Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1901)
- Date
- 1901-01-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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44 wenn wir den Pflichten leben, welche die Vegenwart an uns stellt und daß die Vernachlässigung dieser Pflichten die ganze Erreichung des Zukunftzieles gefährdet. So ist es nicht Geringschätzung für die Zukunft, die uns in erster und einziger Reihe die Aufgaben jeder Gegenwart erfüllen läßt. Erst nachdem wir so der Gegenwart durch treue Erfüllung unserer jüdischen Pflichr gerecht geworden sind, haben wir auch ein Recht zu einem Blick auf die Zukunft, dem wir den nun folgenden Schluß dieser Betrachtung widmen wollen. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 8. Jan.! n, 122 b 2 k Unter dem Eindrücke dieser denkwürdigen Worte, die wir am jüngst verflossenen Sabbat verlesen hörten, muß ich den Lesern dieses Blattes die betrübende Kunde bringen von einem traurigen Ereigniß, das nicht nur die Nächststehenden, sondern die weitesten Kreise zu schmerzvollem Empfinden stimmt. Frau Sophie Lehmann, die Gattin des Philantropen Herm. Lehmann in Frankfurt a. M., hat das Zeitliche gesegnet und ist in das bessere Jenseits hinüber geschlummert. Wer diese edle Frau gekannt hat, weiß, was ihr Gatte, was ihre Kinder, was die Gesellschaft und was die leidende, der Wohlthätigkeit harrende und bedürftige Menschheit an ihr verloren; der weiß, daß sie nicht allein eine treue Gattin, eine gute Mutter, eine liebenswürdige Gesellschafterin, eine große Wohlthäterin gewesen, sondern daß all' diese Tugenden ihr in einem Maße zu eigen waren, die zur Bewunderung hinreißt. Wenn man vor ihr gestanden, sie beobachtet hat im Kreise ihrer Familie, in ihrer Haushaltung, oder bei den zahllosen Mizwoh-Geschästen, die ihre ganze Thätigkeit ausfüllten, ihre Sorge und ihre Anliegen waren, da hatte man das Ideal einer jüdischen Frau vor sich. Was sie that und was sie dachte, war eine Mizwoh-Sache, das war die Quelle ihrer Handlungen und der goldene Faden, der dieselben durchzog, Der edle Zweck und das höhere Ziel, das war die Centrale, worin sich all' ihr Thun vereinigte. Sie war eine Mutter der Waisen, eine Pflegerin der Kranken, eine Versorgerin der Armen. Sie war eine Beraiherin der Rathlosen und spendete Trost den Trostbedürftigen; sie war alles, was gut und edel heißt und was zu Gutem und Edlem führt! — Nun ist sie hin, die gute, edle Frau; sie ist hin in das bessere Jenseits sh:vb. Was sie hinterläßt, ist der seltene, gute Ruf, der re er der sie im Leben zierte, das treue Angedenken, das Tausende für sie bewahren, die fromme, jüdische Erziehung, die sie ihren Söhnen und Töchtern angedeihen ließ. Dieses alles wird ein *ri' für sie sein und ihr dort oben einen Ehrenplatz unter den nnne wer: sschern. .T2x;n L. K. Frankfurt a. M., im Jan. In Nr. 86 Ihrer geschätzten Zeitung schildert Ihr Pariser Correspondent die Art und Weise der Behandlung der bemitleidenswerthen Hülfsbedürftigen und jüdischen Glaubensgenossen in Paris, bei der „Societe israelite de bienfaisance." Mich hat dieses Verfahren durchaus nicht erstaunt, sondern lediglich traurige Rückerinnerungen von meinem Aufenthalt in Paris vor 18 Jahren wachgerufen. Damals, es war zur Zeit der russ. Verfolgungen, hatte man meinem Freunde, mit dem ich zusammen wohnte, aus Amsterdam die Ankunft russischer Glaubensbrüder in Paris avisirt. Wir erwarteten dieselben am Bahnhofe und labten sie bei Ankunft durch Speise und Trank. Alsdann führte ich dieselben zum „Komitee de biensaisance", an die man dieselben von Amsterdam aus verwiesen hatte und was geschah? — Der Concierge verweigerte ihnen den Eintritt zum Bureau und so standen sie hilflos da. Einige von diesen Unglücklichen fanden später als Arbeiter in der Güterhalle der Chemin de fer du Nord Beschäftigung; jedoch als dieselben am heiligen Sabbat nicht zur Arbeit kamen, wurde ihnen bedeutet, das hierzulande die Heilig - Haltung des Sabbat nicht beobachtet werden könne. Der „Alliance isr." in Paris, die sich wohl Verdienste im Orient durch Errichtung von Schulen erworben hat, bietet sich noch ein größeres Feld durch Errichtung israelitischer Schulen in Paris. Ich hatte bei meinem letzten kurzen Aufenthalte in Paris die Absicht, im Bureau der „Alliance isr." persönlich die Bitte vorzubringen, doch im Interesse der heiligen Religion die Errichtung israelitischer Schulen in Paris anzustreben. Wie man mir berichtete, haben gerade in der letzten Zeit einige streng-gläubige Glaubensbrüder die Errichtung einer jüdischen Schule angestrebt, jedoch vergeblich, da sie keine Unterstützung gefunden. Als ich bei meiner Rückkunft einem meiner Freunde die traurigen jüdischen Zustände schilderte, gab er mir als Trost zur Antwort, daß schon seit dreißig Jahren die jüdischen Verhältnisse dort so betrübende seien. Es wurde berichtet, daß der Beschützer der jüdischen Colonien in Palästina, Baron Edmund von Rothschild, bei seinem Aufenthalte im heiligen Lande den jüdischen Ackerbauern an's Herz gelegt habe, auf Ausübung der jüdischen Gebote stets Bedacht zu sein; welch' Erstaunen würde sich aber der Colonisten bemächtigen, wenn sie einen Gegenbesuch abstatteten und die Nichtbeachtung des heiligen Sabbat resp. den rer sähen. Wie beglückend wäre es gewesen, wenn der Minister bei seiner Anrede an den Rabbiner in Toulouse auch die Mahnung gerichtet hätte, daß die Juden in Frankreich auf strengere Befolgung ihrer Re-