassen hatte, einem der beiden Mädchen treulos zu werden: seiner Verlobten Dora, oder dem Mädchen, das so ganz sein Herz ausfüllte. Nein, er selber wollte leiden, aber keines der beiden Mädchen durfte durch seine Schuld um ihren Seelenfrieden gebracht werden. Bei seinem Abschiede nun hatte er der um den verschollenen Bruder besorgten Rosa das Versprechen gegeben, alles aufzubieten, was in seiner Macht stünde, um den jetzigen Aufenthalt des gefangenen Bruders ausfindig zu machen und alles Mögliche zur Verbesserung seiner Lage zu thun. Um nun dies Versprechen einlösen zu können, hatte Ludwig Urlaub genommen,

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