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Der Israelit · 1900-12-27 · Heft 102-103 (27.12.1900) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 102-103 (27.12.1900)
Date
1900-12-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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2148 Aber auch für den „Israelit" scheint dieses Thema sonderbar. In diesen Blättern werden zumeist die großen welterlösenden Ideen des Judenthums erörtert, oder die akuten Tagessragen, insoweit dieselben das Judenthum berühren, mit sittlichem Ernst und Geschick behandelt, oder die falschen Anklagen unserer Gegner mit schlagender Ueberzeugung zurückgewiesen. Keines von alledem trisst aber bei unserem Thema zu. denn diese „Frage" der Zeit berührt das Judenthum in teiner Weise und selbst dem verlogensten Hetzer ist es nie im Traume eingefallen, uns des Lasters der Trunksucht zu zeihen. Im Gegentheil. der Alkoholismus ist ausschließlich ein Privilegium der „Arier," welche dasselbe bis zum Uebermaß für sich allein in Anspruch nehmen und so ist die Alkoholfrage zur „Arierfrage" geworden; dem Judenthum aber neidet man seine Nüchtern- und Besonnenheit. Und dennoch ist die Alkoholfrage wichtig genug, um vom Standpunkte unserer Lehre besprochen zu werden, denn dieselbe ist von höchster Bedeutung sür die „Gesundheitspflege." für die „wirthschaftliche" Wohlfahrt, wie überhaupt sür die „moralische" und „materielle Existenz" eines Volkes. Und weil das Judenthum in seinem Schristthum Stellung nimmt zu allen Fragen, welche das Wohl und Wehe der Menschheit betreffen, so zieht es consequenterweise auch die Alkoholsrage in den Bereich seiner Erörterung, welche >vir hier rrjz behandeln wollen. Es ist interessant, die ältesten Urkunden der Menschheitsgeschichte zu durchforschen und zu erfahren, wie sich das Buch der Bücher zu dieser „brennenden" Zeitfrage verhält. Bestimmte Vorschriften und Satzungen sind über den Alkoholgenuß in Bibel und T.almud nicht vorhanden. Daß er zuläsiig ist und in gewissem Maße sogar empfohlen wird, ist dem Geiste unseres Schriftthums nach von selbst verständlich, weil das Gottesgesetz Lebensfreudigkeit, erhebenden Genuß, Lust und Liebe zum Dasein von den Menschen fordert. Und in vielen Fällen bewirkt dies ein „mäßiger Alkoholgenuß." Denn er erregt angenehm die Nerven, ist zum Theile Nähr- und Genußmittel, erzeugt ein behaglich Gesübl, und vorzüglich der „Wein," der nur einen verhältnißmäßig geringen Alkoholgehalt besitzt, hat entschieden einen großen Nähr- und Genußwerth. Er steigert die Phantasie, belebt den Geist, erzeugt Behaglichkeit, Muth und Entschlossenheit und ist der Gesundheit zuträglich. Namentlich sür Schwache. Reconvalescenten und Greise ist er nothwendig und von großer Wohlthat nm; ff'ip't rsnr;s>' p und wirkt stärkend und kräftigend. Wie in allen Dingen aber Unmäßigkeit schädlich ist. wirkt der „unmäßige" Alkoholgenuß höchst verderblich. Er zerstört langsam und sicher die Gesundheit, läbmt die Körper- und Willenskraft, schwächt daS Denkvermögen, trübt den Verstand und hat Rausch, Ausschreitungen, Verbrechen, Geistesstörung und Selbstmord im Gefolge. Sollen wir erst schildern, welche Folgen die Trunk: sucht für Familien, Gemeinde. Volkswohlstand und Staat hat? Darum ist die Alkoholfrage von tief einschneidender Bedeutung sür die Gesellschaft und der Staat hat die Ausgabe, mit allen Mitteln die Trunksucht zu beschränken, möglichst einzudämmen und wirksam zu bekämpfen, durch Gesetze, gesellschaftliche Vereinigungen der Mäßigkeit und Enthaltsamkeit und durch Asyle. Das jüdische Schristthum hat wohl keine bestimmten Gesetze gegen den übermäßigen Alkoholgenuh ausgestellt, in zahlreichen eindringlichen Ermahnungen aber tvird dagegen gewarnt, mit einem Tone, der die verderblichen Folgen desselben zur Genüge kennzeichnet und wie ein scharfes Verbot klingt. Außerdem ist ja das Verbot der Mäßigkeit in dem Allgemeingebote „Und Ihr sollt heilig sein," enthalten. cn,im wo uns zur heiligen Pflicht gemacht wird, mäßig, enthaltsam und anständig zu sein. Und Maßhalten im Genuß geistiger Getränke ist ein Gebot des Anstandes, in welchem sich der sittliche Werth des Menschen erkennen läßt. lErubin pag. 65.) »'33 13'J 31« 3'121 'J3 Weiß doch jeder Kundige, welche Rolle die Regeln des Anstandes, des gesellschaftlich Zulässigen, des Derech-Erez in unserem Schristthum spielen, so daß denselben ein besonderer Traktat im Talmud ' eingeräumt wurde ( px pn re cg ), und für den gläubigen Juden gilt das bekannte Wort unserer Weisen: ib nGHn jgi ny-GH fo pmn „Halte dich fern von allem Häßlichen und Unanständigen und von allem, was dem gleicht," auch wenn es nicht ausdrücklich verboten ist. Die Mäßigkeit im Alkoholgenusse ist aber auch ein Gebot der Vernunft und Selbsterhaltung, und in diesem Sinne lauten die meisten betreffenden Stellen in Bibel und Talmud. Wo die Mäßigkeit in dieser Beziehung aufhört und wo das llebermaß anfängt, läßt sich überhaupt durch ein religiöses Gesetz nicht genau bestimmen; das ist ganz individuell, denn was dem Einen zum Vortheil ist, ist oft dem Andern nachtheilig. Auch kommt hier die Jahreszeit in Betracht, weil der Alkohol im heißen Sommer von ganz anderer Wirkung ist, als in kalter Winterszeit. Ferner muß auch der Breitegrad und die Weltgegend berücksichtigt werden, weil da das „Klima" von großem Einfluß ist. Deßhalb finden sich in Bibel und Talmud keine Trinkgesetze. Nach Montesquieu findet sich z. B. die Neigung zum Trünke in stärkerem Maße in solchen Gegenden vor, wo das Klima kälter und feuchter Art ist. (Geist der Gesetze.) Reist man z. B. vom Aequator nach unserem Pol, so nimmt die Trunksucht mit dem Grade der Breite zu. Umgekehrt findet man es, wenn man nach dem entgegengesetzten Pol reist. Zum Beweis davon

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