Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 102-103 (27.12.1900)
- Date
- 1900-12-27
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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2165 Lresven, 20. Dez. (D i e hiesigen Antisemitenführer gründlich blamirt.) Wer; erinnert fick, nicht noch des Auftretens des Dreschgrafen im „Tivoli" vor einigen Wochen? Der halb blödsinnige; Mann wurde von den gesummten Antisemitenführern. i die sammt und sonders bei solchen feierlichen Anlässen auf dem Podium versammelt zu sein pflegen, mit einem : vor Freude über die ihnen zu Theil gewordene hohe; Ehre, einem echten Grafen von Angesicht zu Angesicht i gegenüberstehen zu dürfen, glänzenden Antlitzes be- - grüßt. Es war einfach ekelhaft, als man sah, wie; Männer, die immerhin gebildet sein wollen, dem unsin! nigen Zeuge, was der Mensch zusammenschwätzte, an-! däcktig zuhörten und ihm sogar noch Beifall zollten.! Jetzt wird fein Auftreten selbst einem Theil der Anti-! semiten zu blamabel. Die Dühring'sche Richtung schüttelt sich den Dresch- und Renommirgrafen von ihren Rockschößen. In ihrem Organ „Der Personalist und Emanzipator" wird dem Grafen Pückler plumper, aller Haltung barer Grobianismus, dem man die Effektation und künstliche Gemachtheit sofort ansieht, vorgeworfen und über die Velleität, die Juden wegbeten zu wollen, gespottet. Allerdings heiße es dabei nicht „bete und arbeite," wie zu den Zeiten wirklichen Glaubens, also namentlich in der Reformationszeit, sondern bete und haue, wei bei den einstigen Kreuzzüglern aller Art. namentlich denen, die unseren Landen das Ehristliche mit Feuer und Schwert aufgejocht haben. Der Pückler'sche Antisemitismus stehe unter dem Bildungsniveau manches berlinischen sog. gebildeten Hausknechts und stelle einen vollendeten Rarren-Antisewitismus dar. So ein Zwitter von Narretei und Streberei sei in sozusagen idealster Ausprägung bisher noch nicht erreicht. Und diesem Narren-Antisemitismus oder Antisemiten-Narren huldigen die hiesigen Antisemiten- Fiihrer. Sie haben dem Blödsinn des Pückler ruhig zugehört. Ja, was allem die Krone aufsetzt: Rechtsanwalt Häckel, Schriftführer des Dresdner Stadtverordneten-Kollegiums, in dem dieser Narren-Antisemitismus unter Führung des Mannes ohne Treu und Glauben die Herrschaft führt, brachte es fertig, diesem an Bildung — nach antisemitischem Urtheil — noch unter einem Berliner Hausknecht stehenden Zwitter von Narretei und Streöerei öffentlich Dank im Namen der Dresdner Antisemiten auszusprechen. Wir haben der Beurteilung dieses politischen Kretins aus Klein-Tschirne und damit des Dresdner Antisemitismus nichts hinzuzusetzen. Wohl bekommS! Auö Oberhksscn. Als ein Beitrag zur haltlosen Stellung der jüdischen Lehrer Hessens sei folgende Geschichte diesen Blättern übergeben: In einer kleineren, zum orthodoxen Rabbinate unserer Provinz sich bekennenden Gemeinde fungirte seit ungefähr neun Jahren ein streng-orthodoxer Lehrer, der in allen Stücken von der Wichtigkeit seines Berufes durchdrungen und in seinen Grundsätzen so konsequent ist, daß ihn ein sehr frommer Rabbiner Süddeutschlands würdig befand, ihm seine Tochter zur Frau zu geben. Bor etwa sechs Jahren, nachdem der Lehrer den in Frage stehenden Platz bereits ein Jahr lang verlassen hatte und in einer rheinischen Gemeinde fungirte, wurde er wiederum nach dorten berufen, von neuem angestellt und — was als ein sehr günstiges Zeichen für das treffliche Einderständniß beider Theile nicht unerwähnt bleiben mag — der damalige Vorstand verzichtete ihm gegenüber seitens der Gemeinde auf jedes Kündigungsrecht. Es sei dieser letztere Umstand besonders betont, weil er in der Geschichte der jüdischen Lehrer Hessens ein seltenes Vorkommniß, vielleicht gar einzig und allein zu verzeichnen ist. Nun trug es sich zu, daß ein reicher Amerikaner jener Gemeinde, in der er geboren und erzogen wurde, eine größere Suinme zum Bau einer neuen Synagoge übermittelte. Der Neubau ist bereits in Angriff genommen und wird in nicht allzuferner Zeit seiner Vollendung entgegen gehen. Da man nun an die Einweihung des Gotteshauses denkt und von dem Pomp träumt, mit dem eine solche Feier begangen werden muß, findet stch's, daß der Lehrer nicht mehr — Person genug, dem hehren Akte in allen Beziehungen gerecht zu werden und die Gemeinde vor all' den Behörden und Fremden, die da erscheinen sollen, würdig zu vertreten. Er ist ja ein guter und ordentlicher Mensch, und das Verhältniß beiderseits könnte nach wie vor ein ungetrübtes sein, wenn er nur — so denkt man sich das gar nicht übel — für den Tag der Einweihung durch einen tüchtigen Repräsentanten erster Güte sich vertreten lasten wollte! Man überlegt, man denkt, man sinnet hin und her, bis der trefflich erfinderische Geist auch hier einen Ausweg findet. Der für die kommende Feier in Thätigkeit tretende Svnagogenchor wird einfach in einen gemischten Chor verwandelt. Das ist recht fein und klug durchdacht! Wird der Lehrer den neuen Chor in seiner neuen Fassung billigen, dann geschieht es unter Einbuße seines Charakters, und er wird mit dem Herrn Rabbiner oder — was noch bester ist — mit dem Herrn Schwiegervater-Rabbiner in Conflikt gerathen, wird er ihn aber ignoriren, dann muß nothwendigerweise die gewünschte Lösung des stets ungetrübten Verhältnisses erfolgen. Wie nun vorauszusehen war, blieb der Lehrer seinem Grundsätze treu — Contra Chor — und war auch nicht gewillt, von seinem Verhalten dem Vorsttzenden des Vorstandes gegenüber, der in seiner amtlichen Autorität ihn — den Diener der Gemeinde — zur Rede stellte, Gründe anzugeben. Wozu auch Gründe?! Eine Gemeinde, die von jeher sich zu den orthodoxen Gemeinden Oberhestens zählt, in der auch wirklich fromme Jehndim leben, die nach dieser Richtung hin die