Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1901)
- Date
- 1901-01-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Verein, einen sehr interessanten und höchst lehrreichen Vortrag über Shakespeare's Drama „Der Kaufmann von Venedig." Unser Herr Rabbiner ist ein zu wohlbekannter Redner, als daß wir es erwähnen müßten, daß sein Vortrag ein gelungener war. Nur über den Inhalt dieses fünfviertelstündigen gediegenen Vortrages will ich hier in Kürze berichten. Der Vortrag selbst zerfiel in zwei Theile: in einen historischen und in einen sachlichen. Im ersteren Falle suchte der Herr Redner nachzuweisen, daß es gar nie einen jüdischen Shylok gegeben, sondern daß der Stoff, der dem erwähnten Drama als Grundlage diente, einer bereits viel früher erschienenen Novelle entnommen ist. in der jedoch beide Personen Christen waren. Erst viel später, in einer Zeit, wo sich eine judenfeindliche Strömung geltend machte, wurde diese Novelle von einem erwiesenermaßen eingefleischten Antisemiten gefälscht, indem derselbe den Inhaber des Vertrages zu einem Juden umwandelte. Indem diese Fälschung in dieselbe Zeit fällt, in welcher bald nachher — ich glaube acht Jahre — Shakespeare seinen „Kaufmann von Venedig" schrieb, so dürfen wir annehmen, daß diesem die erwähnte Fälschung Vorgelegen, und daß dadurch Shylok ein Jude geworden war. Der erste Theil schloß mit der zwar nicht neuen, ober doch höchst verblüffenden Eröffnung, daß der in dem besprochenen Drama behandelte Fall sich in geradezu umgekehrter Weise zugetragen, daß nämlich der das Fleisch seines Nächsten fordernde Shylok ein Christ und sein Schuldner — der er durch eine verlorene Wette geworden — ein Jude gewesen, was der Herr Vortragende durch genügende historische Belege nachwies. Zum historischen Theile übergehend, verbreitete sich der Herr Vortragende eines längeren über die Auffassung der Shylok-Rolle und verurtheilte in scharfen Worten die frühere Darstellung dieser Figur, die von vielen Schauspielern sogar „mauschelnd" aufgeführt wurde, obwohl man in Venedig, wo das Stück spielt, vom „Mauscheln" gar nichts wußte. Diejenigen, welche in Shylok einen argen Wucherer, nur für sein Geld lebenden und von der Arglist sich leiten lassenden Menschen erblicken, befinden sich entschieden im Jrrthum. Der Shylok Shakespeare's ist weiter nichts, wie ein verfolgter, gejagter und bemitleidenswerther Mensch, dem es beim Ausstellen des Vertrages garnicht Ernst war mit der grauenhaften Forderung, und dem dieser Gedanke erst dann kommt, nachdem er in seinem Höchsten und Heiligsten gekränkt wurde, und wir müssen der neueren Darstellung, die den Shylok in dieser Weise auffaßt, Anerkennung zollen. Es würde den Rahmen eines Berichtes überschreiten, wollte ich mich ausführlicher — wie es dieser Vortrag wohl verdient — darüber ergehen. Ich schließe daher, indem ich dem Herrn Redner ein herzliches iv" -fro! prüfe. P. I. K. England. London. Die Frage der Versorgung Jerusalems mit Wasser ist, wie dem „Jewish Chronicle" gemeldet wird, ihrer Lösung einen bedeutenden Schritt näher gebracht worden. Die in der letzten Zeit in Jerusalem ausgebrochenen verheerenden Krankheiten haben den Sultan bewogen, für die Versorgung Jerusalems mit reinem Wasser 10,000 türkische Lire unter der Bedingung zur Verfügung zu stellen, daß der zur Durchführung des Unternehmens erforderliche Restbetrag in Palästina selbst aufgebracht werde. Durch die letzte Bedingung will die Regierung der hohen Pforte verhindern, daß der Einfluß der Fremden im heiligen Lande noch stärker wird, als es schon ohnehin der Fall ist. Leider ist es sehr schwer, in Palästina selbst, sei es auf dem Wege der Subscription, oder auf dem der Anleihe, eine größere Summe Geldes aufzubringen. Selbst die Eisenbahn Jaffa-Jerusalem, die scheinbar ein rein türkisches Unternehmen ist, wurde in der Wirklichkeit mit dem Gelds der französischen Jesuiten gebaut. WtNyeil«»se« aus Deo iiiü. Arillell»erel«ru und für ötefelbtn. (GLmmtttche jüd. Warrderbettelver-ir»- und «affen für Durchreisende find gebeten, und Mittheizungen üver Erfahrungen die sie auf Jum Gebiete ihrer Lhütigteit machen, zukommen zu taffen.) Frankenberg, 3. Jan. In meiner langjährigen Praxis ist es mir schon wierderholt vorgekommen, daß Nichtjuden die Unterstützungskasse für durchreisende jüdische Arme in Anspruch nehmen. Ich suche mich vor derartigen Schwindeleien dadurch zu schützen, daß ich den Betreffenden ein isr. Gebetbuch vorlege, und falls sie nicht lesen können, suche ich mich in irgend einer Weise davon zu überzeugen, daß sie wirklich Jehudim sind. Dieses Verfahren scheint jedoch nicht überall eingeführt zu sein. (Aber doch bei den meisten Cassen. Red.) So erschien im Laufe der letzten Woche ein junger Mensch bei mir mit einem Abmeldeschein aus Kaiserslautern, aus welchem in der Rubrik „Bekenntniß" evangelisch durchgestrichen und durch mosaisch ersetzt war. Bei den angestellten Ermittelungen stellte es sich heraus, daß er von dem ganzen jüdischen Religionsgesetz absolut nichts wußte und bei der Frage nach der Milah mußte er bekennen, daß er Orel sei. Die einzige Begründung seiner mit großer Beharrlichkeit vorgetrageuen Forderung war die, daß er in Kassel auch die Unterstützung erhalten habe. G o l d s ch m i d t, Lehrer.