Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1901)
- Date
- 1901-01-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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er ihm freigegeben, damit er nach langer Abwesenheit ebenfalls feine Bekannten aufsuchen möge. Goldenkron hatte noch kaum die Hälfte der steilen Wendeltreppe, die zu seinem Zimmer führte, erreicht, als er sich angerufen hörte. Rieke war ihm nachgekommen und überreichte ihm das Buch, welches ihm seine Tante übergeben hatte, und das sie ihm zum Lesen empfohlen. Gleichzeitig machte ihn das gute, im Dienste ihrer Herrin ergraute Mädchen aufmerksam, ja nicht achtlos an seiner Stubenthüre vorüberzugehen. „Das hätte ich ja ohnehin nicht gethan, liebe Rieke. denn ich merkte sofort beim Betreten des Hauses, daß Ihr großartige Vorbereitungen zu meinem Empfange getroffen habt." Der Doktor nahm das ihm dargereichte Buch zur Hand und ging die Treppe weiter hinauf. Da stand er in dem kleinen Vorhause an seiner Zimmerthüre, die ganz von Blumengewinden umgeben war. Ueber derselben prangte ein Transparent: Willkommen daheim, und darunter die Bibelworte: Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn! Als Doktor Goldenkron, einer frommen Eingebung folgend, die Hand ausstreckte, um die an dem Pfosten befestigte Mesusa mit seinem Finger zu berühren, und denselben dann zum Munde zu führen, berührte er eine weiße Rose, welche die sinnige Tante hinter die Mesuse versteckt hatte. Er wußte, er fühlte es, ein gut jüdisches Haus war es, das er heute wieder betreten, und angeweht von dem Geiste ächt-jüdischer Religiosität vergaß er auch alle Beschwerden, welche er in jüngster Zeit mitgemacht, und allen Gram, der ihn in der jüngsten Zeit heimgesucht hatte. Auch sein Zimmer, das er nun betrat, prangte im schönsten Blumenschmücke, und jeder Gegenstand, der hier zu seiner Benützung aufgestellt war, bewies deutlich, wie sehnsüchtig er hier erwartet wurde und wie geschäftig die lieben Hände seiner Tante gewesen, ihm sein Heim auszuschmücken und seine Ankunft auf's Würdigste zu feiern. Goldenkron mußte sich zugestehen, daß er in diesem Hause niemals Elternliebe und Elternsorgfalt vermißt hatte. Seine Mutter hatte er nicht gekannt, seinen Vater kaum. Ueber seinem Studiertische hing ein Oelgemälde, welches seinen Vater darstellte. Er mußte ein schöner, stattlicher Mann gewesen sein. Vor diesem Bilde fand er gar oft seine gute Tante in Gedanken stehen und Thränen rieselten ihr über die zarten, bleichen Wangen, wenn sie sich unbemerkt wähnte. Wenn so der Doktor halbe Nächte lang bei dem Lichte seiner Studierlampe an diesem Tische gesessen, war öfters Tante Hanna die Treppe heraufgeschlichen und hatte ihm eine Erfrischung gebracht, ihn auch hie und da aufgefordert, sein übereifriges Studiren abzukürzen und sich zur Ruhe zu begeben. Niemals versäumte .sie alsdann, vor diesem Bilde stehen zu bleiben, und leise Seufzer verkündeten dann dem jungen Studenten, wie sehr die Erinnerung an den schon längst Dahingegangenen die gute Tante erregte. Und doch war der Verstorbene nicht ihr Brüder gewesen und war es ihr immer unangenehm, wenn sie über den Verwandtschaftsgrad zwischen ihr und den- Goldenkron's befragt wurde, weßwegen es Ludwig auch unterlassen hatte. Wozu auch die zarte, nervöse Dame unnöthigerweise aufzuregen? Ihm genügte, daß er bei Tante Hanna war. Wann und auf welche Weise er in ihr Haus gekommen, das wußte er sich nicht zu erinnern. Seit er überhaupt denken konnte, war er das Kind des Hauses, der erklärte, wenn auch nicht verzogene Liebling der Tante. Gleichmäßig, im steten Einerlei, das nur von heiteren Spielen und fröhlichem kindlichen Genüsse unterbrochen wurde, verflossen dem Kinde die ersten Lebensjahre. Zu der Zeit gerade, als davon gesprochen wurde, daß für den aufgeweckten Ludwig der wirkliche Unterricht beginnen müßte, trat ein Ereigniß in sein Leben ein, welches eine gänzliche, wenn auch nicht unangenehme Umgestaltung in seiner Lebensweise Hervorrieß Es war eine Depesche gekommen, nach deren Empfang die Tante sofort abreiste, den kleinen Ludwig zum ersten Male allein lassend, oder eigentlich ihn der Obhut seiner alten Wärterin anvertrauend. Lange dauerte es, bevor sie zurückkehrte, so lange, daß der kleine Ludwig seine Sehnsucht nach der Tante nicht mehr unterdrücken konnte, und zum größten Verdrusse seiner Wärterin oft sehr ungeberdig wurde und nach der Tante rief, weinte und schrie. Als es mit dem Kinde fast nicht mehr zum Aushalten wurde, erschien endlich die heißersehnte Tante. Ihr erster Weg, nachdem sie aus dem Fiaker gestiegen und sich der Reisekleider entledigt hatte, war in's Kinderzimmer zu ihrem Ludwig. Derselbe wollte sich mit kindlichem Ungestüm der so schmerzlich vermißten und nun wiedergekehrten Tante um den Hals werfen, aber erschreckt wich er zurück. als er die sonst so heitere, lebhafte Dame erblickte im langen, schwarzen Trauerkleide, das Antlitz bleich und vergrämt, die schönen Augen trübe und vom Weinen roth umrändert. Die Worte: „Tante, was hast Du mir mitgebracht," erstarben ihm auf den Lippen. Die Tante beugte sich zu ihm herab, nahm ihn auf den Arm und sagte, ihm das Haar aus der Stirne streichend, mit gütigen Worten: „War Dir bange um mich, mein Ludi?" „O, sehr!" rief er ermuthigt aus, „was hast Du mir mitgebracht, Tante?" „Etwas sehr Schönes, Ludi," antwortete die Tante mit mattem Lächeln. „Denkst Du noch daran, mein Ludi, wie Du Dir immer so ein kleines Schwester-