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Der Israelit · 1901-01-10 · Heft 3 (10.1.1901) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 3 (10.1.1901)
Date
1901-01-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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42, Jahrgang. M 3, Der Israelit Kenlrac-Hrgan für das orlhodore Iudenthum. Begründet von Dr. in Utain). Donner ft ag, den 10, Diejenigen unserer geehrten Abonnenten, welche Nr. 1 Ä 2 nicht erhalten haben, werden gebeten, ihre diesbezügl. Beschwerden bei der dortigen Postanstalt anzubringen, da von hier aus die Ueberweisungen und Sendungen regelmäßig und pünktlich erfolgt sind. Geschäftsstelle des „Israelit“. Leitender Artikel. Unzeitgemäße Betrachtungen zur Jahrhundertwende. ii. Mainz, 9. Jan. Nichts charakterisirt die Menschen zutreffender als ihre Wünsche. Der tiefe grundsätzliche Unterschied zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Auffassung der Zeit spiegelt sich vielleicht nirgends treuer wieder, als in den Wünschen, mit welchen ein neuer Zeitabschnitt empfangen wird. Das Prosit Neujahr! am Sylvester und das man rroa n:^1? am n;tpn tpjn geben dieser Verschiedenheit einen prägnanten Ausdruck. Die Adresse des ersten Wunsches ist das neue Jahr, also die Zeitdie des zweiten ist Gott. Bei der im ersten Capitel geschilderten Werthschätzung der Zeit hat es nichts Befremdendes, daß man von ihr das Glück erwartet, nach welchem alle lechzen. In der jüdischen Anschauung nimmt die Zeit nicht diesen Rang ein. So unverkennbar mächtig der Einfluß der Zeit auch sein mag, er ruht in der Hand eines Mächtigeren, der uns aus unserem täglichen Gebet als bvw rwo b’joct im epnai, als derjenige geläufig ist, der die Zeiten ändert und ihren Wechsel vollzieht. Wie ernst auch die Scheu sein mag, mit welcher der Jude seinen Rosch Hafchonoh begeht, es ist nicht der Anfang eines Januar 5661 (1901). neuen Jahres, in welchem dieser Ernst wurzelt, sondern dieser ruft in dem Bewußtsein, daß es der Jom Hadin, der Tag des Gerichtes ist, der uns zur Verantwortung ladet und je nach dem Befund unserer sittlichen Vollendung oder Mangelhaftigkeit über unser Wohl und Wehe entscheidet. Daß der Teruah-Tag, der uns mit Schofarruf vor Gottes Richterstuhl fordert, auch Rosch Hafchonoh, Neujahr ist, wüßten wir nicht einmal ohne unsere mündlich überlieferte Thora. In der niedergeschriebenen Thora wird er nirgend als solcher bezeichnet. Unbebaut und unentweiht liegt die nächste JahreSspanne des Zeitfeldes vor uns, auf dem Gott nur die Saaten erblühen und reifen läßt, die wir selber in den Schooß der Zeiten gestreut haben. Nicht was das Jahr ihm, was an Entschließungen, guten Vorsätzen und ihrer Verwirklichung er dem Jahre entgegenbringt, ist es, was den denkenden Juden beim Gedanken an die noch freie, leere Zeit des bevorstehenden Jahres bewegt. Leben und Tod, Fülle und Mangel, alles, was nur Menschen hoffen und wovor sie bange zittern, stellt sich ja dem jüdischen Menschen nicht als zufälliges Produkt einer blind würfelnden Zeit, sondern als von Gottes mächtiger Vaterhand gezogene Consequenz des eigenen Thuns und Lassens dar. Das Glück, das andere übermüthig über den minder Glücklichen sich erheben läßt, genießt er nicht, ohne zu bekennen, daß dieselbe Gottesgüte, die ihn beglückte, auch anderen zu Theil wird; a-aarr nun. — Das Weh, welches sonst die betroffene Brust gegen den Lenker der Menschengeschicke verbittert, läßt ihn seinen Gott als rem p, den rächenden Anwalt der gekränkten Wahrheit verehren. Die Zeit aber an und für sich bringt ihm nichts und nimmt ihm nichts, sie ist nur der Boden, in den er selber den Keim legt, aus welchem, wenn sie die echten, rechten waren, sich ein so heiteres, glückliches Leben und Streben entfaltet, daß es durch kein äußeres Moment erhöht oder beeinträchtigt werden kann. Nicht mit bloßen Wünschen,

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