Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-12-27 · Heft 102-103 (27.12.1900) · page 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 102-103 (27.12.1900)
Date
1900-12-27
Page
– (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449144--52278-2502818
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

aabung und Bescheidenheit gewesen, ungern scheiden sähen. War es ein Wunder, daß das Herz des Vaters sich wieder verjüngte, als der Sohn vor ihn trat? Doch nicht lange währte die fröhliche Stimmung. Der Gedanke daran, daß die geliebte Mutter und die guten Geschwister nickt Antheit an der Freude nehmen konnten, öffnete wieder die alten Wunden, die ihnen geschlagen waren, und Trauer herrschte wieder im Kämmerlein des alten Chajim. Allein auch ein letzter Schlag sollte dem geplagten Manne nicht erspart bleiben. Lazarus sagte dem Vater auf eine Frage nach seinen religiösen Ansichten, daß er gebrochen mit der jüdischen Tradition, daß er von sich geworfen, woran er durch die Erziehung gewöhnt war. Reb Chajim hatte zwei Kinder begraben; der lebende Sohn ward ihm jetzt fremd, auch er starb für ihn. — Lazarus war nach der Universitätsstadt G. gezogen, um dort dem medizinischen Studium obzuliegen. Mit jener uns Juden eigenen Zähigkeit und rastlosen Energie focht er sich durch alle Gefahren und erlangte nach fünfjährigem angestrengtem Studium den Doktorhut. Reb Chajim hatte durch zunehmendes Alter und abnehmende Gesundheit viele Qual, um das allernothwendigste zum Leben sich zu verschaffen. Er zog durch die Straßen mit einem großen Bündel von Maaren aller Art, um sie seinen ehemaligen Kunden anzubieten. Da führte ihn eines Tages der Weg nach einem Nachbardorf der Universitätsstadt G. Ein reicher Kaufmann batte ihn aufgefordert, zu ihm zu kommen, um mit ihm ein Geschäft abzuschließen. Als er den Auftrag erhalten hatte, einen großen Posten Maare für den Kaufmann zu besorgen, wollte er wieder nach Hause fahren. Er ging, um den Zug noch zu erreichen, mit beschleunigten Schrnten zum Bahnhof. Plötzlich bleibt Jemand vor ihm stehen und, nachdem er einen Augenblick Gegenstand der Beobachtung gewesen, stürzt sich der junge Mann auf ihn und bedeckt sein Anilitz mit endlosen Küssen. Lazarus war's, der des Weges kam vom Besuch eines Kranken. Mangel an Mitteln hatte ihn gezwungen, während der langen Reihe von Jahren, dem geliebten Vater fern zu bleiben. So bat er ihn denn jetzt, auf einige Zeit toenigstens sein Gast zu sein. Reb Chajim jedoch wollte der Aufforderung nicht Folge leisten, da er meinte, daß Lazarus ein Abtrünniger sei. Wie aber staunte er, als er vernahm, daß der Sohn, angeekelt von der lasterhaften, gottlosen „Aufklärung," sich dnrchgerungen hatte zu wahrer, inniger Frömmigkeit, daß er die Zweifel überwunden und ein treuer Anhänger des gesetzestreuen Judenthums geworden sei! Wie frisch wurde der ergraute Vater, als er von seinem Sohne das erquickende Wort hörte, daß er wieder seine Talmudstudien ausgenommen, daß er dem Thoralernen seine freie Zeit weihe! Reb Chajim vergaß, was der Sohn ihm einst gethan mit seinem Abfall vom gesetzesfreuen Judenthum, aber mit verdoppelter Freude nahm er den Sohn, der den rechten Pfad wiedergefunden, auf. Der Greis hatte sein geliebtes Weib verloren, er trauerte zwei blühenden, reinen Menschenkindern nach, er war fast an den Bettelstab gekommen, aber das Letzte, was er auch schon verloren geglaubt, das Einzige, was er noch besaß, war ihm wiedergewonnen: die treue und fromme Gesinnung seines Sohnes. Und Lazarus weinte Freudenthränen an der Brust seines Vaters. Er wollte mit doppelter Kraft und noch angestrengterem Fleiße arbeiten, aber in Ruhe und Frieden sollte sein betagter Vater bei ihm bleiben. Es war ein Freitag, an dem diese Episode sich abgespielt hatte. Ein wunderschöner Tag im Juni. Die Sonne lächelte am Firmament, sie freute sich sichtlick, daß sich Vater und Sohn wiedergefunden. Am Abend sah man in der letzten Bank der kleinen Synagoge zwei Männer stehen, weinend, inbrünstig betend, Wonnethränen im Gesicht. Jeder, der sie sah, blieb vor ihnen stehen; ein Bild der Innigkeit und der freudigen Zufriedenheit boten sie Allen dar. Am Abend kehrten sie in die bescheidene Wohnung des Dr. Lazarus L. . . . zurück. Der Sabbat hatte seinen verklärenden Schimmer einziehen lasten in dieses Haus, in dem zwei Ueberglückliche saßen, Festesstimmung und Sabbatherrlichkeit lebte in biefen Männern. Sie fühlten Beide jetzt jene Selbstzufriedenheit und Glückseligkeit, eine Harmonie mit Gott und seinen Geschöpfen. Lange mögen sie so dagesessen haben, erhoben durch den Gedanken, erfüllt von dem beseeligenden Gefühl, daß zwei Unglückliche sich wiedergefunden und wieder froh wurden ihres Seins,, daß zwei Menschen wieder glücklich geworden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.