Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 102-103 (27.12.1900)
- Date
- 1900-12-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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2150 nommen und dabei eine Rede gehalten habe, in der er die Toleranz pries. Der Verfasser knüpfte hieran die Bemerkung, daß Dr. Hacks zu damaliger Zeit als Bewerber UM die Direktorstelle an der neuen Realschule in Frankfurt a. M. aufgetreten sei; ein Mann, der gegen den jüdischen Schwindel zur Ruinirung des Mittelstandes. gegen die jüdische Ausbeutung des Bauernstandes und die jüdische Lüsternheit aufgetreten sei. würde allerdings bei der Bewerbung wenig Aussicht auf Erfolg haben. Wegen dieses Artikels stellte Dr. Hacks den Strafantrag. Der Angeklagte bestritt, daß in dem Artikel eine Beleidigung zu finden sei; es seien darin lediglich die Grundsätze seiner Zeitung und seiner Partei zum Ausdruck gebracht, hervorgerufen durch die Eigenthümlichkeit. daß der Leiter einer christlichen Schule bei der Einweihung einer Synagoge eine von Toleranz übertriefnede Rede halte. Der Staatsanwalt erklärte eine Beleidigung für zweifellos vorliegend und beantragte eine Geldstrafe von 100 Mark, während der Vertheidiger, Rechtsanwalt Hahn-Charlottenburg, den Schutz des Paragraphen 193 des Strafgesetzbuches für seinen Klienten in Anspruch nahm. Der Gerichtshof ging noch über den Antrag des Staatsanwalts hinaus und erkannte auf 150 Mk. Geldstrafe. Hannover, 27. Dez. Heute ist ein Jahr vergangen, seitdem die Seele eines Mannes der Erde entflohen ist, dessen Verlust nicht nur für seine Familie, nicht nur für unsere Gemeinde, sondern man darf es ruhig sagen, für das Judenthum und die Judenheit ein fast unersetzlicher gewesen ist. Die hiesige Gemeinde, in der I s a a c H i r s ch mehr als ein Menschenalter gewirkt hat, deren Stolz er gewesen ist, der er seine eminente Geisteskraft und seine beispiellose Thätigkeit bei allen ihren Institutionen und Vereinen gewidmet hat, fühlt es heute tiefer, wie je. daß ihr dieser Mann entrissen ist, der es verstanden hat, durch das hohe Ansehen, das er bei allen Gemeindemitgliedern genoß, die wilden Leidenschaften der Parteien zu Zügeln. Obgleich der größte Theil der Gemeindemitglieder nicht seinen orthodox-religiösen Anschauungen huldigte, so ehrte doch Jeder den Mann, der ehrlich für die von ihm als Recht erkannten Principien mit größter Energie und schärfsten Geisteswaffen kämpfte, der niemals ermüdete, wo es galt, in That. Wort und Schrift für die heiligen Interessen unserer Religion zu wirken. Jeder fühlt tief, daß ein Mann aus unserer Mitte genommen und seiner Wirksamkeit entrissen ist, wie solche niemals zuvor hier in so umfassender Weise von irgend Jemanden geübt worden war und daß schwerlich seinesgleichen hier wieder erscheinen wird, der sein ganzes Leben der Tauroh, Mizwoh und Gemilus Chasodim gewidmet. Isaak Hirsch, der zweite Sohn des unvergeßlichen Geistesheroen Samson Raphael Hirsch, kam als kaum 20jähriger junger Mann nach Hannover. Sofort widmete er sich in hervorragendster Weise der Ausübung wohlthätiger Werke in der Chcwrah Kadischah und legte in geistvollster Weise in der Presse die Schäden unserer Gemeindeinstitutionen klar. Als im Anfang der 1870er Jahre die Repräsentativ-Verfassung in der Gemeinde eingeführt wurde, wählte man Hirsch, trotzdem seine Candidatur auf's lebhafteste bekämpft wurde, mit großer Majorität zum Gemeinderepräsentanten. In diesem Amte hat er lange Jahre durch seine Wirksamkeit für das Wohl der Gemeinde eine dominirende Stellung eingenommen. Unvergeßlich wird es allen seinen Zeitgenossen bleiben, wie er gegen die Einführung von Reformen im Gottesdienste mit größter Energie gekämpft hat. Als trotz seiner Protesterhebung bei der Regierungsbehörde diese Reformen in der Synagoge eingeführt wurden, hielt Hirsch es für seine Pflicht, durch Meldung des Besuches der Synagoge am Sabbat und Festtagen seinerseits die Rechtsungültigkeit dieser Neuerungen zu demonstriren. Hirsch erkannte aber zugleich mit scharfem Blick, daß, um weitergehende Reformen, die eine Trennung der Gemeinde herbeiführen mußten, zu verhindern, sein Verbleiben im Repräsentanten-Kollegium nothwendig sei. Als dann das Amt des zweiten Vorstehers der Synagogen-Gemeinde vakant geworden war, wurde Hirsch trotz abermaliger heftigster Bekämpfung seiner Candidatur zum zweiten Vorsteher der Gemeinde gewählt. Was er als solcher geleistet hat, wie er für das Wohl und das Anseben der Gemeinde bis zu seinem letzten Athemzuge gekämpft und gerungen hat, dürfte beispiellos in der Geschichte der jüdischen Gemeinden aller Länder sein. Wie allgemein seine großen Verdienste anerkannt wurden, ersah man am bxsten daraus, daß die Gemeinde es als Ehrenpflicht betrachtete, sofort nach seinem Ableben den ältesten Sohn, Dr. Raphael Hirsch, ein Mann, der ganz und voll in die Fußtapfen seines Vaters getreten ist, der einer der beschäftigsten Aerzte der Stadt Hannover, sich der allgemeinen Achtung, Liebe und Verehrung erfreute, in das Gemeinde-Kollegium zu berufen. Leider raffte der unerbittliche Tod diesen ausgezeichneten Mann kaum zehn Monate nach dem Ableben des Vaters in der Blüthe seiner Jahre, tief betrauert und beklagt von Allen, die ihn kannten, nach kurzem Krankenlager dahin. Vor wenigen Tagen hat der Klang des Namens Hirsch nochmals einen Widerhall in der Gemeinde ge^ funden, indem diese mit großer Majorität den jüngsten Sohn Hirsch's, Dr. Salomon Hirsch, ebenfalls ein allseitig geschätzter Arzt, mit vorzüglichen Geistesanlagen, zum Ehrenamte eines Repräsentanten erwählte. Die Chewrah Kadischah, die eine prächtige Mazärwoh zum Zeichen der unauslöschlichen Dankbarkeit für die Wirksamkeit Hirsch's aus seinem Grabe er-