Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 104 (31.12.1900)
- Date
- 1900-12-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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2IÖ8 1 " F". J'J 1 Jl-! U '«> 1 M Dazu kommt noch ein Mißstand, der als ein noli me tangere gilt, der aber durch Schweigen nicht besser wird. Die Herren sagen in der Petition: „Beamte, denen die Fürsorge für die heiligsten und höchsten Güter übertragen ist, die würdig genug sind, die Heilssaaten der Religion in die Herzen unserer Jugend zu streuen u. s. w." Gewiß, in den meisten Fällen sind sie würdig, den Kultus zu leiten, ob sie aber auch fähig sind, den Religionsunterricht zu ertheilen, ist eine andere Frage und daß leider Viele — der eine Theil in den hebräischen Disciplinen, der andere Theil in der deutschen Sprache große Lücken zeigen — das eben trägt dazu bei, daß die Stellung der Kultusbeamten eine so tieftraurige ist. Tie Herren sollten einmal einen Blick in die Meldungen werfen, die bei Vakanzen eingehen, da würde es ihnen klar werden, warum die Behandlung in den Gemeinden so viel zu wünschen übrig läßt, und was noch schlimmer, warum der Religionsunterricht so wenig Wurzel in den Herzen der Jugend faßt. Als ich vor ca. sechs Jahren in dem Archiv meiner letzten Gemeinde die 54 Meldungen durchblätterte, fand ich kaum fünf korrekte Schreiben, und die Meldungen, welche mir in dem nun abgelausenen Jahre zur Prüfung von zwei Gemeinden vorgelegt wurden, zeigten dasselbe trübe Bild. Hier nur einige Proben, die zur Evidenz zeigen, auf welcher Bildungsstufe viele dieser Kultusbeamten stehen. Ter Eine schreibt: ich din im hohen Masse beam lagt, einen recht gediegenen, homiletisch geregelten (!) zeitgemäßen Kanzelvortrag zu halten." Nummer zwei: „Ich kann Ihnen nach dem alten und neuen Ritus befriedigen." Dieser hat natürlich keine Ahnung von den verschiedenen Riten, er glaubt offenbar, daß eine Gemeinde abwechselnd den' Minhag Aschkenas und Minhag Polen epekutiren läßt. Nummer drei: „Was meine Chasonalien betrisst, so glaube ich um so mehr Ihren Beifall zu finden, weil ich in diesem Fache durchaus tüchtig bin." „Chasonalien" ist sehr gut und verdient einen Platz in Heyse. Nummer vier: „Da ich in der Zeitung erfahren habe, daß Sie die Stelle als Kultusbeamter frei haben, so erlaube ich mir Ihnen höflichst vorzustellen. Ich bin auch — Rabiner. Ich würde Sie also bitten, mir zu benachrichtigen, ob die Stelle vakant ist." — (sic!) Nummer fünf: „Laut beigefügten Zeugnissen als auch das Zeugniß selbst aus Neustadt, wo sämmtliche Gemeindemitglieder adestiren, ebenso nichtsweniger das Zeugniß aus N. N." — Derselbe Stilist schreibt: Auch religiöse deutsche Vorträge bin ich im Stande zu halten!" Nummer sechs: „Auf die vakante Stelle als Kultusbeamter erlaube ich mir, mich um „dieselbe Stelle" zu bewerben. Schon seit Jahren fungire ich schon als solcher Beamter. — Ich will nur sagen, daß Sie an mich einen tüchtigen ' Beamten treffen." Nummer sieben: „Meine Cwalifi-! lation als Cantor genoß ich bei den größten Capizitci-! ten. (Prosit!) Nummer acht schließt sein Bewerbungsschreiben: „Ihr baldiges Wollen entgegensehend," — zeichnet. Nummer neun schreibt auf das Gesuch einer Gemeinde um einen Beamten, der für die Feiertage deutsche Vorträge hält: „Kein Prediger bin ich nicht!" Das war ohne Weiteres glaubhaft. Nummer zehn schreibt frei und un — verfroren in dem ersten Brief, j nachdem er seine hervorragende Leistungen geschildert: „Ohne Zweifel wird mein Probevortrag meine Angaben bestätigen und den Herren Mitbewerbern jede ' fernere Mühe ersparen!"! Genug, die kleineren Stichproben, die ich vervielfachen könnte, beweisen, auf welcher Kulturstufe viele i dieser Herren stehen, die sich im Falle eines Engage- : ments bei den Schülern eines Gymnasiums ebenso! lächerlich und unmöglich machen, wie durch ihre Meldungen bei — gebildeten Vorstehern. Mit dem einzigen Wunsche, daß die Kultusbeamlen durch Zuwendung von Geldmitteln in den Stand : gesetzt lverden, sich eine Centrale zu schaffen, wo ihre; Gesammtinteressen eine Vertretung finden, bin ich eini verstanden und erkläre mich voll und ganz einverstanden mit dem Schlußsätze, daß die Kultusbeamten mit dem j jüdischen Lehrerverbande eine nur ganz geringe (ich i sage gar keine) Interessengemeinschaft hat. — Bei | einer etwaigen Generalversammlung der Kultusbeamten Deutschlands würde ich Gelegenheit nehmen, ausführbare Vorschläge für die Besserstellung der Kultus - beamten zu machen: 1) durch Errichtung eines Seminars zur Ausbildung von Kultusbeamten, 2) durch Vereinigung mehrerer jüdischer Gemeinden mit einem Knltusbeamten.! L i o n W o l f s. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 25. Dez. Der Centralausschuß des Rabbinerverbandes in Deutschland hielt heute im Saale der Repräsentantenversammlung eine Sitzung ab, in der folgende Punkte zur Verathung standen: 1. Bericht des geschäftsführenden Vorstandes. 2. Bericht über die Vorarbeiten in Betreff der Gründung einer Penstons- und Reliktenkasse für die preußischen Rabbiner. 3. Bericht über die mit dem Deutschisraelitischen Gemeindebunde in Betreff der Stellung des Rabbiners gepflogenen Unterhandlungen. 4. Endgiltige Entscheioung über die Wahl der Prüfungskommissionen (vgl. Versammlung und Beschlüsse etc., Berlin 1898, S. 51.) 5. Bestimmung von Ort, Zeit und Tagesordnung für die nächste Generalversamml!