Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 96 (3.12.1900)
- Date
- 1900-12-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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2009' nehmen, aber da er keine Fähigkeit positiver Gedankenschöpfung besitzt, nahm er von alledem, was er im Parlament vorsand, das, was seiner Instruktion und den Neigungen seiner Parteigenossen am meisten entsprach und was keiner großen Anstrengung bedarf, und noch dazu unerschöpflich ist, nämlich den Antisemitismus. Dadurch hatte er noch den Vortheil, daß er von den Jesuiten und vom Hochaltar nicht mehr mit solcher Vehemenz wie vorher bekämpft wurde, 'da diese in ihm in gewissem Sinne einen willkommenen Bundesgenossen erblicken mußten. Jetzt ist die Stojalowski-Partei ausgesprochen antisemitisch. Wie wir sehen, bietet das Gros der galizischen Parteien, eine jede in ihrer Art, ein genügendes Quantum Antisemitismus feil, so daß man meinen könnte, es sei kein Raum für eine besondere Absatzstelle dieses Handelsartikels, in dem man sonst solche glänzende Geschäfte macht. Aber dem ist nicht so. Es gibt einige Parteien und Parteischattirungen, welche den Antisemitismus pur sang repräsentiren. Hierher gehört der Bauernbund, dessen Vertreter im Polenklub saß, der zu den Figuren gehörte, die nur in Galizien möglich sind. Kaum des Schreibens und des Lesens kundig, spielt er im Reichsrath die Rolle eines Hausknechtes des Polenklubs, dessen man sich in den Tagen der Obstruktion bediente, um die Gegner zu „verhäminern," aber er zeichnet sich sonst auch durch beharrliches Schweigen aus, ja, er ist nicht einmal im Stande, den deutsch-gesührten Debatten zu folgen. Innerhalb des Polenklubs aber ist er die rechte Hand des Erzantisemiten Kozlowski. Wenn er sich um die Neuwahl bewirbt, reicht er das stenographische Protokoll, welches für seine Wähler ein Buch mit sieben Siegeln ist, in den Versammlungen herum, und versichert, es stehe hier geschrieben, daß er die meisten Anträge gestellt habe, welche sich auf das Gemeinwohl bezögen, das ja nichts anderes, als das Wohl der Bauern sein kann. Wenn diese Anträge nicht durchgegangen sind, und die Bauern noch immer im Elende schmachten, so sind daran nur die — Juden schuld. Die Bauern blicken in das dickleibige Buch, schütteln die Köpfe und sind überzeugt. Eine besonders gefährliche antisemitische Partei bildet die unter der Patronanz der Jesuiten stehende christlich-nationale Partei, die durch mehrere Nüancen mit der sog. christlich-volklichen Partei verbunden ist. Diese drei Parteien vertreten die Ansicht, daß alles Uebel von den Juden komme. In der Frage, wie man nun diese „Wurzel aller Uebel" ausrotten könnte, geheii sie ailseinander, doch, daß man die Juden, so oder so, ausrotten müsse, darüber herrscht wieder volle Uebereinstimmung. Das ist das bunte Bild des Parteigetriebes in Galizien; — wohlgemerkt nur des polnischen Parteigetriebes. Die Hälfte der Bevölkerung machen die Ruthenen aus, die auch ihre Parteien und ihre politischen Kämpfe haben. Wie sollen. wie >o e r d e n sich die Juden diesein wilden Gewoge gegenüber verhalten? Zur Erläuterung dieser Frage gehört ein Rückblick auf die verflossene Epoche. Doch davon bei anderer Gelegenheit. Zettvrrgsirachrichte« und Eorrespoirdenze«. Deutschland. Ltnttgart, im Nov. Der Ministerpräsident und Minister der Auswärtigen und Verkehrsangelegenheiten für Württemberg, Freih. Dr. v. M i t t n a ch t. der wie bekannt dieser Tage aus Gesundheitsrücksichten aus dem Staatsdienste mit außerordentlichen Gnaden seines Souveräns getreten ist, hat auch bei den israelitischen Staatsbürgern Württembergs sich stets der größten Sympathien und der höchsten Verehrung zu erfreuen gehabt. Freiherr v. Mittnacht, von Hause aus katholisch und konservativ, hat sich als gerechter, konstitutioneller Minister erwiesen und sich in den schwierigsten Lagen des Ländchens als gewissenhafter, streng ehrlicher Staatsmann bewährt, der seit 30 Jahren der Politik Württembergs den Stempel seines Geistes aufgedrückt hat. Ihm ist es auch zu danken, daß Württemberg von den trüben und traurigen Erscheinungen jenes Rassen- und Glaubenshasses, dessen man sich jetzt anderswo zu schämen beginnt, im Großen und Ganzen verschont geblieben ist. Hier ist, offenbar unter dem Einflüsse des Ministerpräsidenten, die Antisemiterei nicht in dem Grade zur Entfaltung gelangt, wie anderswo. Freiherr von Mittnacht war gerecht und klug genug, sein Land vor solchen Dingen zu bewahren. Auch wir theilen den Wunsch, daß der greise Staatsmann noch ein langes otium cum dignitate genieße. O e st e r r. - U n g. Monarchie. Wien, 2. Dez. In Prag beschloß am Mittwoch Abend, wie die „Neue Fr. Presse" meldet, eine vom „Czechischen Frauenverein" einberufene, zumeist von Frauen besuchte Versammlung, den Boykott aller deutschen und jüdischen Geschäftsfirmen. Dem leitenden Comitee für die Agitation gehört die Gattin des Prager Bürgermeisters Srb an. Grostwardein. Am 22. November wurde unter großer Betheiligung und Begeisterung das 26jährige Dienstjubiläum des Lehrers an der isr. Schule, Herrn Jacob Gabel festlich gefeiert. Es hatten sich außer dem Gemeindevorstande und den Gemeindemitgliedern u. A. auch der Bürgermeister, der Stadthauptmann, der Schulinspector, sämmtliche Lehrer der Stadtschule eingefunden. In mehreren Reden wurde das verdienstvolle Wirken des Jubilars eingehend geschildert und ihm seitens der Lehrer und Lehrerinnen ein kunstvoll ausgearbeitetes Album überreicht. Der Jubilar, von dieser Ehrung höchst über-