Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-12-31 · Heft 104 (31.12.1900) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 104 (31.12.1900)
Date
1900-12-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449145--52308-2502849
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

st"#.J<rn-v^S.• "tf ^-jy^wv^yjy^^--'--'--,.'^'-' 41. Jahrgang. Krste Aeilage zu Jß 104 des „Israelit". Leitender Artikel. Ac Pktitis« in jiiiisch. Siulfuskmntcn an h\ ,%A 8.-B." in Berlin. Berlin, 28. Dezember. Herr Kollege Prediger Jacob Bähr, Waldenburg, hat mit Unterschriften von 200 jüdischen Kultusbeamten eine wohlmotivirte Petition an den „D.-J. G.-B." gerichtet, worin die Verwaltung des Bundes gebeten wird, die traurige Lage der Kultusbeamten zu bessern. Es dürfte den Unterzeichnern der Petition bekannt sein, daß ich seit dreißig Jahren auf der Warte stehe und für gleiche Interessen gekämpft habe. Hoffentlich bleibe ich also vor dem Verdacht geschützt, diesem Bestreben irgendwie hinderlich zu sein. Dennoch fordert diese Petition, sowohl was Inhalt und Begründung betrifft, wie die Adresse, an die sie gerichtet ist, die Kritik heraus, die ich — nur im Interesse der Sache — nicht unterdrücken will. Die ganze Schilderung über die traurige Lage der Kultusbeamten ist wahr, leider nur zu wahr, allein ich vermag nicht einzusehen, wie der Gemeindebund hier helfen kann. Daß ich kein unbedingter Lobredner der Gemeindeverwaltungen bin, wissen die Kollegen ebenfalls, aber auch hier muß ich sagen: „die Gemeinden können beim besten Willen nicht helfen!" Die Petenten wünschen einen Normalvertrag, wonach die Gemeinden sich verpflichten sollen, ihre Kultusbeamten auf zwölf Jahre anzustellen. Sie wünschen ferner, daß nach Ablauf dieser Zeit ohne trif-! tige Gründe keine Kiindigung erfolgen darf.! Ja, wie will der „D.-J G.-B." die preußischen Gej meinden denn zwingen, solche Bedingungen beim En- J gagement einzugehen? Vorläufig bildet der Gemeindej bund noch keine Konsistorialbehörde, und so lange im! Königreich Preußen die Autonomie der jüdischen Gej meinden besteht, werden sie sich in ihren Rechten nicht! beschränken lassen.! Aber selbst wenn eine Vereinigung der Kultusi beamten sich gegenseitig verpflichten und der Gemeinde-; bund zur Unterstützung einer solchen Verpflichtung einen Druck auf die mittleren Gemeinden ausüben ■ könnte, einen solchen Vertrag einzugehen, so wäre! heute ein solches Verlangen sogar unbillig! So lange die zahlreichen Provinzialgemeinden an Seelenzahl und Steuerkraft blühten, und als die Behörden die ausländischen Kultusbeamten bestätigten, oder doch duldeten oder, mit anderen Worten: „als das Angebot der Beamten größer war, als die Nachfrage — bamats tjaben die jüdischen Gemeindebehörden oft schwer gesündigt. Selbst größere Gemeinden gewährten ihren Beamten — Hungerlöhne und bäumte sich der Beamte gelegentlich dagegen auf oder vergaß er einmal, daß er ein — Meschubbod war, — so flog er hinaus, und bei jeder Vakanz mit 6—900 Mk. Jahresgehalt gingen 60—60 Meldungen ein, ja oft wurde die Stelle, wie ich es erlebt habe, an den — Mindestfordernden vergeben. Heute hat sich dieses Verhältniß geändert. Das Angebot ist geringer geworden und die Gemeinden haben an Steuerkrast bedeutend verloren, nicht wenige Gemeinden stehen aus dem Aussterbeetat. Man beachte die nachfolgende Statistik, die meine Darstellung besser illustrirt, als weitere Worte. In der Provinz Posen wohnten im Jahre 1871 61,437 Juden, im Jahre 1896 nur noch 40,000, also einen Rückgang von 21,000 Seelen in den letzten dreißig Jahren. Folgende größere Gemeinden haben an jüd. Seelenzahl eingebüßt, und zwar im Laufe von nur zehn Jahren: Posen ca. 1000, Kempen 600, Bromberg 400, Ostrowo 600, Rogasen 600, Krotoschin 400, Schrimm 600, Rakel 400, Rawitsch 400, Lions 460, Strelno 200 und Samotschin ca. 200 Seelen u. s. w. Ans jedem dieser „Minus" könnte man eine bis zwei Gemeinden machen und was noch schlimmer, die sortgezogenen Mitglieder waren überall auch die steuerkräftigsten. Die vorstehenden Gemeinden repräsentiren die größten Gemeinden in der Provinz Posen. Viele kleinere Kehillos halten überhaupt keine Beamten mehr, und früher bestandene kleine Gemeinden mit 16—20 Familien sind im letzten Dezennium — eingegangen. Ich kenne im Osten ca. 16 Gemeinden, die noch vor wenigen Jahren neben den zwei Kantoren einen Rabbiner besoldeten, die sich nun mit einer Kraft OKultusbeamter) begnügen. Und erst in West- (sprich Wüst-) Preußen?! Wenn die Wühlarbeit der Antisemiten so weiter, wie bisher, fortgesetzt wird, so werden in wenigen Jahren in den Kreisen Schlochau und Könitz der größte Theil der Gemeinden aufgelöst sein. Und diese Gemeinden, die unter den früheren besseren Verhältnissen ihre Beamten auf 1—3 Jahre engagirt hatten, sollten nun, unter den traurigsten Auspizien, Kontrakte auf die Dauer von zwölf Jahren abschließen?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.