Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 100 (17.12.1900)
- Date
- 1900-12-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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»097 Der stand mit abgewendetem Gesichte, die Hand, zur Faust geballt, auf dem Tische ruhend, ganz starr und unbeweglich da. Wie lange er in dieser Stellung verharrte, er selber hätte es nicht zu sagen vermocht. Sein Ideal lag zertrümmert vor seinen Füßen. Keine Minute kam ihm der Gedanke, daß er dennoch zu hart gewesen, daß dies aufgeregte, eben aus tiefer Ohnmacht erwachte Mädchen vielleicht gar nicht daran gedacht hatte, daß ihn diese Worte so tief verletzen würden; Worte, welche sie irgendwo in einem Buche aufgelesen, dessen wahre Bedeutung sie vielleicht nicht einmal verstanden hatte. Keine Minute kam ihm der Gedanke, sich selbst als den eigentlich Schuldigen anzusehen, denn er hätte sich zugestehen müssen, daß es fremdes Gut gewesen, das er sich da angeeignet hatte, wenn auch die Art und Weise, wie es geschah, so manche Entschuldigung auskommen ließ. Tödtlicher Haß blitzte aus seinen Augen und der feste Entschluß, daß es aus sei zwischen ihm und ihr. fünftes Kapitel. Rosa war in höchster Aufregung in's Wohnzimmer gestürzt, wo ste ihre Freundin Anna mit einer Handarbeit beschäftigt antras. Schluchzend fiel sie dieser um den Hals: ,.O, Anna, Du Gute! Rathe, hilf mir! Ich habe ihn tödtlich beleidigt, er haßt und verachtet mich, und ich liebe ihn so sehr!" Anna brauchte nicht erst zu fragen, von wem die erregte Freundin eigentlich spreche, sie wußte dies ohnehin, der letzte Satz batte es ihr verrathen; vielmehr war ihr daran gelegen, den ganzen Sachverhalt zu erfahren. Nur mühsam und von häufigem Schluchzen unterbrochen, erzählte Rosa den ganzen Vorfall. Sie verschwieg nichts, nicht einmal das, daß glühende Eifersucht auf die bevorzugte Nebenbuhlerin sie fast der Sinne beraubt hatte, und ste eigentlich nicht wußte, was sie gesprochen, welche Bedeutung in diesen wenigen hingeworsenen Worten lag. „Wie unbesonnen," zürnte Anna, „wie konntest Du Dich nur so weit vergessen?" „Der Anblick des Bildes dieser wundervollen Frauengestalt hat mich alles vergessen gemacht, Anstand, Sitte, ja die nothwendige Vorsicht!" „Und Karl," fiel die Freundin ein, „was erfuhrst Du über ihn?" „Nichts, ich hatte ihn ja gerade unterbrochen, als er zu erzählen begann." „Jetzt soll die Freundin den verfahrenen Karren berausziehen, meinst Du. Dazu ist des Rabbiners Annel gut, wie immer." setzte sie bitter hinzu. „Doch getrost," fuhr sie fort, die Wangen des erregten Mädchens streichelnd, „nicht umsonst sollst Du mich gebeten haben, ich hoffe, auch dies zu Stande zu bringen." Die halbe Nacht verbrachten die beiden Mädchen in eifrigem Gespräche schlaflos zu, und der erzürnte Doktor war alleiniger Gegenstand dieser Mädchengespräche sowohl, als der Träume, welche in der zweiten Nachthälfte die schlafenden holden Kinder umgaukelten. Glückliches Vorrecht der Jugend! Sie konnten schlafen, nachdem sie in der Heldenbrust des jungen Doktors solch* furchtbaren Sturm heraufbeschworen. Er selber konnte in dieser Nacht nicht schlafen! Haß und unbefriedigte Nachsucht wühlten sein Inneres auf. Dabei sühlter er in seinem Herzen solches Weh, als wäre ihm etwas Heiliges, über alles Theure von freventlicher Hand entrissen worden. Es fiel ihm nicht einmal ein, sein Lager auszusuchen, sondern er verbrachte die Nacht beim Tische sitzend, vor sich ein aufgeschlagens Buch, in dem er aber sicherlich keine zehn Seiten gelesen hatte. Hie und da nahm er das Bild Deboras, welches er in der letzten Zeit oft tagelang nicht beachtet hatte, zur Hand, zärtliche Worte an dasselbe richtend. „O, Du theure, holde Dora! Vergib dem Wankelmütigen das schwere Unrecht, das er gegen Dich begangen! Um Weniges hätte ich Dich, diese kostbare Perle, weggeworfen, um diesen falschen Edelstein aus böhmischem Glase an Deine Stelle zu setzen. Rechtzeitig sind mir die Augen geöffnet worden, und nun soll jeder Wunsch, jeder Gedanke nur Dir gelten, Dir, meiner einzigen, unvergleichlichen Dora!" Gegen Morgen suchte der Doktor dennoch sein Lager auf, weniger aus Ermüdung oder Bedürfniß, als aus Trotz und falschem Schamgefühl. Er wollte verhindern, daß die aufräumende Magd, die alte Barka, es ihrer Gebieterin verrathe, daß er die ganze Nacht schlaflos verbracht hatte. Er gönnte dieser Schlange keinen solchen Triumpf. Das Frühstück ließ er sich auf sein Zimmer bringen, statt es, wie gewöhnlich, in Gemeinschaft der beiden jungen Mädchen im Speisezimmer einzunehmen. Wie erstaunte er, als statt der derben Barka ein mit einem zierlichen weißen Latzschürtzchen angethanes schlankes Mädchen, das Kaffebrett in Händen tragend, in's Zimmer trat. Im ersten Moment glaubte er, es wäre seine Beleidigerin, und wollte schon mit stolzer Miene das Dargebotene zurückweisen. Doch nein, es war die ihm so sympathische Anna, welche ihm den duftenden und nach der schlaflosen Nacht doppelt willkommenen Morgenkaffe gebracht hatte. „Guten Morgen, Herr Doktor!" rief sie heiter, „wie haben Sie geruht? Gewiß besser, wie meine arme Rosa, welche die ganze Nacht hindurch geweint und geschluchzt hat, daß es zum Erbarmen war." Goldenkron fuhr entrüstet in die Höhe. „Nichts von ihr, kein Wort, nennen Sie ihren Namen nicht, ich mag nichts von ihr wissen!" „Also nicht," sagte trocken die Schwätzerin mit einer fast komisch wirkenden Ruhe. Ohne abzuwarten, bis sie zum Bleiben aufgefordert werde, ging sie im Zimmer umher, sich neugierig Alles besehend. Sie