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Der Israelit · 1900-12-27 · Heft 102-103 (27.12.1900) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 102-103 (27.12.1900)
Date
1900-12-27
Page
– (sequence 27)
Language
German
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2173 sein Gottvertrauen, seine unerschütterliche Gläubigkeit und seine erhabene Frömmigkeit linderten seinen Schmerz, träufelten Balsam in seine zerrissene Seele, und in dem unerschövflichen Borne des Gotteswortes suchte er Trost und Hoffnung für die Zukunft. Und tonnte er auch aus leinen völligen Ersatz rechnen für das, was seine unvergeßliche Lebensgefährtin ihm getvesen, so wollte er doch in seinen Kindern, die in vielen Stücken ein getreuer Abdruck der Dahingegangenen waren, das unwiderbringlich Verlorene wiederfinden. Er hatte zwei Söhne und eine Tochter. Der älteste, Lazarus mit Namen, lebte fern von dem Vater in einer größeren Stadt, in der er das Gymnasium besuchte. Der zweite Sohn. Salomon, war im Geschäft des Vaters thätig, und Hanna that Hausfrauendienst. In den Ferren besuchte Lazarus seinen Vater und seine Geschwister, und beklommen betrat er die Stube,' das Antlitz, das ihm sonst entgegengestrahlt, es war nicht mehr. Er sah auf den Sessel, auf dem sie sonst gesessen, von dem sie sonst aufgesprungen, um ihn zu herzen, doch leer war dieser Platz, kalt und düster war alles im Zimmer. Noch einmal sing man an, über die Verewigte zu sprechen, einmal und noch einmal. Es dauerte lange, ehe ein anderer Ton angeschlagen wurde, ehe die dumpfe, melancholische Stimmung einer anderen Platz machte. Aber die Unterhaltung bekam auch nachher nichts von jener ursprünglichen Freudigkeit, von iener maßlosen Zufriedenheit, die sonst Reb Chajim empfand, wenn sein Sohn nach Hause kam. Es vergingen einige Tage, bis man wieder ein wenig die Gedanken abwendete vom Trauern und Weinen. Da erkundigte sich der alte Chajim bei seinem Aeltesten, was er denn in seinen freien Stunden getrieben, ob er dem Thorastudium seine Kraft gewidmet, und ob er treu geblieben sei den Satzungen unserer Alten. Aber verlegene Antworten drangen an das Ohr des Vaters, und Sorge beschlich ihn für sein Kind. Bevor Lazarus abfuhr, prägte er ihm noch einmal die Erhabenheit nnd Reinheit der Lehren ein und der Sohn lauschte den Worten, weil der V a t e r zu ihm sprach. Ob er sie sonst wohl auch gehört hätte?! . . . Als er abgereist war, wurde es wieder still und einsam im Hanse Chajims. Still aber ward's auch in dem Städtchen. Da sollte eines Tages der eintönigen Stille Aufregung und Hast den Platz abgewinnen. Chajim hatie einige seiner Kunden besucht, als ihn plötzlich die Trauerbotschaft erreichte, daß sein großes Lager in Flammen stehe, nnd daß man seine Kinder vermisse. Was lag ihm jetzt an dem materiellen Verlust, wo es sich um das Leben seiner geliebten Kinder handelte! Die Angst beschleunigte seine Schritte, und nach wenigen Minuten stand er vor seinem Geschäft, unwillkürlich eine Secunde lang den Blick auf den Ruin seines Vermögens heftend. Cr wollte in oas Innere des Hauses dringen, um seine Lieblinge zu suchen, doch die Umstehenden hielten ihn zurück, da dicke Rauchwolken, aus denr Feuer tauchend, ihnen entgegenschlugen. Bald aber ward ihm die erschütternde Kunde, daß seine geliebten Kinder thatsächlich ein Raub der leckenden Flammen geworden seien. Besinnungslos taumelte er hin, und man brachte ihn in das Haus eines Nachbars. Als der hartgeprüfte, von übergroßem Kummer heimgesuchte Mann sich von seinem Ansalle erholt hatte, versuchte er. sein Unglück zu überschauen. Wenn auch seine Augen wie durch düstere Nebel sahen, wenn auch seine Gedanken vor Erregung zerrissen waren, so vermochte er doch einznsehen, was ihm geschehen. Seine beiden Kinder, die fein trübes Leben ihm erheiterten, die in ihrem Vater ihr Alles sahen, ihn verehrten mit kindlicher Liebe, sie, zu denen er stets grenzenlose Hingabe gefühlt, waren ihm jäh entrissen. Ueber diesen Verlust übersah der sorgenbeladene Mann ganz, daß er ein Bettler geworden; denn das Geschäft, das ihm und seinen Kindern reichlichen Unterhalt geboten, hatte den Flammen zur Speise gedient. Wohin sollte er sich nun wenden, was sollte er, der vor einer Stunde noch reich, jetzt ein mittelloser armer Mann, beginnen? Lange währte es, bis er wieder klar zu denken annng. Er ging in eine Hütte, die ihm von Allem übrig geblieben war, welche das Feuer nicht verschlingen konnte, da sie am äußersten Ende seines unbebauten Gartens lag. Hier flehte er zu Gott, daß er ihm ein Helfer sein möge in seiner üblen Lage und ihn leiten wolle durch die Wirren, die über seinem Haupte sich zusammengezogen. Dann schrieb er mit zitternder Hand und gerötheten Augen an seinen ihm gebliebenen Sohn Lazarus einen Brief. Mit seinem Herzblut schrieb er ihn. mit heißen Thronen netzte er das Papier. Er theilte auch dem Sohne mit, daß er ihm leider nicht mehr, wie bisher, die Mittel zu seinem Studium zu senden vermöge. Wenn er selbst sich durchschlagen könne, solle er's in Gottes Namen thun, wenn es ihm aber nicht möglich sei, möge er zu seinem Vater kommen. Reb Chajim schlug sich kümmerlich durch. Allein es war ihm veinlicb, in seiner üblen Position in dieser Stadt zu leben und so zog er denn, wenn es ihm auch schwer wurde, aus diesem Landstädtchen, in dem er viele Jahre geweilt, fort nach einer anderen Stadt. Traurig nnd freudlos gestaltete sich für den Alten das Leben. So verging etwa ein Jahr, als ihm sein Sohn die Botschaft brachte, daß er seine Abschlußprüfung bestanden habe. Mit einer Belobigung und einer Auszeichnung in Form eines Stipendiums war er entlassen worden. Aus seinem Zeugniß stand der Vermerk, daß die Lehrer ihn, der allezeit ein Muster von Fleiß. Ve-

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