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Der Israelit · 1900-12-31 · Heft 104 (31.12.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 104 (31.12.1900)
Date
1900-12-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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2185 >' "----»- „Das sehe ich, Tante," rief der Doktor fast ungeduldig, „aber w o ist sie denn eigentlich, Tantel?" Die Tante rückte verlegen auf ihrem Sitze hin und her.- „Weißt Du, Ludwig, die Dora ist nicht mehr so. wie Du sie verlassen hast, eine große Veränderung ist mir ihr vorgesallen, ich kann es Dir nicht verhehlen." „Sie ist doch nicht krank geworden? Sie war doch immer so kräftig, fast gesundheitsstrotzend?'." „Nein, krank ist sie nicht, wenigstens körperlich nickt, da könntest Du sie ja kuriren," meinte die Tante mit einem schwachen Versuche zu lächeln. „Aber wo ist sie denn eigentlich?" rief der Doktor mit mühsam unterdrückter Ungeduld. „Sie ist in N. im Lazareth unter den freiwilligen Krankenpflegerinnen." „Dies brauchst Du nicht mit solcher Jammermiene zu sagen, liebstes Tantchen," sagte Ludwig, während seine Augen stolz aufleuchteten seiner muthigen Base wegen. „Dies ist ja schön von ihr und erhebt sie in meinen Augen um ein Bedeutendes. Schau, wie sie ihres Heldennamens würdig ist: Debora, die Heldin, Wenn wir Männer hinausgezogen sind in den blutigen Krieg, ohne Unterschied des Glaubens und der Nation, nur von dem einen Gefühle beseelet, unsere Pflicht gegen das Vaterland mit Gefahr des eigenen Lebens zu erfüllen und dabei der Wunden nicht achten, die uns der Feind geschlagen, dann geziemt es auch den edlen Töchtern Judas, daß sie mit den anderen heldenmüthigen Mädchen darin wetteifern, um mit zarter Hand die Kranken zu pflegen und die Wunden heilen zu helfen welche der Krieg geschlagen, und mit ihren sanften Worten Trost und Hoffnung den armen Leidenden zu spenden. Sie hat das Richtige gewählt, Tante Hanna." Die Dame schüttelte traurig das kleine Köpfchen, „Denke, es ist so, mein Ludwig, und lasse diesen Gegenstand ruhen; erzähle mir lieber, wie es Dir ergangen ist." Ludwig hatte den Mantel abgelegt, den Säbel abgeschnallt, und setzte sich neben die Tante zu dem Tische nieder, worauf inzwischen Ricke Gläser und eine Flasche Mein, sowie etwas kaltes Geflügel und Obst gestellt hatte. Während er der Tante zu liebe etwas aß, fing er zu erzählen an. An Stoff fehlte es ja nach den letzten stürmischen Begebenheiten nicht. Goldenkron erzählte seiner gespannt aufhorchenden Zuhörerin alle seine Erlebniste von dem Momente an, wo er von der schier verzweifelnden Tante und der still vor sich hinweinenden Dora Abschied genommen, bis zu dem heutigen Tage, verschwieg aber die Episode, wie er dort in Böhmen die schöne Rosa kennen gelernt hatte, welche einen solchen tiefen Eindruck auf sein Herz gemacht, und welche er trotz der tödtlichen Beleidigung, die sie ihm zugefügt hatte, so innig liebte,-so innig und fest, daß sein Lebensglück und sein Seelenfrieden dadurch gestört wurden. Er hatte sich vorgenommen, mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft dieses Gefühl zu unterdrücken, um der Tante Wunsch zu erfüllen, ihre beiden so geliebten Zöglinge vereint zu sehen. Um alles in der Welt hätte er seiner Tante, die ihm eine zweite Mutter war, keine Enttäuschung bereiten wollen. O, hätte er eine Ahnung davon gehabt, was seine Tante wußte, was sie ihm so gerne gesagt, aber nicht den Muth dazu gefunden, uni ihm gleich am ersten Abende seiner Heimkehr ihrer Meinung nach keine solche Ent täuschung zu bereiten, hätte er dieses gewußt, das Wiedersehen dieser Beiden wäre minder peinlich verflossen, als dies thatsächlich der Fall war. Es war spät geworden. „Gehe schlafen, Tante, morgen ist wieder ein Tag," sagte zärtlich der junge Mann, „doch ehe ich gehe, sage mir aufrichtig: Was geht mit Dora vor? Wenn es nickt Begeisterung für die Sache war, welche sie diesen Schritt unternehmen ließ, was war es denn? Ich habe ein Recht, es zu erfahren." „Unbestreitbar!" antwortete Hanna, „aber muß es denn heute sein?" „Heute, liebe Tante! Es ist etwas Unangenehmes. das entnehme ich aus Deinem Zaudern-je eher ick es erfahre, desto eher überkomme ich es auch." Tie so in die Enge getriebene Tante stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie ging zu einem Schrank, woraus üe einen in Papier gehüllten Gegenstand entnahm, den sie dem Doktor reichte. „Tics habe ich nach Dora's Entfernung gefunden urtb gelesen, überzeuge Dich nun selber. Aber verzweifle nicht mein Kind, es wird nicht so schlimm sein, wie es da drinnen steht; kennst Du nicht das alte Sprichwort: Es wird nicht so heiß gegessen, wie es gekocht. Diese sogenannten gebildeten Mädchen — jede ist auf diese oder andere Art eine Schwärmerin. Zu meiner Zeit hatten die Mädchen andere praktischere Ideen im Kopfe." „Du auch Tante," meinte lächelnd der junge Doktor. „Was ich von Deiner Vergangenheit vernommen, hat mir die Meinung eingeflößt, daß Du selber recht unpraktisch warst, und nur für Andere gelebt hast. Unseres Lestings Ausspruch, daß der Mensch meist von den Eigenschaften spricht, die ihm fehlen, trifft auch bei Dir zu." Tante Hanna wehrte die in diesen Worten versteckte Schmeichelei ab, indem sie eifrigst mit dem zierlichen Köpfchen schüttelte: dann nahm sie herzlichen Abschied von dem so geliebten Neffen und ging in ihr Schlafzimmer, während sich der heimgekehrte junge Mann anschickte, das seine aufzusuchen. (Fortsetzung folgt.)

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