Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 5 (17.1.1901)
- Date
- 1901-01-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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100 Boect wurde das Beinkleid des ermordeten Gymnasiasten Ernst Winter wiedererkannt. Dieser hatte es am Tage des Mordes (11. März 1900) getragen. Der benachrichtigte Erste Staatsanwalt, der mit mehreren höheren Beamten bald darauf erschien — auch der Landrath Freiherr von Zedlitz war zugegen — hatte die bei der Staatsanwaltschaft eingelieferte, kürzlich in einer Tannenschonung des Stadtparkes Roßgarten gefundene Weste mit zur Stelle bringen lasten. Durch Vergleichung mit dieser wurde die Identität festgestellt. Die nur zu berechtigte Empörung über das frevelhafte Treiben des Mörders oder der Möder und seiner Helfershelfer, die geradezu eine Verhöhnung der Behörden zu beabsichtigen scheinen, ist sehr groß und allgemein. Herr Kriminalkommissar von Kracht aus Berlin, der sich hier aufhält, hat, wie man sieht, ein reiches Feld vorgefunden, seine Thätigkeit zu bewähren. — Der Fund der Kleidungsstücke des ermordeten Ernst Winter hat den Ersten Staatsanwalt Schweigger in Könitz zu einer Bekanntmachung veranlaßt, laut welcher Personen, die über die bisherige Aufbewahrung oder den Transport der Kleider nach der Fundstelle irgendwelche Auskunft geben können, um schleunige Mittheilung gebeten. Auf telegraphisches Ersuchen der Behörde trafen der Vater und die Schwester des Ermordeten, sowie ein Schneider aus Prechlau in Könitz ein, die sowohl die Sachen, als auch das gefundene Stück eines Taschentuches.mit Bestimmtheit als dem Ermordeten gehörig wiedererkannten. Die Vernehmung der Spielleute, die den Fund machten, hat ergeben, daß die Sachen am Hellen Tage, Mittags zwischen 12 und 2 Uhr nach dem Wäldchen geschafft sein müssen. Die Spielleute hatten nämlich Vormittags an jener Stelle geübt, ohne irgend etwas zu bemerken. Als sie Nachmittags gegen drei Uhr wieder an jener Stelle, einer Lichtung im Wäldchen, erschienen, fanden sie Jaquet und Weste unter einer Tanne, während ein Stück des Taschentuches mit dem Monogramm E. W. an einem Baumast hing. Nachdem durch eine Gerichtskommission der Thatbestand an Ort und Stelle ausgenommen war, fanden Haussuchungen bei dem Synagogendiener Nossek und bei einem Maurerpolier statt, die jedoch kein Resultat ergaben. Die vier Spielleute werden eine Belohnung von 300 Mk. erhalten. Der Stadtwald ist bereits durch Mannschaften des Wachtkommandos abgesucht worden. Die Fundstelle wurde photographisch ausgenommen. Verhaftungen sind bisher nicht erfolgt. — Aus Kottbus kommt untrem 14. Januar nachstehender Bericht: „Eine sensationelle Meldung erstattete heute bei der hiesigen Polizeibehörde der Tischlergeselle Max Wolfs, aus Bromberg gebürtig, der bei der Fremdenlegion in Bel-Abbas diente und sich jetzt auf der Wanderschaft befindet. Wolfs theilt mit, ein deutscher Fremdenlegionär habe ihm erzählt, er wolle, anstatt sich von seinen Vorgesetzten hart bedrücken zu lassen, lieber nach Deutschland zurückkehren, um den in Gemeinschaft mit einem andern in der Trunkenheit verübten Mord an W i n t e r in Könitz zu sühnen. Der Mörder, dessen Name ihm unbekannt sei, diente bei dem ersten Regiment in Bel-Abbas in der Provinz Oran und war Fleischergeselle in Könitz. Wolfs macht einen glaubwürdigen Eindruck. Die Polizei hat Verhandlungen eingeleitet." So lange nicht nähere und bestimmte Angaben über den angeblichen Mörder vorliegen. wird man diese Räubergeschichte mit Mißtrauen aufnehmen müssen. Memel, 14. Jan. (Judenausweisungen.) Wieder sind an verschiedene hier ansässige jüdische Familien Ausweisungsbefehle ergangen. Indessen handelt es sich nicht um eine urplötzliche, sondern um eine „erneute" Maßregel, die längst vorbereitet bezw. erlassen, bisher nur zurückgehalten worden war und nun mit aller Strenge durchgeführt werden soll. Die Lage der Betroffenen erscheint aber gerade jetzt um so bedauernslverther, wenn man die gegenwärtige Jahreszeit in Betracht zieht, die zu einer Auswanderung wenig einladend ist. Es handelt sich nicht allein um einzelne Familienglieder, sondern um ganze Familien, worunter auch kleine Kinder und Säuglinge! Wie e» scheint, möchte die Verwaltungsbehörde diese Angelegenheit endlich zum Abschlüsse bringen, weshalb sie es denn nicht auch an Drohungen und Strafen fehlen läßt. Aber dieses alles scheitert an der Leidenswilligkeit der Hartbetroffenen, die alles über sich ergehen lassen müssen, weil sie nicht wissen, was sie anfangen sollen. Andererseits hört man auch erfreulichere Nachrichten. So wurden die erwachsenen Söhne einiger Ausländer, die nach den ersten Ausweisungen bis auf weiteres „bestätigt" wurden, nunmehr durch Naturalisation in den prueßischen Unterthanenverband ausgenommen, wohl zu dem Zwecke, ihrer Bürgerpflicht durch Ableistung der Militärdienstzeit voll und ganz nachzukommen. Somit steht zu hoffen, daß auch die jetzt Hartbetroffenen zuletzt naturalisirt oder mindestens bestätigt werden, was gewiß sehr zu wünschen wäre. Amerika. Chicago, 13. Jan. Durch falschen Feuerlärm im jüdischen Theater in der Turnhalle entstand gestern eine Panik. Die Zuschauer, etwa 800 an der Zahl, drängten dem Ausgange zu; drei Frauen, drei Mädchen und ein Knabe wurden getödtet und 22 Personen verwundet. ^erlonasirn. Oldenburg, 14. Jan. Ge'ern Sonntaq Nackmt'tag um Vö Uhr in der Lackenbacber Ober Rabbiner David Ullmann VN im 78. Lebensjahre gestorben 51 Jahre wi fic er als Rabbiner, er war ein Enkel von *pn ’l. Die H*l? fand Dienstag Nachmittag statt. 4. K.