Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 104 (31.12.1900)
- Date
- 1900-12-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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2184 Festversammlung machten die durch Midrasch- und Talmudstellen reich geschmückten Tischreden der Herren Dr. R o s e n t h a l - Breslau, Dr. Freund- Ostrowo und Dr. Bamberger - Schildberg. Das Fest wurde noch durch eine größere Anzahl schöner und sinniger Toaste verherrlicht. Unter diesen seien besonders erwähnt die Ansprachen der Söhne des Jubilars, die Herren Rabb. Dr. W. Münz-Gleiwitz, Rabb. Dr. I. Münz-Berent und Dr. med. Münz-Nürnberg, die in tiefempfundenen Worten die Gefühle kindlicher Liebe und Pietät zum Ausdruck brachten. Noch einmal schaarte sich in vorgerückter Abendstunde die Festversammlung um den ehrwürdigen Jubilar, als derselbe innige Worte des Dankes und der Anerkennung an die erschienenen Ehrengäste und seine liebe Gemeinde richtete. Nachdem die zahlreichen Telegramme aus Nah und Fern zur Verlesung gebracht und der würdige Jubilar das Tischgebet vor der andächtigen Versammlung verrichtet hatte, schieden die Anwesenden von einander mit dem Bewußtsein, ein unvergleichlich schönes Fest, eine nn? bv rncr in des Wortes schönster Bedeutung gemeinsam gefeiert zu haben. Alle fühlten sich einig in dem Gedanken, daß dieses Fest, in dem die Ehre der Thora, rvrrn “113, in dieser lauteren Weise verherrlicht wurde, noch lange von der nachhaltigsten Wirkung auf das religiöse Leben der Kempener Gemeinde sein werde. Feuilleton UHersöhnte Weinde. Von Babelte ssried. Siebentes Kapitel. Bei anhaltendem Dienst war dem Doktor Goldenkron dieser erste Tag in der Heimath nur zu bald verstrichen. Der kurze heiße Sommer war einem frühen rauhen Herbste gewichen und empfindlich kühl strich der Wind durch die heute mehr als je belebten Gaffen. Goldenkron, der im Dienste von einem Kollegen abgelöst wurde, warf seinen Mantel um und rüstete sich, den Weg in sein Heimathshaus anzutreten, wo ihn die beiden Frauen, Tante Hanna und Base Dora, sicherlich den ganzen Nachmittag schon erwartet hatten. Im Hausflur begegnete er dem alten Dienstmädchen, welches er schon als Kind gekannt und lieb gehabt hatte. „Endlich, Herr Doktor," rief diese freudig aus. „Wir warten den ganzen Tag auf Sie, Tante glaubte schon, daß Sie heute nicht mehr kämen, und ging, von vergeblichem Warten ganz nervös geworden, in ihr Schlafzimmer." „Konnte nicht abtommeu, liebes Riekchen," sagte der Doktor, „gehen Sie, bitte, die Tante fragen, ob ich sie in ihrem Schlafzimmer aufsuchen soll, oder ob sie in's Wohnzimmer zu mir kommen kann. Für mich ist wohl Platz bei Euch, Riete?" „Und wie, Herr Doktor werden schon schauen, was Tante aus Ihrem Erkerstllbchen gemacht hat, ein reiner Blumengarten ist es." Und fort war die Schwätzerin, der Dame des Hauses den späten Gast zu melden. Dieser selbst war in das Wohnzimmer getreten, nicht ohne vorher fromm die Hand auf die an dem Thürpfoften befindliche Mesufa gedrückt und dann zum Munde geführt zu haben, um auf die Stelle der Finger, welche den Namen Schadai berührt hatten, einen Kuß zu hauchen. Ein nicht in Worten gekleidetes, aber dem tiefsten Herzen entquollenes Dankgebet richtete er in diesem feierlichen Momente der Wiederkehr aus blutigem Kriege an den unendlichen Schlachten- und Schicksalslenker. Und nicht nur ein Dankgebet, sondern auch die Bitte um Kraft und Selbstüberwindung, um sein gegebenes Wort voll und ganz erfüllen zu können, um die Dankbarkeit, die er seiner Wohlthäterin schuldig, nicht zu verletzen. Mit diesen Gefühlen war er in's Zimmer getreten, welches festlich geputzt war und zeigte, wie sorgfältig man sich hier auf seine Ankunft vorbereitet hatte. Er hatte aus sein vorheriges Anklopfen keine Antwort erhalten, denn das Zimmer war leer; Diejenige, die er drinnen zu sehen erwartete, fehlte. Was ist das, wo ist Dora? Beim Einzuge in die Stadt hatte er sie nicht gesehen, selbst die schwatzhafte Rieke hatte immer nur von der Tante gesprochen, ohne Dora zu erwähnen?! Biel Zeit über diesen ihm räthselhaften Umstand nachzudenken, war ihm nicht geblieben, denn die Thüre, die in das anstoßende Schlafzimmer der Tante führte, wurde hastig aufgerissen und herein stürzte eine kleine, ältliche Dame in einem weiten, schneeweißen Negligee, ein zierliches Häubchen auf den schwarzen, schon stark mit weißen Fäden durchzogenen Haaren. „Tannte Hanna!" Durch ein inniges Umarmen wurde das Wiedersehen dieser beiden sich so innigliebenden Menschen gefeiert. Es fehlte ihnen an Worten, um das Uebermaß des Entzückens auszudrücken. Die Tante war die Erste, die sich gesammelt hatte. „Willkommen zu Hause, mein Ludwig," sagte sie mit zitternder Stimme, „mögest Du hier jenes Glück finden, wie ich Dir es wünsche, und wie Du es so sehr verdienst. Und jetzt lege ab, Kind, Du wirst Hunger haben, Rieke wird Dir etwas bringen." „Ich fühle weder Hunger noch Durst, mich beherrscht ein grenzenloses Glücksgefühl, wieder bei Dir zu sein und Dich so wohlaussehend gefunden zu haben Aber eines vermisse ich hier, wo ist Dora?" „Dora? — — Dora ist nicht hier, Ludwig!"