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Der Israelit · 1901-01-10 · Heft 3 (10.1.1901) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 3 (10.1.1901)
Date
1901-01-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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42 mit ernsten Vorsätzen und wackeren Entschlüssen findet daher jeder neue Abschnitt den Juden. Denn nicht erhält der Mensch von der Zeit, sondern die Zeit erhält vom Menschen Gehalt und Gepräge, weshalb man auch überaus bezeichnend von „unserer" Zeit spricht, wenn von der Zeit die Rede ist. Während niemand sonst sich dem Einfluß der Zeit entziehen kann, ist die Gottesstiftung des Judenthums bestimmt die Zeit und ihre Ideen zu beeinflussen, nicht aber sich von ihnen beeinflussen zu lassen. Deshalb hat Gott das Judenthum und mit ihm seine Bekenner seit Menschengedenken in Gegensatz zu jeder Zeit gesetzt, hat den ersten Juden mit dem Rufe: „Schaue hernieder zum Himmel und zähle die Sterne" (1. B. M. Cap. 16., V. 6) hoch über die Himmelskörper gehoben, deren Gang den Maßstab der Zeit bedeutet und ihm und seinen Enkeln für diesen Kampf mit der Zeit sein Bündniß zugesagt. \vb flr p THprH lrrnrr: vb'v bw ibbr.tt lK'jnn een) navi> nan Deshalb steht vor allem die Lebensseele des jüdischen Bolkskörpers, steht unsere Thora, hoch erhaben über jeder Zeit, über ihren berechtigten und unberechtigten Ansprüchen. Die Thora zeitgemäß gestalten hieße das Wankende, Schwankende, Hinfällige und Vergängliche zum Maßstab des Ewigen, Göttlichen und Unwandelbaren machen. Die Zeiten der Thora gemäß zu gestalten, die Thora als das einzig Absolute, Unbedingte durch alle Zeit und Fahrniß hochzuhalten, ist die Bestimmung des Judenthums, ist der welthistorische Beruf seiner Bekenner. Und dennoch ist dieser Gegensatz nur ein scheinbarer, fiktiver, nicht ein in dem wahren Wesen der Zeit, sondern lediglich ein in der allgemeinen Anschauung und Beurtheilung begründeter, die man sich über die Zeit biloet. Unserer gewöhnlichen, landläufigen Auffassung ist die Zeit unwandelbar, feststehend. „Ruhig und im gleichen G'leis' rollt des Tages sicherer Wagen." Den Kindern unserer Zeit scheint es daher von der Klugheit geboten, dieses Geleise nicht zu verlassen und mit diesem Wagen zu laufen, jedenfalls ihm nicht in die Speichen zu fallen und sich ihm zu widersetzen. Denn der Macht der Zeit kann niemand widerstehen und jeder wird von ihrem Wagen überfahren und zermalmt, der sich seinem Rollen entgegenstellen wollte. Satzungen. Hoffnungen und Anschauungen, die der Zeit und dem allmächtigen Zeitgeist widerstreiten, erscheinen daher den Kindern unserer Zeit von vornhinein als lächerliche Utopie. Nach der ganzen Richtung unserer Zeit erscheint daher in der That nichts verfehlter und unmöglicher, als die Verwirklichung des dem jüdischen Volke von seinen Propheten verheißenen Zukunftsdeals und seine Verbindung mit der Vergangenheit, wie sie unser mtrs? gemeinsam mit den andern nationalen Fasttagen alljährlich neu belebt. Nach unserer Auffassung wird jedoch die Zeit nicht als feststehend gedacht, sondern die „künftige" Zeit kommt uns entgegen. Diese Anschauung ist uns so geläufig, daß unser Mund kaum von einem erfreulichen künftigen Moment spricht, ohne sein Gedächtnitz mit der Bemerkung zu begleiten: xsn Er kommt uns zum Guten entgegen. Das Hochziel Israels fällt v'o'7, 7i'inx3 mit dem letzten Ziel aller Zeiten zusammen. Unsere Gegenwart kann dieses Ziel perhorrescieren und seine Erreichung als undenkbar erscheinen lassen. Selbst der unleugbare Fortschritt der Zeit kann den Ungeduldigen so träge erscheinen, daß sie dieselbe erst nach Aeonen an dem Ziele anqelangt wähnen mögen, nach dem sie in heißer Sehnsucht ausschauen. Aber unsere Schlüsse und Vermuthungen beschränken sich nur auf die hinter uns liegende Vergangenheit oder die uns augenblicklich umfangende Gegenwart. Die Zukunft jedoch und was sie bringt ist uns verschlossen und entzieht sich jeder Berechnung. Ist es aber wahr, daß die „Zukunft" etwas zu kommendes, uns entgegen gehendes ist, dann vermag uns der langsame und selbst der widerstrebende Schritt der Gegenwart nicht in unseren Hoffnungen zu beirren. Die Gegenwart kann in trägem Schneckengang sich vorwärts bewegen, aber Gottes mächtige Vaterhand hat Mittel und Wege die Zukunft zur Gegenwart zu führen, wenn die Gegenwart nicht d e r Zukunft entgegensteuert, die Gottes Weltplan vorgesehen hat. Das ist der Herz erquickende, über alles Trübe uns hinweghebende Gedanke, der in dem Bewußtsein liegt, daß unsere Tage uns entgegen kommen. Er wandelt unsere aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinragenden nationalen Fasttage ptre* ena cc’i in Wonne, Freude und Feiertage um. Die Zeiten selber erfahren durch diese Umwandlung so ihre eigentliche Vollendung, daß der Gegensatz zwischen ihnen und der jüdischen Anschauung sich in vollständige Harmonie auflöst. Während unsere heutige Zeit noch scheel aus die Hoffnungen blickt, die sich an den einstigen Aufbau der Gottesstadt knüpfen, während die symbolische Hingebung von Gut und Blut, wie sie sich an der heiligen Opferstätte vollzieht, als „blutiger Opferkultus" von ihr verhöhnt wird, findet die Zeit selber ihre Vollendung in der Verwirklichung unseres Zukunftsideals. Aber trotz des hohen, herrlichen Zieles, das in der fernen Höhe winkt, hat dasselbe auf unser Thun und Lassen nur einen sehr mittelbaren Einfluß, oder sollte jedenfalls nur einen solchen haben. So gewiß diese Zukunft unser wartet, so gewiß sie uns entgegenkommt, die Gegenwart nimmt unser Denken und Wirken so voll und ganz jederzeit in Anspruch, sollte es jedenfalls so vollständig in Anspruch nehmen, daß wir die Zukunft vollkommen dem überlassen, in dessen Hand sie

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