Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 100 (17.12.1900)
- Date
- 1900-12-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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.. . ' " ' ni 2108 in den Mittelpunkt seines Lehrplanes stellen und zu diesem den sehr beschnittenen systematischen Religionsunterricht nebenbezw. unterordnen. Vielleicht hat schon so mancher Kollege seit den stattgehabten Konferenzen eine kleine Probe nach dieser Richtung angestellt. Ueber solchen Versuchen schwebte jedoch wie ein Damoklesschwert mehr oder weniger die Macht der bisherigen Gepflogenheit, die zähe Anhänglichkeit an eine durch viele Jahrzehnte festgewurzelte Lehrweise, und nicht in letzter Linie die bindende Rücksichtsnahme auf Vorgesetzte Schulbehörde geistlichen und weltlichen Standes, deren altgewohnte Forderungen ein neues, freies Streben in Fesseln schlagen. Und doch involvirt die neue oder vielmehr die alte Anschauung nichts anderes, als einen erweiterten und vertieften Uebersetzungsunterricht! Ein Experiment hiermit ist also weder grundstürzend, noch gefährlich, weder zwecklos, noch beschwerlich. Den Versuch denke ich mir so: Um Einseitigkeit zu vermeiden, ist die Probe zu machen sowohl in der Religionswie in der Elementarschule, in der Stadt wie auf dem Lande, bei einer wie bei mehreren Lehrkräften, in größeren und kleineren Schulen. Eine Zeit von zwei höchstens drei Jahren müßte vollauf ein klares Bild geben, ja mitunter dürste ein Jahr genügen, um die Früchte deutlich erkennen zu lassen. Ueber Stosfauswahl und Vertheilung, insbesondere aber über das Uebersetzen an sich, ein anderes Mal. Dabei werde ich wohl Gelegenheit finden, aus die Ausführungen des Herrn Rabbiner Dr. Fink in diesem geschätzten Blatte bezugnehmend zurückkommen. Heute sollten hier nur die Grundlinien gezeichnet werden, auf benen die bon so großen ®efid)t§puntten ausgegangenen Konferenzen des Jahres 1900 weiter zu bauen haben. Schon grüßt uns ein neues Vereinsjahr. An seiner Pforte soll frühzeitig genug hingewiescn sein auf das jetzt zunächst liegende Arbeitsfeld. Vielleicht öffnet die verehrliche Redaktion dieses Blattes freundlich ihre Spalten dem weiteren Meinungsaustausch über eine Sache, an der wahrlich nicht nur der Lehrer- und Rabbinerstand, sondern alle jüdisch denkenden und jüdisch fühlenden Kreise ein begreifliches Interesse haben. (Mit Vergnügen! Redaktion des „Jsraelit.'Z Die jüdischen Schulen und Lehrer wie sie sein sollen. Mit tiefer Vetrübniß muß das für misj?: m:n warm fühlende Herz eines jeden gesetzestreuen Jehudi erfüllt werden bei den traurigen Wahrnehmungen des allgemein um sich greifenden Glaubensindifferentismus, welcher uns nicht nur in den großen, verkehrsreichen Städten, sondern in Aergerniß erregender Weise auch schon in den Dörfern des flachen Landes augenfällig entgegentritt. Auch da sehen wir leider die heiligen Sabbat- und Festtage zu gewöhnlichen Werk- und Arbeitstagen herabgewürdigt; nicht nur in den prunkhaft ausgestatteten Geschäftsläden jüdischer Großstädter, auch in den kleinen Krämerbuden und Greislereien jüdischer Dorfbewohner wird skrupellos der Sabbat öffentlich entweiht; nicht nur in den comfortabel eingerichteten Hotels der Residenz- und Großstädte, und nicht nur in den fashionablen Restaurants der Badecurorte, auch in der primitiven Dorfschänke auf dem flachen Lande werden die jüdischen Speisegesetze negirt; im Hause und in der Familie die heiligsten Glaubenssatzungen, wie Zizis und Tephilin, ignorirt, und kann mithin von einer Pflege und Beobachtung der in unserer schriftlichen und mündlichen Lehre codificirten Satzungen und Vorschriften mit wenigen Ausnahmen kaum mehr die Rede sein. Es hat sich in unserer dem Realismus huldigenden Zeit allenthalben der verderbliche Jrrthum verbreitet, daß die treue Anhänglichkeit an Gott und sein Wort — Orthodoxie, hingegen die Mißachtung der erhabenen Diktate unserer heiligen Thora — Fortschritt, Indolenz gegen jüdisches Wissen — Aufklärung und das leichtfertige Niederreißen der altehrwürdigen Heiligtümer des gesetzestreuen Judenthums — Reform bedeute! Unter solch' corrumpirendem Vorbilde wachsen unsere Kinder — das kommende Geschlecht — irreligiös heran. Wie kann, angesichts solch trister Auspicien, eine Bessergestaltung unserer religiösen Zustände in absehbarer Zeit erhofft werden? Und doch ist eine Sanirung dieser traurigen Verhältnisse möglich, wenn es nur recht verstanden und rasch ergriffen wird. Man muß zuvörderst dem Ursprünge des Uebels nachspüren, um eine radicale Gesundung herbeifllhren zu können. Wenn nun das geschieht, wird sich uns als Ergebniß der Krankheitsuntersuchung die Ueberzeugung aufdrängen, daß eine der wirksamsten Ursachen der bedauerlichen religiösen Zustände unserer Zeit in dem Grundübel liegt, daß unsere Kinder einen durchaus ungenügenden, höchst mangelhaften, fast gar keinen hebräischen und Religionsunterricht erhalten. Es ist eine unleugbare Thatsache, daß mit der Einführung und Durchführung der Neuschule der jüdisch-fromme Geist aus den jüdischen Gemeinden allmählich und heute in vielen Gegenden fast schon gänz-