Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1901-01-10 · Heft 3 (10.1.1901) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 3 (10.1.1901)
Date
1901-01-10
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449146-2449150--52393-2502937
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

69 von Skizzen als Produkte einer fruchtbaren Kanzelthätigkeit auffaffen. Ueber die Anordnung und Reihenfolge der einzelnen Aufsätze wollen wir mit dem Autor nicht rechten. Uns schien es zweckmäßiger, inhaltlich Verwandtes auch zusammen zu gruppiren. „Die Stimme Jakobs" wird ihren Weg finden. Der gediegene Inhalt, die formschöne Sprache und — der billige Preis (drei Bändchen je 60 Pfg) sichern dem Buche weiteste Verbreitung, die wir ihm gerne wünschen. TH*n m*n A-w spvb. Daö Bilderbuch der JSr. Erziehungsanstalt zu Ahlem. Preis 60 Pfg., bei zehn Stück ein Frei- Exemplar durch den Vorstand der Jsr. Erziehungsanstalt. Wie einfach erscheint es uns, daß wir Brod und Butter. Kartoffeln und Kohl, Aepfel und Weintrauben, Milch und Honig auf dem Markte oder im Laden kaufen können, und wie selten denken wir, namentlich wir Stadtbewohner, darüber nach, daß diese nothwendigsten Lebensmittel, diese Erzeugniffe des Garten- und Landbaues, erst gesät, gepflanzt, gepflegt, gezogen und geerntet werden mußten. Denn nicht umsonst, nicht mühelos bietet uns der Erdboden seine Schätze dar. Gilt doch das Viüelworl: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brod essen," vor allem dem Landmanne, der bei jedem Wetter, ohne Schutz vor Sonne oder Regen, seine schwere Arbeit verrichten muß. Da lesen wir in der heiligen Schrift, daß unsere Erzväter Brunnen gegraben haben, um ihr Vieh tränken zu können; daß die Kundschafter, die Moses in das verheißene Land geschickt, hoch erfreut von ihm erzählten, daß darin Milch und Honig fließe; noch heute feiern wir im Schowuoth, mit dem Blumenschmuck der Synagogen, und im Sukoth, mit Lulaw und Esrog, die Festeszeiten, zu denen im heiligen Lande alles Volk sich der Ernte freute und zugleich von seinem Erntesegen Anderen eine Freude bereitete. Damals waren unsere Vorfahren Ackerbauer und Hirten. Und heute —? Man hat uns die Last des Ackerbaues, den Schweiß und die Mühsal auf dem Felde abgenommen; allerdings! aber man hat uns damit auch die Freuden des Landmannes geraubt. Man hat uns losgelöst von der Mutter Erde, die jedem, der sie berührt, Körperkraft und Lebensmuth schenkt! Man hat uns auf den Handel verwiesen, in die licht- und lustlosen Kramläden, wo die Muskeln erschlaffen und die Lunge eingeengt wird; man hat die Armen unter uns mit dem Hausirer-Packen beladen, der den Rücken krümmt und den Kopf darniederbeugt. Geldgeschäfte, die gefährlichen Versucher der Seele, hat man uns aufgedrungen, um uns neben der Gesundheit des Körpers j auch noch — Gott sei Dank ohne Erfolg — die Lauterj keit des Charakters zu rauben, und hinterdrein uns wegen Aeußerlichkeiten verspotten und wegen unseres Berufes beschimpfen zu dürfen. Da haben wir Juden, in Deutschland und anderswo, mit nur wenigen Ausnahmen verlernt, den Boden zu bebauen. Aber die Sehnsucht nach der Thätigkeit im Garten und auf dem Acker hat niemals aufgehört, und endlich haben sich auch Männer gefunden zur Gründung einer Anstalt, um jüdische junge Leute in der Bewirthschaftung des Bodens wieder praktisch anzulernen. Denn ohne ein solches allmähliches Heranziehen der Jugend kann die verlorene Uebung, den Boden zu bebauen, nicht wieder erlangt werden; und eine Ausbildung bei Nichtjuden war ja so gut wie ausgeschloffen. So entstand im Jahre 1893 die „Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover," die z. Z. 40—50 Lehrlingen Gelegenheit bietet, den Beruf des Gärtners zu erlernen, und die (Ende 1900) schon mehr als 60 junge Leute als Gehülfen entlassen hat. Die Anstalt hat soeben ein Album prächtiger Photographien herausgegeben, über die wir in Nachstehendem Einiges mittheilen wollen: Auf dem etwa 80 Morgen großen Besitzthum erheben sich jetzt (Bild Nr. 1) drei Wohngebäude, mehrere Gewächshäuser, Bäckerei, Scheune und Stallungen für Pferde, Kühe, Ziegen und Hühner, ein Bienenstand und (auf dem Bilde vorne in der Mitte) eine große „Laubhütte," in der 80—90 Personen zugleich speisen und nach der Väter Weise das Erntefest feiern können. Es sind nämlich nicht nur Lehrlinge in Ahlem, sondern auch Kinder von 7—14 Jahren, vielfach Ganz¬ oder Halbwaisen, die hier so erzogen werden, wie man Kinder vom Lande zu erziehen pflegt, d. h. einfach, aber gesund, so daß, wenn sie später Lust haben, in die Lehrlingsabtheilung einzutreten, sie schon eine ganze Menge Dinge und Verrichtungen kennen, die zur Bearbeitung des Bodens nothwendig sind. Um sie darin früh zu üben, ist für Kinder ein Schulgarten angelegt. Da arbeiten die Kleinen in ihrer freien Zeit wie die Erwachsenen und können dann selbstgezogene Früchte und Gemüse in die Küche liefern. Recht hübsch zeigt das Blatt Nr. 3 den Altersunterschied zwischen den Lehrlingen und den Kindern: der größte und der kleinste Zögling des Jahrganges 1900. Hoffentlich wird auch der Kleine einmal ein so kräftiger Kerl, wie sein großer Kamerad! — Sämmtliche Zöglinge dieses Jahrganges mit ihren Lehrern und den Beamten erscheinen auf dem 4. Bilde. Die übrigen Blätter zeigen uns Lehrlinge bei verschiedenen Arbeiten. Da ist (Blatt 5) ein Stück der Baumschule; ein großes Okulanten-Quartier wird gerade mit der Pferdehacke (System Planet Junior) gelockert; während der eine Lehrling das Pferd richtig zwischen den Reihen führt, steuert ein anderer den Pflug: ein dritter Lehrling lockert mit der Handhacke den vom Pflug nicht erreichten Boden in der Pflanzen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.