Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1901)
- Date
- 1901-01-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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47 Feuilleton versöhnte Weinde. Von Babels Fried. 12j „Das Haus, in dem wir noch heute wohnen, war Eigenthum meiner in Gott ruhenden Eltern und sie hatten es an nichts fehlen laffen, es behaglich einzurichten und kunstvoll auszuschmücken, waren auch bestrebt, ihm eine feste Grundlage dadurch zu verleihen, daß sie es zur Zufluchtsstätte der Bedrängten und Hilflosen machten. Wohlthätigkeit im weitesten Sinne des Wortes ausgeiibt, wahre jüdische Frömmigkeit, waren die Stützen dieses Hauses, Unseren Eltern war dies um so eher möglich, als sie bei ihrem großen Vermögen nur zwei Kinder besaßen, Deine Mutter Judith und mich, die um zwei Jahre Jüngere. Die Wohlthätigkeit meiner Eltern erstreckte sich auch auf unbemittelte Studirende, und da ging in unserem Hause ein junger Gymnasiast aus und ein, dem ich, ein halbes Kind noch, von ganzem Herzen gut wurde. Trotz seines Fleißes und geistiger Anlagen geschah das von Allen Unerwartete, er fiel bei der Maturitätsprüfung durch und hatte auch keine Aussicht, selbst später diesen schwarzen Stein zu überspringen; denn mit unüberlegtem Freimuth hatte er seinen Professor während eines Vortrages unterbrochen, als derselbe ehrenrührige Bemerkungen über das Wesen unserer heiligen Religion machte. Der junge Mann war der Verzweiflung nahe. Mein gütiger Vater nahm sich seiner an, ließ ihn aus eigene Kosten den lostspieligen Cours an der Handelsakademie durchmacben und besorgte ihm dann eine Stelle bei einem Geschäftsfreunde. So wurde Goldenkron, Du ahnst doch, daß ich von Ludwigs Vater spreche, statt ein Arzt, ein Kaufmann. Bevor der junge Mann aus unserem Hause geschieden, um seine neue Stellung anzutreten, gestand er mir seine Liebe, und wir verlobten uns heimlich. Bis er es so weit gebracht haben werde, daß er an die Gründung eines eigenen Hausstandes werde gehen können, werde er kommen und bei meinen ihm so wohlgesinnten Eltern um meine Hand anhalten. Ich war es zufrieden, und knüpfte nur die eine Bedingung an diesen Plan, wenn nämlich bis dahin meine ältere Schwester, Deine Mutter, verheirathet sein werde, denn um nichts in der Welt würde ich sie verletzen »vollen, und auch meine Eltern würden niemals eine Zurücksetzung derselben gestatten. Eine Sitte, die unter den Juden waltete, und die selbst Laban respektirte, wollten wir nicht umgehen." Tante Hanna setzte tiefaufathmend ab und sah wie gedankenverloren vor sich hin. Dann fuhr sie, sich der Gegenwart erinnernd, fort: „So waren einige Jahre verflossen. Alle Zeit über hatte ich einen regen Briefwechsel mit meinem heimlich Verlobten geführt, welcher sich inzwischen selbstständig etablirt hatte und dessen Briefe voller Hoffnung auf eine glückliche Zukunft gewesen. Für Deine Mutter, meine theuere Judith, hatten sich wohl mehrere Bewerber gefunden, aber Keiner von ihnen sagte ihr, oder auch nur unseren Eltern zu; alle diese schienen es mehr auf ihre allerdings nicht unbedeutende Mitgift abgesehen zu haben, und Judith hatte den festen Entschluß gefaßt, lieber unvermählt zu bleiben, bevor sie sich einem Mitgiftsjäger oder auch nur einem Manne zu eigen gäbe, den sie nicht von ganzem Herzen lieb hätte und von dessen uneigennütziger Zuneigung sie nicht vollständig überzeugt wäre. Das waren schlechte Aussichten zur Realisirung meiner eigenen Herzenswünsche. — Währenddessen wurden die Briefe meines Verlobten immer dringender und dringender. Er könne nicht länger die Sehnsucht nach mir bewältigen, er sei des ewigen Ausschiebens müde; wenn ich keinen anderen Grund anzugeben wisse, als die Rücksicht auf meine noch unoermählte Schwester, so werde er selber kommen, um mit meinen Eltern zu sprechen, welche gewiß so vernünftig sein werden, das Lebensglück der einen Tochter nicht dem Eigensinn oder der Laune der anderen opfern zu »vollen. Alle meine Beschwichtigungen und Abmahnungen blieben fruchtlos. Er unternahm einen entschiedenen Schritt. Unvermuthet langte er hier an, stieg in einem vornehmen Hotel ab und war entschlossen persönlich seine Werbung bei meinen Eltern vorzubringen. Vorher aber hatte er mich zu einer Zusammenkunft in den Park bestellt. Zitternd vor freudiger Aufregung eilte ich zur bestimmten Stunde dem mir wohlbekannten Platze zu. Du kennst doch, liebe Dora, das lauschige Winkelchen des Parkes, wohin ich Dich an schönen Abenden zu führen pflege, und wo ich so gerne sitze, ernsten Gedanken und trüben Erinnerungen nachhängend. Dort hatte ich den theuren Freund meiner harrend getroffen, dort habe ich ihn an diesem Tage zum letzten Male lebend gesehen." Die Tante mußte in ihrer Erzählung inne halten; zu schwer lastete die Wucht furchtbarer Erinnerungen auf ihrem zarten Gemüthe. Als sie sich etwas erholt hatte, fuhr sie fort: „Goldenkron setzte mir nach einer stürmischen Begrüßung mit beredter Zunge auseinander, daß es für ihn unumgänglich nothwendig sei, bald zu heirathen. nachdem seine Eristenz davon abhängig sei, binnen Kurzem in den Besitz einer größeren Summe zu gelangen. Diesen Betrag, den er unumgänglich nöthig habe, könne er nur dadurch erlangen, wenn er bald heirathe, und meine Mitgift, oder doch einen größeren Theil derselben, in die Hand bekäme. Da begann die große Schuld meines Lebens, welche ich nur mit meinem Tode werde sühnen können. Anstatt dem geliebten Manne freudig Herz und Hand und mit diesem auch