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Der Israelit · 1901-01-14 · Heft 4 (14.1.1901) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 4 (14.1.1901)
Date
1901-01-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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85 Feuilleton versöhnte Feinde. Von Babette Fried. (Zs war an einem trüben Herbsttage," fuhr Tante Hanna fort, „draußen heulte der Sturm und trieb große Regentropfen an die Scheiben der Fenster. Ich empfand mit besonderem Behagen die Annehmlichkeit des hübschen, wohldurchwärmten Zmmers. In den Armleuchtern brannten zwei Kerzen, welche genügendes Licht zum Lesen verbreiteten. Ich nahm das Buch zur Hand, dessen spannender Inhalt mich schon Nachmittags gefesselt hatte und setzte mich zurecht, um einige Abendstunden mit angenehmer Lektüre zu verbringen. Da unterbrach mich Rieke: „Fräulein, ein reitender Bote ist angekommen und bringt einen Brief an Sie." „Bon meiner Schwester!" rief ich erschreckt aus. „Nein, nicht von ihr, von anderswoher." Der fremde Mann trat ein und überreichte mir ein Schreiben. Mit zitternden Händen erbrach ich es. Es enthielt die mir wohlbekannten Schriftzüge meines einstmaligen Verlobten, und nur die wenigen Worte: „Ich scheide aus diesem Leben, welches mir ohne Deinen Besitz werthlos ist und laste nichts zurück, als ein Kind, welches ich Deiner Fürsorge empfehle. Du wirst ihm eine Mutter sein, da die seine schon vor mir aus diesem Leben genommen wurde und es auch heute seinen Vater verliert." „Was ich in diesem Momente dachte und fühlte, was ich that und anordnete, wie könnte ich Dir es schildern. Ich war fassungslos. Kaum, daß ich verstand, was mir der Bote erzählte: daß sich nämlich der angesehene Kaufmann Goldenkron in seinem Zimmer erschossen habe. Unter anderem hätte er auch einen Brief mit meiner Adresse zurückgelassen, mit der Bemerkung, mir denselben unverzüglich auf dem kürzesten Wege zustellen zu lassen. — Trotz des stürmischen Wetters und meines elenden körperlichen Befindens befand ich mich noch in derselben Nacht auf dem Wege nach N. Gegen Früh langte ich in der Stadt an, wo man mir gleich den Weg in's Trauerhaus zeigte, welches von Hunderten Neugieriger umlagert war. Ich ließ mich sogleich zu dem doppelverwaisten Knaben bringen, der in seiner glücklichen Unbefangenheit noch keine Ahnung von dem Verluste, der ihn betroffen, hatte. Er besaß die mir noch immer theuren Züge seines Vaters und es gelang mir überraschend schnell, das Zutrauen des schönen Knaben zu erringen. Ich nahm Abschied von den Ueberrestcn desjenigen, der meine Zuneigung und Liebe einst besessen, und gegen den ich in kindischem Hochmuthe und unbegreiflicher Unerfahrenh-it so tief -efohtt versprach an seiner Bahre, dem zurückgelaffenen Lieblinge eine gute Mutter sein zu wollen, nahm den kleinen kaum vierjährigen Ludwig mit mir und erbat mir von dem ganzen Nachlaß des Verblichenen, auf den ohnehin die zahlreichen Gläubiger schon Beschlag gelegt hatten, nichts anderes, als das Bild des Entschlafenen, dasselbe, welches noch jetzt die schönste Stelle in Ludwigs Zimmer einnimmt. Ludwig nahm ich sofort mit und erzog ihn in dem Gedanken, daß ich seine wirkliche Tante sei, in welchem Glauben er noch heute lebet, und er hat mir auch meine Sorgfalt mit der rührendsten Anhänglichkeit vergolten." „Dies ist wahr," fiel ich ihr in's Wort. „Kein Sohn kann inniger an seiner Mutter hängen, als Ludwig an Dir. Doch Tante, wann und wieso kam ich denn zu Dir?" „Das ist wieder ein trauriges Kapitel aus meiner Lebensgeschichte. Zu viel fast der Erinnerungen stürmen heute aus mich ein, doch es muß sein, damit Du, liebes Kind, einsiehst und begreifen lernst, daß es nicht bloßer Eigenwille, nicht starres Festhalten an einer einmal gefaßten Meinung ist, welches meine Handlungsweise sowohl, als meine Wünsche leitet." Liebkosend strich Tante Hanna über meine Haare und fuhr fort: „Deine Eltern hatten in glücklicher Ehe gelebt, trotzdem ihnen längere Zeit der Kindersegen versagt geblieben. und trotzdem, wie es sich später herausgestellt, sie in mißglückten geschäftlichen Unternehmungen den größten Theil des von unseren Eltern ererbten Vermögens verloren hatten. Von dem letzteren Umstande wußte ich nichts. Hätte ich denn nicht freudig einen Theil meines eigenen Besitzes geopfert, um der geliebten Schweller die Sorgenlast zu erleichtern? — Ich war eingesponnen in meine Häuslichkeit und lebte nur der Pflege und Erziehung des Kindes, das ich zu mir genommen hatte, und welches mir mein ganzes Denken und Fühlen ausfüllte. Die Nachricht, daß die Ehe meiner einzigen Schwester endlich mit einem Kinde ge segnet worden, hatte mich mit unsäglicher Freude erfüllt. und ich wäre sofort hingereist, um selber die Pflege der Schwester zu leiten, wenn nicht gerade Ludwig an einer Kinderkrankheit darnieder gelegen hätte. Ich konnte mich nicht entschließen, das fiebernde, an mich so gewöhnte Kind zu verlassen und blieb zurück, mich mit der Hoffnung tröstend, im Frühjahre mit Ludwig hinzureisen, um dort einige frohe Wochen im Anblicke des Mutterglückes meiner geliebten Schwester zu verleben. Dieses Glück sollte mir jedoch nicht beschicken sein. Kaum, daß Ludwig genesen, wurde ich an das Krankenbett Deiner Mutter gerufen. Ich traf sie in hoffnungslosem Zustande, fast sterbend an. Nur die wenigen Worte konnte sie, fast unhörbar, Vorbringen, daß sie hoffe, ich werde mich ihres verwaisten Kindes annehmen. Dann schloß sie die treuen Augen zum ewigen Schlum

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