Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1901)
- Date
- 1901-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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42. Jahrgang. je 24. Der Israelit. Ein Aentrat-Hrgan für das orlhodore KudenLHum. Begründet von v' rrhinann in ««1«,. Montag, den 14. Januar 5661 (1901). Leitender Artikel Andere Zeiten! Zu krimrW an im 27. Itrottj, Drnt JojrjmfDjf eamimi Rliih«k> Sirius y'st. Von Sa ly Geis—Frankfurt a M. Hoffnungsfroh hatten wir die finsteren Jahrhunderte verzweislungsvollen Elends überstanden. Nun war vorbei, was so lange unseren Lebensweg düster umschattet hatte, in Freude hätten wir dem Gott treu bleiben können, der in Thronen unsere einzige Hoffnung gewesen war. Doch, statt unter der warmen Sonne des Glückes aufzublühen, nahm die Gottestreue im Gegentheile dauernd ab, denn in den meisten unserer Brüder lebte cin Gefühl, als ob der jüdische Gesetzeseodex seine Kraft wohl bis an das Ende des Mittelalters bewahrt habe, durch die Errungenschaften der Neuzeit aber überholt worden sei. Freilich suchte eine Reformbewegung den Niedergang aufzuhalten, indem sie allgemein ethische Gedanken aus dem Judenthum herausschälte und sie zu verbreiten suchte. Aber das Wort ist, so ihm nicht die Gewöhnung durch das Thun vorangeht, als wesenloser Schatten wirkungslos. Die Reform verfiel dem Fluche der Lächerlichkeit und heute fällt es keinem Rabbiner mehr ein, sein Thun wissenschaftlich vertheidigen zu wollen. Die gähnende Schlucht allgemeiner Unbefriedigung suchte dann eine neue Partei zu überbrücken, die der seit zwei Jahrzehnten wieder modernen antisemitischen Strömung ihr Entstehen verdankt. Aber auch der Zionismus kann durch eine einseitige Betonung des Nationalen nicht der Weg zur Rettung sein. Wie schon die Bibel zeigt, haben wir in Zeiten der Noih stets unseren nationalen Zusammenschluß gefunden, der dann nachher wieder auseinander ging. Wir gesetzestreuen Juden sind alle Nationaljuden, wir sind alle Zionisten, aber wir sind zuerst Talmudjuden, die jede Lösung der jüdischen Frage von einer bedingungslosen Unterstellung unter die gesammte schriftliche und mündliche Lehre abhängig machen! Daß unsere Reihen sich seit der Emanzipation immer lichten, hat seinen Grund weder — wenn man sich so ausdrücken darf — in einem Veralten der jüdischen Lehre, noch in unserer äußeren, wenn auch nicht beneivenswerthen, so doch immerhin existenzfähigen Lage, sondern darin, daß wir — wo wir mit den veränderten Zeiten andere Menschen geworden sind — uns in unserem Berhältniß zum Judenthum nicht geändert haben. War früher, als die Wissenschaften noch in den Kinderschuhen lagen und nur wenigen Kreisen zugängig waren, der zuversichtliche Glaube für das Menschenglück genügend, so ist es nun allmählich anders geworden. Das schnelle Fortschreiten menschlichen Wissens hat viele feststehende, durch Alter geheiligte Anschauungen zerstört und dadurch den Menschen gewöhnt, selbst dem Heiligsten Mißtrauen entgegenzubringen. Dazu kommt noch das Bolksthümlichwerden wissenschaftlichen Strebens mit seinen Problemen und Erkenntnissen, mit seinen Trugschlüssen und Jrrthümern. Jeder Zeitungsleser hält sich heute, wenn er es auch nicht auszusprechen wagt, für einen Mann der Wissenschaft. Als der Großvater die Großmutter nahm, da waren die Zeitungen noch unbekannt und die Bücher seltener, wie die damals gewiß seltenen Goldstücke. Inzwischen aber sind die Zeitungen bis in die entferntesten Länder gedrungen und haben sich in den Kulturstaaten selbst bei dem Proletariate zu einem allgemeinen Bedürfnisse entwickelt. Auch die Bücher sind wohlfeiler wie Brod geworden, und ihre Zahl ist bis in's Unendliche gestiegen.