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Der Israelit · 1901-01-14 · Heft 4 (14.1.1901) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 4 (14.1.1901)
Date
1901-01-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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80 Da treten nun an einen Jeden unzählige Fragen heran, welche ihre Beantwortung verlangen; und diese Fragen müssen beantwortet werden, wenn sie nicht den Menschen in den von seinen Vätern ererbten geistigen und sittlichen Gütern wankend machen sollen. Nicht um Propaganda nach außen zu machen, son-, dern um eine möglichst große Anzahl unserer jüdischen Schwestern und Brüder ihre hohen jüdischen Aufgabe zu erhalten und zuzuführen, müffen wir das Judenthum gegeniiberstellen heutiger Anschauungsweise und heutiger wissenschaftlicher Erkenntniß. Solches begriffen und zur Aufgabe seines Lebens gemacht zu haben, war das unsterbliche Verdienst Samson Raphael Hirsch's s. A. Durch seine gesammten Schriften zieht sich diese Auffassung, daß es nöthig ist, in einer „andern" Zeit eine „andere" Methodik „aus der Zeit für die Zeit," bei dem Lehren und Lernen jüdischer Welt- und Ledensanschauung in Anwendung zu dringen. Es ist geradezu wunderbar, wie deutlich Hirsch all' die Fragen unserer Zeit bei jedem Satze, den er schreibt, vor dem Gedächtniß stehen. Ganz von selbst drängt es sich Einem auf, daß all' die Worte gerichtet Und an den in hartem Daseinskämpfe stehenden modernen Juden, der in einer Sturm- und Drangperiode, wie die unserige, Gefahr läuft, — Gott und sein Gesetz vergessend — sein scheinbar augenblickliches Interesse nach eigenem Ermessen zur Ausführung zu bringen und sich nach seinen kurzsichtigen Erfahrungen eine Lebens¬ und aus dem Mirrwar der unzähligen wissenschaftlichen Theorien eine Weltanschauung zurechtzubrauen. So weht also bei Hirsch ein von den früheren Commentatoren vollständig verschiedener Geist, die ja — eingeschlossen hinter Ghettomauern -— ein in gewisser Beziehung freies über die Grenzen der Erfahrung hinausdringendes Forschen liebten. Seine Lehrweise nimmt in ihrer pädagogischen Handhabung genaue Rücksicht auf die Empfindungen und Gedanken, die auf den heutigen Juden ungünstig einwirken könnten; und man kann es ruhig sagen, Hirsch war einer Derjenigen, die hauptsächlich dazu beigetragen haben, die geietzestreue Judenheit fiir die Neuzeit zu retten. Da ist z. B. die Ethvmologie, eine ganz moderne Wissenschaft von außerordentlicher Bedeutung, denn unendlich wichtige Entdeckungen für die Geschichte der Menschheit, von denen keinerlei Ueberlieferung zu berichten weiß, hat die Wortvergleichung zu Tage gefördert. Hirsch macht sich sofort die Ethymologie zu Nutzen. Muß er doch mit ihr bei der Gottessprache zu herrlichem Resultate gelangen! Wir wollen gerade einmal bei der Ethymologie stehen bleiben, um an einem eoncreten Beispiele zu ersehen. welch' ungeheure Bedeutung für uns der Kampf mit der modernen Anschauungsweise hat und um daran auch die Bedeutung Hirsch's zu ermessen: Unsere Professoren lassen - nach dem berühmten Muster von dem Ei des Kolumbus mit gegebenen Verhältnissen rechnend — Alles aus sich heraus sntwick»ln. So hat nach ihrer Lehre der Mensch vor vielen Jahrtausenden oder Hunderttausenden — es kommt in dieser Beziehung bei ihnen nicht so genau darauf an — anfangs nur unartitulirte Laute ausgestoßen, die sich im Laufe der Zeiten nach und nach zur Sprache entwickelten. Diese Auffassung nun gibt unserm erhabenen jüdischen Gottesbegriffe, sowie unserer Thora, dem Buche Gottes, einen Faustschlag in's Gesicht. Würden wir diesen Faustschlag ruhig hinnehmen, so hätte das zur Folge, daß uns die Grundtendenzen des Judenthuius fremd bleiben müßten. Das Judenthum wäre nicht unser Ideal, der Leiter unseres gesammten Lebens von der Wiege bis zum Grabe, bei Tag und bei Nacht, sondern es würde für uns noch Vieles vom Menschendenken und thun außerhalb des Judenthum liegen. Das kann und darf nicht sein, wenn wir die Fahne des Sieges in der Hand, uns die Zukunft erobern wollen! Und wahrlich, — beruhigt dürfen wir den Kampf aufnehmen; der Sieg ist unser, denn Gott ist unser. Betrachten wir den vorliegenden Fall: Nach unserer jüdischen Auffassung ist die Ursprache unmittelbar auf göttliches Eingreifen zurückzuführen, gerade so wie der Gottesgedanke, das moralische Bewußtsein und Schönheitssinn. Hatte Gott auch seinem Ebenbilde von seinem Geiste eingehaucht, waren also auch die Anlagen vorhanden, so bedurfte es doch der Befruchtung, um diese Anlagen zum Leben zu erwecken. Es ist merkwürdig- Ein Vorgang, der im Thier- und Pflanzenleben einem Jeden als selbstverständliches Grundgesetz erscheint, wird auf dem Gebiete des Geistes geleugnet. Man sollte da wahrlich meinen, unseren Gelehrten fehle jegliche Ahnung von der Mathematik, die sich bekanntlich auf den Lehrsatz stützt, daß eine Erkenntniß, die theoretisch berechtigt ist, auch praktisch ihre Berechtigung behält. Nun, — wenn dieses Alpha der Mathematik auf festen Füßen steht, dann müssen umgekehrt unsere Erfahrungen der körperlichen Welt ebenso auf die geistige Welt anwendbar sein; die ganze moderne Wissenschaft muß in sich Zusammenstürzen und die naiv einfache Genesis der Bibel der Pfeiler werden, der auf den Triiiumern des alten Wahns sich zum ewigen Leuchtthurm fiir alles Forschen und Streben aufbaut. Was hätte denn der Mensch aus sich heraus sprechen lernen können? Nun! - Aus sich heraus garnichts! Gelernt hätte er, gehörte Töne nachzuahmen, dem Donner nachzudonnern, dem Wolf nachzuheulen und der Krähe nachzukrähen; aber zu einer Jdeenverbindung, nur zu dem Satze, „das ist eine Krähe," hätte er es noch heute nicht und niemals gebracht. Erst nachdem Gott zu seinem Geschöpfe herniedergestiegen war und ihm gesagt hatte: „Sieb, dieser schöne Baum, der so lieblich zum Anschauen ist, ick verbiete Dir seine Frucht zum Gemme:" erst da lernte das menschliche Auge seinen wonnetrunkenen Blick in die Schönheiten der Natur tauchen, erst von da ab klopft das menschliche Herz und

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