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Der Israelit · 1900-12-20 · Heft 101 (20.12.1900) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 101 (20.12.1900)
Date
1900-12-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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schrocken als „Centralorgan des orthodoxen Judenthums" bezeichnet^ mit Hohn und Spott begrüßt. Die Presse des religiösen Abfalles überschüttete das junge! Organ und seinen jugendlichen Herausgeber Woche für : Woche mit einer Flutb von Beschimpfungen, Verdächtigungen und Verleumdungen. Aber der begeisterte Wortführer, der muthige Kämpfer für Gottes heilige; Sache parirte alle Streiche der Gegner mit solcher Hingebung und Ausdauer, mit solcher Schlagfertigkeit und Tapferkeit, daß im Laufe der Jahre der Spott und ' Hohn der Gegner sich in Achtung und Furcht verwan-! delte. Die Festigkeit und Selbstlosigkeit des muthvollen : Kämpfers und seiner treuen Mitarbeiter rangen dem! Leichtsinne und Uebermuth der Gegner eine Anerken-! nung nach der anderen ab.! Es mar dem Begründer des „Israelit" noch ver- ' gönnt, den Sieg zu erleben, mit dem Gott seine heißen Kämpfe gesegnet hat. Das Reformjudenthum ist von; der Bildfläche verschwunden, es existirt nicht einmal > mehr dem Namen nach. Seine eigenen Gevattern und j Taufvathen verleugnen es. Wohl gibt es leider noch! Juden in Hülle und Fülle, welche sich losgesagt haben! von Gott und Seinem heiligen Gesetze. Aber das Re-! formjudenthum hält nicht einmal mehr als Feigenblatt , vor, als das es in jener Zeit galt, in welchen es noch in den Kinderschuhen steckte. | Heute hat das Judenthum eine andere, vielleicht > noch größere Gefahr zu bestehen, und diese Gefahr ist seine Jnterconfessionalität. Dem geehrten Leser wird dieser Ausdruck im ersten Augenblick paradox erscheinen. Kann es innerhalb einer Konfession eine Jnterconfessionalirät geben? In allen anderen Religionen nicht, in unserem modernen Judenthum leider ja. Kein katholischer, evangelischer, islamitischer oder budhistischer; Verein würde die Aufnahme von Mitgliedern für zu- > lässig erachten, wenn diese nicht in erster Linie bereit! wären, mit ganzer Kraft und ganzer Seele für ihr Bej kenntnih einzutreten. Warme Begeisterung für die l Heilslehren der Religion, Glauben, tiefinnige Frömmigkeit, das sind meistens die Vorbedingungen, von! denen die Gemeinschaften Andersgläubiger den Eintritt in ihre enggeschlossenen Reihen abhängig machen; dem I Judenthum der Neuzeit war es Vorbehalten, allenthal- > ben jüdische Vereine mit Hintansetzung des Judenthums zu bilden. Da ist zunächst die jüdische Loge U. O. B. B. Man wird uns gewiß nicht nachsagen können, daß wir das Gute, das diese Vereinigung bewirkt, nicht stets voll anerkannt haben, aber ein Grundsatz ist es bei ihr, daß religiöse Discufsionen ausgeschlossen sind. Dem Gottesleugner und dem Manne, der seine Kinder dem Glauben der Väter abwendig gemacht hat, begegnet man mit derselben Hochachtung und Freundschaft, wie dem allerorthodoxesten Rabbi. Die strengere oder lässigere Ausübung der jüdischen Gesetze, ob man die Göttlichkeit der Thora anerkennt oder nicht, das spielt keine Rolle mehr. Wir fragen, wo soll das Judenthum hinkommen bei solchen Grundsätzen, liegt denn sein ganzes Wesen darin, daß man den sinkenden Bruder unterstützt, die Kranken pflegt und Geselligkeit fördert? Thun das nicht andere Confessionen in gleichem Maße? Jeden nach seiner Facon selig werden zu lassen, ist ein herrliches Wort, erfunden und angewandt zu dem Zwecke, die Anhänger verschiedener Religionen in einen« großen Staate friedlich nebeneinander wohnen zu lassen, aber innerhalb ein und derselben Konfession zum Grundsatz erhoben, wird es zur Farce, die nothwendig zur Untergrabung und Auflösung ihrer eigensten Individualität führen muß. Da gibt es Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur, auch ihr Zweck ist ein edler und selbstloser; die Mitglieder sollen die große Vergangenheit ihres Volkes und die Werke ihrer Dichter und Denker kennen lernen; aber heute spricht ein frommer, morgen ein liberaler Redner und übermorgen vielleicht gar ein nichtjüdischer Professor, der mit einem ungeheuer gelehrten Apparat zu beweisen sucht, daß die verschiedenen Bücher und Kapitel unserer heiligen Thora von verschiedenen Menschen zu verschiedenen Zeiten geschrieben sind; man ist eben duldsam, man will es mit keiner Richtung verderben. Wir aber fragen: Im ken ono ani woh? Was wird im Laufe der Zeit aus dem Judenthum werden, was ist bereits aus ihm durch solche Duldsamkeit geworden? Da schießen sogenannte jüdische Zeitungen wie Pilze aus der Erde. Auf der ersten Seite bringen sie einen herrlichen Leitartikel zu Chanuka, Purim oder Peßach. Wir erfahren darin, wie nur die Treue gegen das jüdische Gesetz uns die Jahrtausende hindurch erhalten hat und wie wir unsere Kinder zu Thora und Mizwoth anfeuern und erziehen sollen. Sehr schön, aber schon auf der zweiten Seite wird irgend ein Renegat verherrlicht, der, nachdem er vom Judenthum abgefallen war, ein berühmter Staatsmann oder Musiker geworden; was fallen da unsere Kinder denken, wenn sie das lesen? Der Kampf zwischen den beiden „Richtungen," sagen die Herren Redakteure, hat die Judenheit gespalten, wir aber wollen Einigkeit — um jeden Preis. Ob das Judenthum dabei in die Brüche geht, darnach fragen sie nicht. Auch der Zionismus und Nationalismus hat die Devise: „Religion ist Nebensache," auf seine Fahne geschrieben, und deshalb können auch ihm wirkliche Juden nicht angehören. Mögen dessen Ziele noch so erstrebenswerth sein, ohne den wahren und einzigen Träger aller jüdischer Nationalität, den Glauben an Gott und sein Gesetz, wird auch die neue Bewegung, wie ihre Vorgängerinnen, im Sande verlaufen. Es ist ein Jrrthum, oft absichtlich und oft aus unlauteren Zwecken genährt und verbreitet, daß die deutsche Orthodoxie eine Feindin der Logen, der Litte-

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