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Der Israelit · 1901-01-03 · Heft 1 (3.1.1901) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
42 (1901)
Issue
Heft 1 (3.1.1901)
Date
1901-01-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1 Neu-Weitzensee b. Berlin. In der Zeit des Chanukkafestes treibt die Nächstenliebe und der Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen herrliche . Vlüthen. Davon legte die Chanukkaseier, welche am .Sonntag, den . 16. Dezember, Nachmittags 6 Uhr in Israelitischen Taubstummen-Anstalt zu Neu- Weißensee bei Berlin für die Zöglinge des Instituts . stattfand, ein glänzendes Zeugniß ab. Der Verein „Freunde der Taubstummen Jedide Jlmim", dem die - Erhaltung der Anstalt obliegt und der dadurch so segensreich für die unglücklichen jüdischen taubstummen . Kinder wirkt, veranstaltete. die Feier, unterstützt durch freiwillige Gaben edler Menschenfreunde. Eingeleitet wurde die Feier durch einen Gottesdienst. Kaum vermochte die Aula die stattliche Zahl der Erschienenen zu fassen. Ein Mitglied des Lehrerkollegiums, Herr Kolodzinsty, rezitirte den 117. Psalm und den Anfang des 118. Die hörenden Theilnehmer fanden sich schnell von selbst zu einem Chor zusammen und mäcktig schallte es zum Himmel empor: „Danket dem Herrn, denn Er ist gütig, denn ewig währet Seine Huld." Voll Spannung lauschten die Zuhörer als ein taubstummer Knabe hervortrat, um die Chanukkalichte anzuzünden. Laut und deutlich in hebräischer Sprache drangen die Segenssprüche an unser Ohr, in unseren Herzen einen unverlöschlichen Eindruck hinterlastend. Wohl noch nie wurden die Zuhörer von dem einfach gesprochenen Kinderwort so erschüttert, wie von diesem. Dies merkte man deutlich, denn so manche Thräne rollte verstohlen aus dem Auge der Zuhörer über die Wange. Woher kam das? Der Mund, der jahrelang schwieg, der selbst dem heißesten Liebeswort der Mutter ein todtes, kaltes Schweigen entgegensetzte, öffnete.sich und sprach. Welche Liebe und Geduld, unverdrossene Mühe und Arbeit mußten wohl aufgeboten werden, um dem Taubstummen die Sprache zu geben und ihn dadurch aus der trostlosen Vereinsamung und finsteren Geistesnacht zu entreißen, zum Tröste für die unglücklichen Eltern, zum Segen und Heile für den unglücklichen Taubstummen! Dann wurde die Chanukkahymne von den Kindern strophenweise vorgetragen. Erklang auch hier nicht die fröhliche Chanukkamelodie in der unser Herz und Gemüth so sehr bewegenden Weise, so war doch der Eindruck auf die Zuhörer ein gewaltiger, denn mit lauter Stimme, klar und verständlich, sprachen die Kinder den Text des Chanukkaliedes. Bewegt und erhoben aus voller Kehle und frischer Brust sangen die hörenden Theilnehmer die von den taubstummen Kindern gesprochenen Strophen. Dann hielt Herr Direktor Reich, der verdienstvolle Leiter der Anstalt und fürsorgliche Vater der „Waisen der Natur" — wie die Taubstummen treffend bezeichnet werden — eine ergreifende Ansprache.. Danach wurde das Mariw-Gebet gesprochen und zum Schlüsse desselben sprach ein kleiner verwaister, taubstummer Knabe das Kaddisch-Gebet nach dem in diesem Jahre verstorbenen Geheimrath Dr. M a r k u s e, dem hochverdienten Vorsitzenden des -Vereins „Freunde der Taubstummen (Jedide Jlmim)" und unter den Zuhörern blieb wohl kein Auge , thränenleer über den Kaddisch aus solchem Munde. Nun wurden die Kinder hinunter zu ihren Geschenken geführt. Auf langen Tischen lag da für Knaben und Mädchen in getrennten Räumen, was dankenswerthe Wohlthätigkeit. und liebevolle Fürsorge ihnen zu Theil werden ließen. Da gab es allerlei nützliche Sachen, Materialien für den Handfertigkeitsunterricht, Spielzeug, Näschereien und für die Kinder unbemittelter Eltern auch Wäsche, Kleidungsstücke und Schuhzeug. Ein jedes Kind wurde reichlich bedacht und unter den Kleinen herrschte eitel Jubel und Lust. Freudig schauten sie in die Welt, wohl der schönste Lohn für die Veranstalter. Dem Verein „Freunde der Taubstummen," der so segensreich für die „Waisen der Natur" sorgt, wünschen wir von Herzen eine glänzende Entwickelung. Möge der Aufruf, den er jetzt an unsere Glaubensgenossen richtet, ein freudiges Echo in den Herzen aller mildthätigen Menschen finden, denen er zuruft: „Oeffne Deinen Mund für den Stummen." (Sprüche Sal 31, 8.) Hamburg, 31. Dez. Bei überaus starker Vetheiligung fanden hier am 19. dss. Mts. die für eine dreijährige Legislatur (1901—1903) statutarisch erforderlichen Repräsentanten-Wahlen der Deutsch-Jsr. Gemeinde statt. Hierzu hatten drei Parteien Wahlaufrufe und Kandidatenlisten den ca. 3000 Wahlberechtigten zugesandt. Das Wahlergebniß war folgendes: Die Herren A. Lewandowsky, Henri Lion, Jacob Alexander, Marcus Beith, Gustav Tuch, S. M. Nathan, Sigm. Weil. W. A. Peine, Dr. jur. Rosenbacher, Daniel Münden. Herz Bachrach, Emil van Son, Ferd. Seligmann, Jos. Lippmann, Moritz Stavenhagen; und als Ersatzmänner die Herren: Albert Wolfs, Albert Hauer, Ludwig Mathiason, Dr. med. Lanzkron und Moritz Heimann. Es harren mancherlei wichtige Angelegenheiten ihrer glücklichen Erledigung. Hoffentlich zeigen sich die Erwählten ihrer Aufgabe gewachsen.. Für eine so bedeutende Gemeinde wie Hamburg ist es auch durchaus erforderlich, daß die Verhandlungen öffentlich sind und dieses soll angestrebt werden. Allerdings ist dazu ein Neubau des Gemeindehauses erforderlich, was ebenfalls auf dem Programm steht. H. B. Altona, im Dez. Der verstorbene Herr Privatier Pius Marburg Hierselbst hat für öffentliche Zwecke folgende Vermächtnisse angeordnet: 1) 10,000 Mk. dem Altonaer Kinderhospital, 2) 10,000 Mk. der Altonaer Speise-Anstalt, 3) 10,000 Mk. dem Verein zur Unterstützung und Förderung der Gemeindepflege in der Hauptparochie Hierselbst. 4) 10,000 Mk. der Israelit. Gemeinde Hierselbst für die freiwillige Armenpflege.

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