Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1901)
- Date
- 1901-01-10
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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67 daner die bitterste Feindschaft zugezogen, und wie in anderen Gegenden der Brodneid die Hauptursache zu antisemitischen Wühlereien geworden, so sind es hier die trüben Wellen des Antisemitismus, welcher von einer französischen Partei unterstützt, schon schweres Unglück über die nordafricanischen Juden gebracht hat. Die Erbitterung der Franzosen rührt daher, daß die Juden, welche Dank der Bemühungen. Cremieur's alle französische Bürger sind, in den meisten Städten mehr Stimmberechtigte aufweisen, als die übrigen Bürger, und somit die Gemeindeverwaltungen häufig unter dem Einflüsse des Rabbiners stehen. Daß die Hetzereien und Wühlereien trotzdem blutige Früchte getragen, ersieht man aus den Angriffen der Turkos auf das Judenquartier im Jahre 1884, als erstere von Constantine nach Tonkin beordert wurden, dann die Hetzen in Algier, älteren und neueren Datums. Ueber das religiöse Vekenntniß der marokkanischen Juden schreibt ein genauer Kenner des dortigen Landes und seiner Leute, Herr Victor I. Horowitz,*) gewesener Konsulatssekretär in Tanger, Folgendes: „Bei den Juden ist die Religion im Ganzen und Großen dieselbe, wie bei den meisten übrigen Ländern der Erde, die mosaisch-talmudische, wie sie zur Zeit des zweiten Tempels begründet wurde. Dem Ritus nach gehören sie zum sephardischen (spanischen), bester spanisch-orientalischen Ritus. Wie bei anderen Religionen unterwerfen sich die Juden dem Gesetze des Landes, welches seinen Einfluß auch in verschiedenen Einzelheiten avsiibt. In manchen Dingen, die anderwärts streng beachtet werden, nimmt man es in Marokko nicht so genau, während wieder gewisse Ceremonien und religiöse Gebräuche dort streng gehalten werden, die anderwärts zu den minder beachteten gehören. Doch sind sie im Allgemeinen in den Details der religiösen Eeremonien minder minutiös, als die strenggläubigen Juden anderer Länder. Die Gebote Sabbat und Festtage, auch Fasttage, werden gehalten. In den Nahrungsvorschriften halten sie sich im Allgemeinen an die gleichen Gebote, wie die Orthodoxen anderer Länder, jedoch ebenfalls nicht allzu ängstlich in den Details. Die einst so berühmt gewesene theologische Gelehrsamkeit ist bei den Juden Marokkos fast gänzlich verkommen, nur Wenige befassen sich mit hebräischen Studien." Wie sich Mauren und Juden in religiöser Beziehung streng scheiden, so tritt dieser Kontrast selbst in der äußeren Erscheinung ganz markant hervor, obwohl sie für den Neuankommenden schwer zu unter scheiden ist. Es sind durchschnittlich schöne Gestalten, mit vollen Bärten und würdigem Benehmen. Der Jude trägt Strümpfe bis zum Knie, der Maure nur Halbstriimvfe, der Jude hat die Aermel an der maurischen Jacke bis zum Ellbogen geschlitzt und den j Schlitz an beiden Rändern mit breiten Goldlitzen besetzt, j *) Marokko. Das Wesentlichste und Interessanteste über I Land und.Leute, von Victor I. H o r o w i tz. Leipzig. i beim Mauren sind die Aermel bis vornen hin ganz und vom Ellbogen bis zum Handgelenk mit einer Goldlitze und vielen kleinen Knöpfchen geziert. Tilrban, Jacke, Hose, Segärpe und Pantoffeln sind sonst ganz gleich in Schnitt unb Farbe. Die jüngere jüdische Generation richtet sich iibrigens auffallend schnell nach citroputschen Sitten und Trachten, nur die Alten halten noch siih an der inaurischen Tracht fest: unter den Frauen jedoch inacht sich auch bei den älteren schon die euroväiscke Mode bentcrkbar, und das Pariser Kostüm spielt eine bedeutende Rolle. nüe denn auch überhaupt die Jiidin sich der Außenwelt aegeniiber nicht so absperrt, als die Maurin. Was die Haartracht anbetrifft, so tragen die Juden das Haar nach europäischer Sitte, kurz gehalten, den Bart meist voll Die ortbodorcn iüdischen Frauen, welche wie alle Marvtlauerinnen, mit prächtigen! Haarwuchs gesegnet find, seben bei ihrer Perheiratbung streng darauf, ibr eigenes Haar zu verhüllen, welches entlneder durch die Esrisa. eine Art Kovfdiadem, verdeckst Wer durch haarälmliehe Seidenperrücken, loie bei uns. erfebt wird. Auch in Sebnnlckangelegenbeiten find die Jüdinnen bereits cnroväisirt, sie tragen keine .Knörbelsvangen. uü? die Maurin, jedoch reiche Kleiderverzier nnaen und Stickereien ans Gold und Silber, ferner goldene ^>rmfpangen, Ringe, Ohrgehänge, Perlschnürc und Ketten. Auch die jüdischen Männer tragen vielfach goldene Ringe. Ketten und Nadeln. In Bezug auf das in Europa eingeführte moderne I sloüH'vern der asthebräischen Namen ist zu bemerken, daß sich diese nniiid. Sitte bei den marokk. Juden noch nicht eingelührt bat. Die Männer tragen die gewöhnlichen asthebräisehen Nainen, jedoch viele bei uns nicht vorkommeude, He Jüdinnen führen außerdem auch vielfach arabische oder svanische Beinarnen. Die Juden sind den llnterbaltuna.cn mehr zugängig, Ivie der schweigsame Mstvre. Hr an einem geselligen Leben wenig Gefallen rindet. Besonders an Sabbat und Festtagen kommen die Juden in befreundeten .Häusern zusammen. konversiren unb belustigen sich durch Gesang ’.nb Tanz, letzteres besonders die Frauen. Die spanischen Juden binaegen unterhalten sich schon mebr in europäischer Ar- und Weise. An dieser Stelle möchte ich benrerken, Mß nian stoischen den Juden in Marokko, die wohl ein homogenes Ganze bilden, immerbin in Sprache, Tracht und Sitten einen Unterschied machen unuß und gnar tbeilt I Horowitz km Juden in ^wei Kategorien ein: in spanische Juden, oder Juden der Küste, und in Inden des Innern. Hören wir kurz einige bemerkenswertbc Nntcrschicde. die icb zürn Tbeil schon oben streifte: ..Die spanischen Juden." sagt Horolvitz. ..stammen znm größten Tbeile von den während des Jahrhunderts ans Swarnen enlirten Inden ab. die sich nach Marokko flüchteten. Sie bedienen sich noch fest! in ihrem Ilmaange der spanischen Sprache, und zwar eines vorn gegenwartiaen Spanisch etivas verschiedenen altkastilischen Dialekts, mit einzelnen hebräischen und