Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 101 (20.12.1900)
- Date
- 1900-12-20
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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2133 schwer, wenn nicht geradezu unmöglich ist, dem jüdischen Unterrichte einen größeren Umfang einzuräumen. Zunächst verlangt die gründliche Behandlung der in Betracht kommenden Fächer die ihnen zugewiesene Stundenzahl, und der Staat, dessen Aufsicht doch alle diese Anstalten unterstellt sind, verleiht diesem Verlangen den nöthigen Nachdruck. Wäre dies aber aud) nicht der Fall, käme der Engel Gabriel und lehrte in einer Nacht die Schüler dieser Schulen alle Sprachen, so würden sich doch noch viele Eltern dagegen sträuben, daß die so freigewordene Zeit dem Thora-Unterricht zu Gute käme. In einer Nacht siebenzig Sprachen zu erlernen, ließen sie sich vielleicht gefallen, aber bei Tag einige Stunden mehr dem Thora-Unterrichte zuzuwenden, dünkte ihnen eine folgenschwere Ueberbürdung ihrer Kinder. Wie ich eifrig darauf bedacht bin, daß mein Kind nicht auf Kosten der Thora seine nothwendige Bildung sich aneigne, so wachen sie eifersüchtig über das Gegentheil. Mit allen diesen Faktoren muß eine solche Schule rechnen, und ich finde es begreiflich und verzeihlich, wenn angesichts dieser Hindernisse das vorgesteckte Ziel nicht erreicht wird. Aber was ich nicht gerechtfertigt finde, ist, daß man die Leistungen dieser Schulen als das Produkt ebenbürtiger Behandlung von Thora und pH -pn ausgibt. Das ist aber ganz sicher nicht der Fall. Vielleicht ist die Möglichkeit ausgeschlossen, unter den angedeuteten Schwierigkeiten Ersprießliches zu leisten. Aber dann müßte man dies offen heraussagen, damit Niemand im Vertrauen auf die Devise naSr nr px pn üv .-11171 sein Kind einer Schule übergibt, die wohl zutreffender das Motto iirrbri dp px -pn nc' mir führt. Das Maß dessen, was an mir nivbr in diesen Schulen erreicht wird, erreicht werden kann, will ich hier nichtzur Besprechung herausgreisen. Aber das, was ich für die Erziehung meiner Kinder als nothwendig erachte, bieten sie nicht, können sie nicht bieten, und meine schwerste Sorge würde durch die Benützung dieser Schulen nur wenig von ihrer Schwere verlieren. Ich stehe daher noch immer vor der Frage: Wohin kann ich in Deutschland meine Kinder schicken, um sie mirn am by zu erziehen? Bei der bisherigen Erfolglosigkeit dieses Suchens habe ich die Hoffnung auf eine Schule, in der sie auch gleichzeitig ihre soziale Ausbildung erhalten können, längst aufgegeben. Aber auch eine solche richtige mir i'vbr Schule ist mir in Deutschland nicht bekannt, in der Kinder soweit herangebildet werden, daß sie ein Blatt xie; allein „lernen" können. Ich habe diese meine schwerste Sorge hier in Worte gekleidet. Wenn es wahr sein sollte, daß es in ganz Deutschland keine einzige Gemeinde gibt, in welcher von Gemeindewegen dafür gesorgt ist, daß Kinder Thora in der bewährten, alten Väterweise „lernen" können, so ist das für die Zukunft der gesammten deutschen Judenheit eine so eminente Gefahr, daß alle Gutgesinnten zusammentreten müßten, um hier Wandel zu schaffen. Möge diese Anregung Gleichgesinnte veranlassen, sich in diesen Blättern über diesen Gegenstand auszusprechen, damit aus den Worten gottessürchtiger Männer dann mit Gottes Hülse die That erblühe, welche diesem himmelschreienden mmn \12by mit Erfolg entgegen tritt! Anmerkung der Redaktion. Die Sorgen unseres geschätzten Herrn Mitarbeiters sind nicht unbegründet; doch er schildert allzu schwarz. Ein Blatt Gemoro selbstständig lernen zu können, soweit bringen es viele Knaben in den hervorragendsten unserer jüd. Realschulen. Gar mancher Knabe freilich xn an ie ixb hat nicht Begabung genug, um sich nennenswerthe talmudische Kenntnisse zu erwerben. Nach den mangelhaften Leistungen solcher schwachen Schüler werden allzu oft treffliche Schulen ungünstig beurtheilt. Unser Hochziel in der Erziehung zur jüdischen Wissenschaft ist jedoch mit der Fähigkeit zum selbstständigen oberflächlichen Erfassen eines Talmudstückes nicht erreicht. Wir wollen, daß unsere Kinder beim Eintritt in's praktische Leben einen reichen Schatz talmudischer Kenntnisse ihr eigen nennen, und daß sie diesen Schatz selbstverständlich vermehren und mit geschulter Geisteskraft verwerthen können. Dieses Ziel freilich erreichen auch unsere besten Schüler heute noch nicht. Die unerläßliche Beschäftigung mit den Disziplinen des px pn, wie das jugendliche Alter der Candidaten des Einjährigen Zeugnisses, lassen die Erreichung dieses Zieles nicht zu. Doch es giebt Mittel und Wege, um unsere Schulkinder auch diesem Hochziel entgegen zu führen. Wie wir hören, plant die Leitung der Realschule der Israel. Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. ihren Abiturienten einen ein- oder zweijährigen Handelskursus einzurichten, bei welchem vor Allem darauf gesehen werden soll, daß ein sehr großer Theil der Unterrichtszeit für den Religionsunterricht in seiner reichsten und schönsten Form übrig bleibt. Damit ist eine Lösung des von.unserem Herrn Mitarbeiter gestellten Problems gegeben. Was die Schule, hinsichtlich des Talmudunterrichts, vor Erreichung der unabweisbaren Ziele moderner Bildung nicht leisten kann, das muß sie nachher zu leisten suchen. Eltern, die es ernst mit dem Judenthum meinen, werden es um der Thorakenntniß ihrer Kinder willen gern sehen, daß dieselben wenige Jahre später, jedoch allseitig gut ausgerüstet, zum praktischen Leben übergehen.