Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 101 (20.12.1900)
- Date
- 1900-12-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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2119 die Macht seiner Persönlichkeit, den Kampf gegen die anstürmenden Gewalten des Materialismus und der Irreligiosität, die das Leben in den jüdischen Gemeinden bedrohten, siegreich bestehen konnte. Die Wahl fiel auf Herrn Doktor Münz. Derselbe, ein b& |-, ein Enkel des fcr und des rpwj? und Urenkel des jvn 1*2*1, hatte sich bereits in seiner Wirksamkeit als Wadowitzer Kreisrabbiner einen ausgezeichneten Ruf erworben. Noch beute erzählt man dort in allen Schichten der Bevölkerung in Liebe und Verehrung von dem „alten Oswierinaer Rabbiner Dr. Münz" und stellt ihn als das neidlos anerkannte Musterbild aufrichtiger Frömmigkeit, lieser Gelehrsamkeit und beispielloser Uneigenniihigleit hin. Im Vollbewußtsein der hohen Aufgaben, die seiner in Kempen harrten, betrat Herr Doktor Münz sein neues Arbeitsfeld. Es galt, die angestammten Ideale und Heiligtbümer Israels in die neuere Zeit lin de siöcle hineinzutragen, bei dem alten Geschlechte das religiöse Leben zu befestigen und bei der Heranwachsenden jüngeren Generation, die den irreligiösen Zeitströmungen am meisten ausgesetzt war, den religiösen Geist in's Herz zu pflanzen und ihn dauernd zu erhalten. Herr Dr. Münz hat in den 25 Jahren seiner Amtsführung diese Aufgabe wie ein Held gelöst. Worin bestand das Geheimniß seiner Wirksamkeit und seines Erfolges? In dem unmittelbaren, intuitiven, lebendigen Bewußtsein von der Göttlichkeit des Judenthums, in seiner felsenfesten unerschütterlichen Neberzeugung, daß der Mensch für jeden Athemzug, den er thut, Gott dem Herrn danken muffe, daß der Mensch sich glücklich zu preisen habe, daß es ihm vergönnt und beschieden sei, Gott den Herrn anbeten zu dürfen, und daß der Israelit nur in der treuen Befolgung seiner angestammten Religion sein höchstes Glück und Heil hier und dort erlangen könne. Bon diesen Gesichtspunkten geleitet, die in ihm zu lebendig wirkenden, das Innerste erschütternden Mächten wurden, kannte er nur ein „einziges Ziel" und eine „einzige Ausgabe": der „Ehre Gottes" und der „Ehre des Judenthums" seine Kraft zu weihen! Die großartige Fülle seines Wissens, die unergründliche Tiefe seines Herzens, sein Denken und sein Fühlen, sein Wollen und sein Können, stellte er in den Dienst dieser einen erhabenen Idee. Es war ein treuer Arbeiter, der unbekümmert um Sturm oder Sonnenschein, beharrlich und unentwegt die tiefen Furchen auf seinem Arbeitsfelde zog, aus! denen eine heilige Saat entsprossen ist. Wer so arbeitet, dessen Arbeit muß von Erfolg gekrönt sein. Wenn ein Israelit aus der Fremde jetzt nach Kempen kommt und daselbst über Sabbat weilt, dann ist er freudig erstaunt über die Sabbatruhe und den Sabbatsrieden, der in der jüdischen Gemeinde herrscht. Während draußen in vielen anderen Städten die ungestillte Erwerbssuchi auch am Sabbat weiter hastet, ruht in Kempen am Sabbat der Kampf des Daseins, und die jüdische Gemeinde findet in Gottesdienst und in frommer Beschaulichkeit ein schönres und glücklicheres Loos. Wie ist diese Erscheinung zu erklären, wird man fragen. Ist nicht der Zeitgeist allmächtig, und ist er nicht in vielen Gemeinden über den Sabbat hinweggegangen? Kann ein Mensch das sausende Rad des Zeitgeistes aufhalten? Ja. Wenn sich ein Mann findet, der von religiös-sittlichem Geiste erfüllt, seinen Körper den Wogen des Zeitgeistes entgegenwirft und unbekümmert um sein eigenes Wohl,, das fliegende Rad. das oft falsche Wege und Richtungen einschlägt, mit Macht zurückschleudert, dann überwindet eben ein einziger Mann diesen irregeleiteten Zeitgeist, wenn sich derselbe gegen Religion und Sittlichkeit wendet. So ist es gekommen, daß die jüdische Gemeinde Kempen von den Thorheiten des Zeitgeistes, dem andere Gemeinden blindlings folgten, verschont geblieben ist und nach hoher Väter Art den Sinn für altjüdische Frömmigkeit sich gewahrt hat. Und dies ist ihr höchster Ruhmestitel an ihrem und ihres Rabbiners Ehrentage. Zu dieser ncsgehenden, nachhaltigen, praktischen Wirksamkeit gesellt sich bei Herrn Dr. Münz eine litterarische Tbätisfteil, die in mehreren gediegenen Schriften zum Ausdruck kam. Bon seinen Werken heben wir hervor: Die modernen Anklagen gegen das Judenthnin als falsch nachgewiesen. Frankfurt a. M., Kauffmann; Drei Reden politischer Tendenz. 2. Auflage. Berlin, Driesner; Religiöse Zeitfragen. 2. Auslage. Berlin, Driesner; Rabbi Eleasar, genannt Schemen R 0 k e a ch. Eine Lebensbeschreibung, zugleich eine Einführung in den Gedanlengang und die Lehrmethode des rabbinischen Schristthums. Trier, Meyer. — Jede dieser Schriften ist von der Kritik als ein Meisterwerk in seiner Art, gleich ausgezeichnet durch Formschönheit, Gedankenfülle und logische Schärfe, anerkannt worden. Ein größeres hebräisches Werl über mctr, sowie ein groß angelegter Commentar über die Sprüche der Väter befindet sich unter der Feder des Jubilars. So lebt und wirkt Herr Dr. Münz als ein festgesürster Charakter, als ein Mann von harmonischer, religiös durchleuchteter Weltanschauung, als Friedens-! Priester in des Wortes schönster Bedeutung in seiner Gemeinde Kempen. Ihm zur Seite stand ein edles Weib, ein ntrx b'n, die sein Haus zum Heiligthume machte und die Kinder, mit denen sie ihn, den zärtlichen Vater, beschenkt hatte, zu überzeugungstreuen Israeliten erziehen half. Im Jahre 1866 ist die reine Seele dieser unvergleichlichen Frau in die Ewigkeit eingezogen. Ihr Name lebt zum Segen fort.