Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1901)
- Date
- 1901-01-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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26 nicht einmal daran denkt, noch weniger davon spricht, und am wenigsten darin Veranlassung zu einer Feierlichkeit erblickt? Wir zählen unsere Jahre nach der Erschaffung der Welt und stehen, indem wir 5661 Jahre seitdem zählen, im 67. Jahrhundert, sind also dem 19. Jahrhundert unserer üblichen Zeitrechnung um's Dreifache voraus. Hat man in jüdischen Kreisen je davon, gehört, das', inan z. V. vor 61 Jahren, als wir 6609 zählten, zur Feier des scheidenden u. kommenden Jahrhunderts eine Festlichkeit veranstaltet hätte? Diese tiesgehende Verschiedenheit muss in einer grundsätzlich verschiedenen Auffassung der Zeit ihre Begründung haben. Die charakteristische Eigenthümlichkeit unserer Zeit ist: 'ie bat keine Zeit. Sie hat aber desshalb keine ckeit. weil sie keine Ewigkeit kennt, weil sie für das, was über das Zeitliche hinausgeht, den Glauben und das Venn: sstsein verloren bat. Sie glaubt nur an das, was ste mit den Sinnen wahrnehmen, was sie sehen, hören und tasten kann. Die ganze materialistische Strömung des Tageweist alles als llebersinnliches, Transcedentales in das Gebiet des Nebelhaften, Unmöglichen und Unglaublichen, :nas ne nickst buchen, zählen und messen, nickst chemisch wrlegen und daher nicht beweisen kann. Gott, Seele. Gewissen, Sittlichkeit sind ihr hohle Schälle, mit denen sie nichts anzufangen weiss, weil man sie in keine Netorte legen und sie nicht anatomisch zu senren vermag. Dune Gott gibt es auch kein Ebenbild Gottes, gibt es keinen göttlichen Funken, der in iedem Menschentörper schaltet und waltet, ist der Mensch nichts als ein höher organisirtes Thier, der aufhört. wenn er gestorben und eingescharrt ist, der somit nichts mehr bat, als die paar Jahre, die ihm in dieser Mitlichssit beschieden sind. Gibt es keine Ewigkeit, gibt cs lein Leben nach dem Tode, füllt die Zeitspanne unseres irdischen Daseins unser ganzes Leben aus, dann 'uüssen die paar Jabre unseres Hierseins einen Werth baden, der um so böber steigt, ie entschiedener man die Tortdauer nach tiefem Leben als blinden Köhlerglauben 'n n sich weist. Dann iaaen und fliegen die wenigen Mbw des Lebens so nnwiederbringlich und rasend rasch dabin, dass Jeder das Bedürsniss empfindet, die dabineilende Zeit an ibren Sittichen f e st znbalten, das wisst Teste zu feiern, welche den Augenblick der Gegenwart sestbalssm möchten, damit er nicht der Vew aanaenbeit verfällt. Wenn das Wort ans dem Mosesaebot des 90. Psalms, dass die Zeit unserer Jabre sstbssg und -nenn es hoch geht, achtzia ist. länast nicht inebr für uns zutrint. ivenn die unbestechliche Siatistit das durchschnittliche Menschenalter ans nur einiae und dreissia Jabre einschränkt, dann begreift sich die krankhafte Wertbschäh'.'na unserer Jabre, die Feierlichkeit, mit welcher jeder Geburtstag, eine nmsundzwanzigiäbrige Ehe, und gar der Ablauf eines ganzen Jahrhunderts beaangen wird. Je kürzer das Leben unter dieser traurigen Perspektive erscheint, je rascher die Tage und Jahre eines solchen Lebens hinfliegen, desto intensiver glauben die davon Betroffenen jede Minute ausnützen zu müssen. Unter dieser Suggestion wird das Leben ein Kampf um's Dasein, in dem alle Hammer und Ambos in einer Person sind, jeder drängt und wird gedrängt, jeder treibt und wird getrieben, alle aber werden ihres Lebens nicht froh und suchen die fehlende Lust und Heiterkeit des Daseins künstlich durch Feste und Feierlichkeiten zu ersetzen, die, je glänzender und geräuschvoller sie sind, um so tiefer mit der Wirklichkeit im Widerspruch stehen. Diese Widersprüche treten dem aufmerksamen Beobachter auf Schritt und Tritt in allen Erscheinungen der Zeit entgegen. Während einerseits die Kinder unserer Zeit sich krampfhaft an die Zeit klammern, um sie in ihrem Fluge fest zu halten, sind sie andererseits ganz unerschöpflich in der Erfindung von Mitteln und Wegen, die Zeit zu — vertreiben. Das ganze Leben ist ibnen zu kurz und ein Tag, ein Abend ist ihnen zu lang. Wenn sie die Stunden, die Tage und Nächte leichtsinnig verspielt, vertrunken und verjubelt haben, klagen ste über die Kürze des Lebens, stempeln den Frohsinn und die Heiterkeit zur Thorheit und zum Verbrechen und sprechen blasirt das alte thcx darüber aus. In Gottes Augen sind nach dem erwähnten Gebete Mosis tausend Jahre ein Tag, in den Augen bkassrter Weitlinge wandelt die Langeweile, unter der sie leiden, den Tag in lange Jahre um, während die Jahre, die ibnen zugemessen sind, ihnen mit der Schnelle eines Tages dahin fliehen. Hier tritt der Gegensatz so in seiner ganzen Schärfe zu Tage, dass auch die Quelle sichtbar wird, aus der er fließt. Um sich das zu vergegenwärtigen, was es heißt, dass in Gottes Augen tausend Jahre nur ein Tag sind, muss man sich zum Nerständniss des Göttlichen, Ewigen, nach einem Beispiel aus dem menschlichen Leben umseben. Denken wir uns eine Mutter, die nach langjähriger Trennung ihr geliebtes Kind zum ersten Male wiedersicht. In der Freude des Wiedersehens erzählen sich Mutter und Kind alle Begegnisse, die sie in den Jahren der Trennung erfahren. Die Getrennten und nun Wiederoereinigten hängen an den erzählenden Lippen, vergessen die Welt um sich her, das Kind denkt nicht mehr an die Ermattung der Reise, die Mutter vergisst an den Imbiss, den ste zum Empfang des Kindes bereitet bat, sie hören und erzählen, sie erzählen und hören eine Stunde nach der andern und erst mit der ersten Pause in der Unterhaltung sagt ihnen ein Blick auf die Uhr, dass ste die Nackt, von der sie glaubten, daß sie erst begonnen, dnrchgeplandert haben. In ihrer aeaenseitigen Freude ist ihnen die lange Nacht wie eine fliichtiae Stunde dabin gegangen. Kein Mensch ist aber der hohen, reinen Freude fähig, wie derienige in dessen Höhe allein die ungetrübte Freude wohnt. Die höchste Freude