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Der Israelit · 1901-01-07 · Heft 2 (7.1.1901) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 2 (7.1.1901)
Date
1901-01-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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»1 Wichtiges darin enthalten sein möge. Ja, er wurde immer ärgerlicher und schleuderte einmal unwillig das Buch von sich, als er einige Seiten voller Nichtigkeiten gelesen, welche eine neu geschlossene Mädchenfreundschaft behandelten und Bemerkungen über unwichtige Ereignisse enthielten. „So smd die Mädchen," seufzte er, „wenn selbst die so hochgebildete kluge Dora so was hinschreibt, was soll man von andern, minder begabten erwarten? Ob s i e dort in Böhmen auch ein Tagebuch führt, und welcher Art ihre Eintragungen sind, das möchte ich wohl gerne wissen!? Gewiß wird dies ernste sinnige Mädchen auch nur über ernste Gegenstände schreiben! Und mit diesen geistlosen Schreibereien hier verliere ich diesen schönen Abend, den ersten in der Heimath. Ob ich nickt bester daran gethan hätte, auch hinauf in's Rathhaus Zu gehen, um beim fröhlichen Banket anwesend Zu sein? Die Kameraden sind alle dort und singen und toastiren nach Herzenslust, während ich hier diese albernen Mädchenphrasen entziffern soll!" Er war fast Willens, die Lampe zu verlöschen und zu versuchen, ob er nicht doch noch einige Stunden schlafen könne. Da wurde er aufmerksam. Sein Name kam ihm vor Augen. Nun las er weiter. Dora beschrieb den Eindruck, den die Kriegserklärung und der ausgebrochene Krieg auf sie machte.- An einer vierten Stelle schilderte sie Ludwigs Abschied von Hause. Thränenfpuren auf dem Papier, welche stellenweise die Schrift verwischt und fast unleserlich gemacht hatten, bewiesen, wie sehr ihr gutes Herz bei diesem Abschiede gelitten, zeigten ferner, wie schmerzlich sie den entfernten Freund vermißte, wie sehr sie nach ihm bangte. „Das gute Kind, wie lieb sie mich hat," sagte er zu sich mit tiefer Bewegung! Es kam aber anders, als er geglaubt hatte. Zu seinem größten Erstaunen las er Folgendes weiter: „Gewiß, ich habe Ludwig lieb, sehr lieb sogar, aber seit er fort von hier ist, drängt sich mir immer mehr und mehr die Gewißheit auf, daß dies eine rein geschwisterliche Liebe ist, daß es nicht die wahre, den ganzen Geist und das ganze Herz beherrschende Leidenschaft ist, die mich an ihn fesselt. Ob dieses Gefühl stark genug ist, allen Fährnissen zu trotzen, welche das Leben in den meisten Fällen mit sich bringt — das weiß ich nicht, das bezweifle ich sogar. Gewiß, Ludwig ist ein braver Mann, ein tüchtiger Arzt, ein guter Mensch. Nur schwer kann ich mich entschließen, dem treuen Jugendfreunde, dem liebevollen Verwandten, wehe zu thun, und doch muß es sein. Besser, er verzichtet auf meinen Besitz, als daß er in mir eine Gattin bekommt, welche ihm nicht mit vollster Hingebung angehört, welche nicht sein ist mit ganzem Herzen und ganzer Seele. Ein Mann, wie Ludwig, muß ein Weib heimführen, welches mit Leidenschaft an ihm hängt, und in seinem Besitze sich und die ganze Welt vergißt. Au« s» kann ihm sein anstrengender, aufopfernder Beruf erleichtert werden. Ein solches Weib bin ich nicht!" In den Blättern war eine längere Pause eingetreten. — — Dann hieß es weiter: „Daß es dem Menschen doch so schwer gemacht wird, den graben Weg zu gehen, dasjenige, das er für das Recht hält, auch zu thun! Um nicht unüberlegt zu handeln, habe ich unablässig darüber nachgedacht, auf welche Weise ich dem guten Ludwig die Bitte Vorbringen könnte, mir mein Wort zurückzugeben. Ihm selber zu schreiben, konnte ich mich nicht entschließen, ich hätte ja ihm gegenüber nicht Worte gefunden, mit denen ich ihm, ohne ihn zu verletzen, meinen Seelenzustand enthüllt hätte, ich müßte ja befürchten, in seinen Augen als Undankbare dazustehen, und das würde mich tief schmerzen. Wenn ich auch auf seine Liebe verzichten will, seine Achtung wollte ich doch nicht missen, und schwer würde mick deren Verlust treffen. Wenn es Jemanden gibt, der ihm diese Enthüllung auf eine schonende, nicht verletzende Weise Vorbringen könnte, dann ist es Diejenige, welche uns Beide mit ächt mütterlicher Sorgfalt erzogen und den reichen Schatz ihrer Liebe und Güte so gleichmäßig, so unparteiisch zwischen uns Beide vertheilt hatte— Tante Hanna! Ihr also werde, muß ich mich entdecken, und von ihr vorgebracht, wird meine Abweisung das Verletzende, Bittere für Ludwig verlieren. Von Tag zu Tag verschob ich diese Mittheilung, ich fürchtete die traurigen Augen, welche die Tante auf mich richten würde, wünscht sie ja so sehnlichst unsere Verbindung. Endlich kam die Nachricht von den eingeleiteten Friedensunterhandlungen und die Hoffnung auf 'bähen Frieden. Jetzt war die höchste Zeit, jetzt mußte es geschehen, bevor der Ahnungslose heimkommt. Die Tante mußte ihm meine Stellung ihm gegenüber klarmachen. Eines Tages benützte ich die heitere Stimmung der Tante, in welche sie immer versetzt wurde, wenn Briefe oder Nachrichten von Ludwig kamen, und trat zu ihr mit der Bitte, mir eine Unterredung zu gewähren." „Seit wann stehen wir uns so fremd gegenüber, daß Du erst um eine Unterredung bitten mußt, Dora?" „Vergib, liebe Tante, jedoch das, was ich Dir zu sagen habe, ist so ernst, daß ich nicht weiß, in welcher Form ich es Vorbringen solle." „In gar keiner Form, mein Kind, sondern sprich nur so, wie es Dir um's Herz ist, und wie Du es immer gethan hast." „Das will ich auch, liebe Tante, aber bitte, sei mir nickt böse,-ich kann Ludwig nicht heirathen!" In meinem ganzen Leben, und würde ich Hunderl Jahre alt, vergesse ich die Veränderung nicht, die mit der Tante bei diesen meinen Worten vorgegangen ist. Da waren sie, die so gefürchteten traurigen Augen, in diesem todtesblassen Antlitze, aus dem der letzte Bluts

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